KolumneDie merkwürdigen Aufseher der Wirecard AG

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

So etwas gab ein bei einer Dax-30-Aktie schon lange nicht mehr: Innerhalb von ein paar Stunden verloren die Papiere der Wirecard AG in der letzten Woche fast ein Viertel ihres Werts. Normalerweise kennt man solche wilden Kursbewegungen nur bei hochspekulativen Start-ups oder Penny-Stocks in den unteren Börsenligen, aber nicht bei den ehrwürdigen Mitgliedern des wichtigsten deutschen Aktienindexes. Bei Wirecard reichte ein kritischer Bericht in der „Financial Times“ aus, um eine kleine Panik unter den Aktionären des Zahlungsdienstleisters auszulösen. Auch das ist nicht alltäglich.

Die Ereignisse in der vergangenen Woche zeigen: Als neuster Dax-30-Wert ist die Wirecard-Aktie noch nicht wirklich in der Welt von Daimler, BASF oder Adidas angekommen. Egal ob der Bericht der britischen Zeitung stimmt oder nicht, sollten die großen Aktionäre von Wirecard darüber nachdenken, wie sie ihren Konzern krisenfester aufstellen können. Und wie immer bei großen Unternehmen, muss man mit den Veränderungen ganz oben anfangen, wenn sie gelingen sollen.

Wirecard Aktie

Wirecard Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Das Führungspersonal von Wirecard entspricht nicht den Anforderungen, die man an einen Dax-30-Konzern stellen muss. Der Gründer und Großaktionär Markus Braun führt das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender selbst. Die übrigen drei Vorstände arbeiten alle seit über zwölf Jahren im Konzern. Es fehlt an Expertise von außen und an Diversität. Drei von vier Vorständen sind alle ungefähr gleich alt und drei von vier Vorständen stammen aus Österreich. Der Vorstand wirkt eher wie eine junge Truppe von Start-up-Freunden, die seit vielen Jahren zusammenhocken, und nicht wie das Leitungsgremium eines Dax-30-Konzerns.

Unerfahrener Aufsichtsrat

Noch merkwürdiger ist die Besetzung des Aufsichtsrats, der bei Wirecard nur aus sechs Personen besteht: Der Vorsitzende Wulf Matthias arbeitete einige Jahre als Vorstand der Deutschland-Tochter der Credit Suisse, verfügt aber über keinerlei Erfahrungen an der Spitze eines großen Konzerns. Auch unter den anderen fünf Aufsichtsräten findet sich niemand, der mit einer früheren Vorstandstätigkeit oder einem Aufsichtsratsmandat in einem anderen großen Konzern glänzen könnte. Die Hälfte der Mitglieder arbeiten als „selbständige Unternehmensberater“, so dass man Interessenkonflikte von vorne herein nicht ausschließen kann. Auch vom Alter her ist die Struktur des Gremiums für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich: Neben den beiden Oldies an der Spitze des Aufsichtsrats – beide bereits um die 75 Jahre alt – sitzen nur junge Manager mit einem Durchschnittsalter unter 50 im Kontrollgremium.

Es gibt keinen anderen Aufsichtsrat unter den Dax-30-Konzernen, der so wenig kollektive Führungserfahrung vereinigt, wie die Wirecard-Mannschaft. Natürlich kann man einwenden, das innovative Geschäftsfeld des Konzerns, das es vor 25 Jahren noch gar nicht gab, erzwinge andere Führungsfiguren als in anderen Konzernen. Doch das Argument trägt nicht allzu weit – man schaue sich zum Vergleich nur den Aufsichtsrat der SAP SE an, in dem zum Beispiel ein ehemaliger Eon-Finanzvorstand und eine hochrangige Google-Managerin sitzen. Man braucht solche erfahrenen Manager vor allem, wenn ein Unternehmen ins Schlingern gerät. So wie Wirecard in der letzten Woche.