KolumneWirecard und die bösen Wölfe

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Die Causa Wirecard ist seit gestern um eine Überraschung reicher – die Finanzaufsicht Bafin verhängte am frühen Montagmorgen ein umfassendes Leerverkaufsverbot für die Aktien des Bezahldienstleisters. Das heißt, es ist nicht länger möglich, sich Aktien des Dax-Mitglieds zu leihen, sie am Markt zu verkaufen und damit auf fallende Kurse zu setzen.

Das ist ein in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter – und leider auch besorgniserregender Vorgang. Denn die Finanzaufsicht verbietet nicht einfach die Wirecard-Leerverkäufe, sondern liefert eine ausführliche Begründung dazu, die sich hier nachlesen lässt: Demnach beruft sich die Aufsicht darauf, dass die Ereignisse oder Entwicklungen eine „ernstzunehmende Bedrohung für die Finanzstabilität oder das Marktvertrauen in Deutschland“ darstellen können. Ferner zitiert die Bafin „negative Presseberichte“, die zeitlich zusammenfielen mit verstärkten Netto-Leerverkaufspositionen und mit einer damit einhergehenden „starken Volatilität der Aktie der Wirecard AG“. Damit nimmt die Bafin Bezug auf drei kritische Artikel in der „Financial Times“ über mögliche Governance-Probleme einer asiatischen Tochter, deren Klärung noch aussteht.

Die Volatilität von Wirecard als eine „ernstzunehmende Bedrohung für die Finanzstabilität“? Entweder liegen der Bafin hier erheblich mehr Informationen vor, als sie veröffentlicht. Oder sie leistet sowohl dem Kapitalmarkt als auch Wirecard einen Bärendienst. Seit dem ersten kritischen Artikel der „Financial Times“ ist der Deutsche Aktienindex Dax ein gutes Prozent geklettert. Der Vorstandschef selbst hat berichtet, die Nachrichtenlage habe keinen negativen Einfluss auf das operative Geschäft gehabt.

Missverständnisse über Leerverkäufe

Wenn drei kritische (und bislang nicht widerlegte) Artikel der „Financial Times“ sowie das Auftreten von Leerverkäufern eine Bedrohung für die Finanzstabilität darstellen, ist das ein Grund, von einer Investition in Aktien im Allgemeinen und Wirecard im besonderen abzusehen. Das gilt um so mehr, als dass sich Wirecard 2016 einer viel perfideren, da anonymen Attacke ausgesetzt sah und erheblich mehr Aktien leer verkauft waren als zuletzt – und die Deutsche-Bank-Aktie trotz der 1,5 Billionen Bilanzsumme in ihren finstersten Tagen vor gut zwei Jahren weiter munter leer verkauft werden durfte.

Die wissenschaftliche Literatur zu Leerverkaufsverboten fällt zudem recht deutlich aus: Sie haben in der Vergangenheit weder dazu beigetragen, Volatilität einzudämmen noch Crashs zu verhindern. Besonders „geschützte“ Werte laufen nicht besser, und nein, Leerverkaufsverbote tragen auch nicht dazu bei, mögliche „Todesspiralen“ zu verhindern, weil womöglich fallende Kursen Solvabilitätsprobleme suggerieren. Hier ist ein aktuelles Papier des „European Systemic Risk Boards“ dazu, das konkludiert, „Verbote von Leerverkäufen tendieren dazu, mit höherer Pleitewahrscheinlichkeit und stärkeren Kursverlusten zu korrelieren“. Der Grund? „Der Markt könnte das Verbot als Signal deuten, dass Regulierer über noch mehr negative Informationen über die Solvenz haben als die Öffentlichkeit“. Kurz: eine Maßnahme, die eigentlich Vertrauen herstellen soll, leistet in der Praxis oft das Gegenteil.

Man kennt das auch aus anderen Lebensbereichen: Sobald Fußballtrainern oder Politikern öffentlich das volle Vertrauen ausgesprochen wird und Entlassungsgerüchte dementiert werden, wird es meistens eng für die Betroffenen. Entsprechend wird auch ein Wertpapier, das durch die Aufsicht besonders geschützt werden muss, als weniger wertig wahrgenommen. Etwas überspitzt formulierte es ein US-Marktkommentator am Montag, laut dem solche Leerverkaufsverbote einer ganzseitigen Werbeanzeige entsprächen, doch bitte Wirecard leer zu verkaufen.