KolumneAuch für Wirecard gelten die Gesetze der Schwerkraft

Christian Kirchner
Christian Kirchner, Capital-Chefkorrespondent in FrankfurtGene Glover

Wenn es einen Feind des guten Anlegers gibt, dann ist es der sogenannte „Attention Bias“. Ständig wird unsere Aufmerksamkeit auf Dinge gelenkt, die langfristig von geringer Bedeutung für unseren Anlageerfolg sind. Quartalszahlen hier, Megatrends da, und über allem wabert der Klangteppich mit dem Krisengemurmel über China, Italien, Schulden, Handelskriegen und so fort.

Kaum eine Episode illustriert die Herausforderung fehlgeleiteter Aufmerksamkeit besser als die jüngste Aktienkursentwicklung von Wirecard. Gleich vorweg: Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wie ernst die Vorwürfe zu nehmen sind, die die „Financial Times“ erhebt. Die Finanzzeitung berichtete über den Versuch der Umsatzfälschung in einer asiatischen Einheit, um individuelle Ziele zu erreichen.

Ich biete Ihnen aber eine alternative Erklärung zu den kursierenden Theorien, hier hätte womöglich eine Bande von Journalisten und Leerverkäufern in einem miesen Spiel Kasse gemacht oder es handele sich um einen Megaskandal. Meines Erachtens war eine Reihe kritischer Artikel lediglich der Auslöser dafür, dass sich ein zuvor aufgeblasener Kurs mal wieder normalisiert hat. Normalisiert in Kursbereiche, die für das Wachstum des Unternehmens angemessen sind. Kurz: Die Schwerkraft wirkt und hat den Kurs von Wirecard relativ abrupt wieder dahin gezogen, wo er eigentlich auch hingehört – von wo er sich aber durch eine spektakuläre Übertreibung aufgrund der Dax-Aufnahme entfernt hatte.

Herbe Ausschläge der Wirecard-Aktie

Betrachten wir dazu zunächst eine einfache Reihe von Kursen:

  • 32 Euro
  • 39 Euro
  • 41 Euro
  • 46 Euro
  • 87 Euro
  • 103 Euro

Es handelt sich dabei um die Kurse der Wirecard-Aktie jeweils im Februar seit 2014, einschließlich des aktuellen Kurses von 103 Euro. Die Reihe ist an sich unauffällig, der Kurs ist jedes Jahr ein wenig höher. Schaut ein Investor nur einmal pro Jahr auf die Kurse (ein Erfolgsrezept vieler langfristig erfolgreicher Anleger übrigens) – er wäre vermutlich sehr zufrieden und käme nicht auf die Idee, dass etwas nicht stimmen könnte. In den USA kursiert schon länger das Gerücht, eine große Fondsgesellschaft habe einmal analysiert, welche Kundengruppen die höchsten Renditen erzielten. Und habe herausgefunden, dass es die toten Kunden waren, die überhaupt nicht mehr handelten – was man aber unter Verschluss hielt, weil diese Erkenntnis das Beratungsgeschäft eher stören könnte.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Und Leute vom Zocken abhält. Denn ein Nachrichtenjunkie hat mit der Wirecard-Aktie herbe Ausschläge erlebt: 33 Prozent runter und dann wieder 50 Prozent rauf etwa im Jahr 2016.  Oder 100 Prozent rauf 2018, und wieder fast 50 Prozent runter seit Herbst 2018. Zugegeben, das erfordert Nerven, unterscheidet sich aber bestenfalls im Tempo, nicht aber im Ausmaß der Kursveränderungen von ganz normalen Ausschlägen, die wachstumsstarke Aktien üblicherweise aufweisen. Die Apple-Aktie etwa – zeitweise das wertvollste Unternehmen der Welt – hat in den letzten gut zehn Jahren viermal Rückschläge in der Größenordnung von 35 bis 56 Prozent hinnehmen müssen, wenngleich natürlich über längere Zeiträume hinweg und nicht innerhalb von wenigen Tagen.

Natürlich sollt man den Verlust von 25 Prozent binnen Minuten bei einem Dax-Wert nicht kleinquatschen. Anleger werden mit einer Menge plausibel klingenden Theorien überflutet in solchen Fällen. Aber im Kern geht es immer um das gleiche: Investoren haben schlicht Zweifel, dass die Bewertung gerechtfertigt ist, sprich das Unternehmen über künftige Cashflows seinen Börsenwert rechtfertigen kann.