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Kolumne Die Allmachtsfantasien des Dr. Diess

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
© Copyright: Martin Kress
Der Vorstandschef des VW-Konzerns rafft immer mehr Aufgaben zusammen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen – und sagt viel über den fehlenden Kulturwandel in Wolfsburg

Erst übernahm VW-Chef Herbert Diess die Verantwortung nur kommissarisch, nun will der Österreicher sie behalten. Es geht um China, den größten und langfristig wohl wichtigsten Absatzmarkt des Konzerns. In den letzten Jahren kümmerte sich ein Vorstandsmitglied allein um das Geschäft im Reich der Mitte. Nun macht Diess diese Aufgabe zur Chefsache. Wie ein Dutzend anderer Sachen zuvor. Der eilige Ingenieur führt inzwischen in Personalunion nicht nur den Konzern, die größte Einzelmarke VW und das gesamte Massengeschäft (VW, Skoda, Seat), sondern auch noch die Bereiche Forschung, Führungspersonal und Kommunikation. Gegenwärtig leitet Diess außerdem noch die IT, will ein Stück davon aber künftig nach unten delegieren, wie man letzte Woche hörte. Warten wir ab, was das konkret heißt.

So oder so wächst die Macht des VW-Konzernchefs durch die Einverleibung des China-Ressorts rapide weiter. Nicht einmal sein in Verruf geratener Vorvorgänger Martin Winterkorn vereinte so viele Aufgaben in einer Hand. Man muss weit zurückgehen in der Geschichte des Konzerns, um eine Figur mit ähnlich starker Rolle im Tagesgeschäft zu finden: Ferdinand Piëch, der als Vorstandschef von 1993 bis 2002 regierte. Manche wollen inzwischen sogar eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit zwischen den beiden entdecken – so als sei Diess der Wiedergänger des großen Ferdinands.

Diess macht sich bei VW unentbehrlich

In der Tat sagt die Machtfülle einiges über den Menschen Diess, der sich mit einem unbändigen Fleiß und einer fast endlosen Energie in so gut wie jede wichtige Frage persönlich hineinkrallt. Offenbar sitzt in seiner Seele ein Stachel, seit er in seinem früheren Job bei BMW den Aufstieg an die oberste Spitze verpasste. Nun hat es Diess in kürzester Zeit geschafft, sich bei VW unentbehrlich zu machen. Niemand kann es auf Vorstandsebene noch mit ihm aufnehmen. Gut geführte Konzerne vermeiden so einen Zustand, bei VW ist er ausdrücklich erwünscht.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Dr. Diess sagt viel über die Unternehmenskultur im Konzern, die sich nach dem Dieselskandal doch angeblich von Grund auf wandeln sollte. In Wahrheit kann man dieses weltweit einmalige Auto-Reich mit seinen zwölf Marken und über zehn Millionen verkauften Pkw wohl nur diktatorisch regieren – und nicht im Team. Damit bleibt der Konzern jedoch zugleich anfällig für die alte VW-Krankheit: eine besondere Virenmischung aus Allmacht und Angst, in der sich Fehlentscheidungen nur sehr schwer korrigieren lassen. Der erste Mann im Staate VW darf sich einfach nicht irren; und irrt er doch, dann geht alles gleich gründlich schief.

Bisher kann man Diess keine größeren Fehler im Alltagsgeschäft des Konzerns vorwerfen. Die Aufarbeitung der Diesel-Betrugsaffäre aber hat der Mann mit den Allmachtsfantasien nicht zur Chefsache gemacht – sondern so weit wie möglich von sich selbst weggedrückt. Seine Reden über einen „Kulturwandel“ waren auch deshalb nur ein Lippenbekenntnis. Diess handelt dabei offenbar ganz nach dem Willen der Porsche-Piëch-Familie, die sich von Anfang an gegen zu viel Transparenz wehrt, um nicht selbst nach ihrer Verantwortung als Großaktionär befragt zu werden.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen .

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