KolumneKeine Atempause für den VW-Konzern

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Für VW-Vorstandschef Herbert Diess beginnt das neue Jahr, wie das alte Jahr zu Ende gegangen ist: mit schlechten Nachrichten im Dieselbetrugsskandal. In der vergangenen Woche eröffneten die Justizbehörden in den USA ein Verfahren gegen vier hochrangige Audi-Manager, die sich nun nicht mehr über den Atlantik trauen werden. Gleichzeitig verklagen zwei weitere Bundesländer den Konzern vor deutschen Gerichten auf Schadenersatz. Man darf davon ausgehen, dass es 2019 so weiter gehen dürfte. Der Konzern kommt nicht zur Ruhe.

Die Justizbeamten in den USA arbeiten deutlich schneller als die Staatsanwälte bei uns. Deshalb kamen die aufregendsten Nachrichten bisher von dort. Zwei VW-Manager verbüßen bereits ihre Strafe in amerikanischen Gefängnissen, während bei uns lediglich Manager wie der frühere Audi-Chef Rupert Stadler in U-Haft saßen und daher bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig zu betrachten sind. Doch man sollte sich nicht täuschen: 2019 schlägt die Stunde der deutschen Justiz und man kann sich darauf verlassen, dass ihre Mühlen besonders fein mahlen werden. Schon allein deshalb, weil sich die deutschen Ermittler ihren Schneid nicht von den Kollegen in den USA abkaufen lassen wollen. Für VW bedeutet das: Es wird nun auch in Deutschland eng.

Ins Gefängnis werden nur wenige wandern

Mit allzu viel Milde sollten die betroffenen Manager auch bei uns nicht rechnen. VW hat in den letzten Monaten viele Richter und Staatsanwälte massiv verärgert – zum Beispiel durch Verdunkelungsversuche wie im Fall Stadler oder durch mehrere Versuche, Richter wegen Befangenheit abzuschießen. Die häufig versprochene „vollumfängliche Zusammenarbeit“ mit den Ermittlungsbehörden gab es im Konzern nie. Im Vordergrund stand lange – viel zu lange – der Versuch, frühere Vorstände aus der Schusslinie zu halten. Das gilt vor allem für den langjährigen VW-Chef Martin Winterkorn, der sich seinen Rücktritt mit einem Persilschein des Aufsichtsrats vergolden ließ.

Wahr ist allerdings auch: Nach unseren Gesetzen ist vieles nicht so gefährlich wie in den USA. „Obstruction of Justice“ bestrafen amerikanische Richter hart. Bei uns werden Manager nur sehr, sehr selten wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Auch die Höhe der Strafen erreicht bei uns bei Wirtschaftsstrafsachen nicht die Dimensionen wie in den USA. Insofern können Winterkorn und Co. froh sein, dass sie nicht in die Fänge der amerikanischen Justizbehörden geraten sind. Sieben Jahre Haft wie gegen den VW-Manager Oliver Schmidt in den USA? Das wäre bei uns wohl ziemlich undenkbar.

Man darf die Prognose wagen: Am Schluss werden wohl nur sehr wenige ehemalige VW- und Audi-Manager in ein deutsches Gefängnis wandern. Trotzdem bleiben am Ende viele vernichtete Karrieren, wenn nicht sogar ein vernichtetes Leben. Die Manager sollten sich aber auch nicht selbst bemitleiden. Sie haben über Jahre, manchmal sogar über ein ganzes Jahrzehnt hinweg, ein systematisches Betrugssystem entwickelt und mit großer krimineller Energie versteckt. Es gab keinen zweiten Fall in der deutschen Nachkriegsgeschichte, in dem sich so viele führende Köpfe eines Konzerns über so lange Zeit persönlich schuldig gemacht haben.