GeldanlageWarum sich Investmentprofis von Anleihen verabschieden

Blick in den Händlersaal einer Bank
Blick in den Händlersaal einer BankGetty Images

Der US-Amerikaner James Carville, ehemaliger Berater von Bill Clinton, sagte einmal, dass er in seinem nächsten Leben als Anleihemarkt auf die Welt kommen wolle – denn dort liege die wahre Macht. Diese Meinung dürften derzeit nur wenige Marktteilnehmer teilen. Die anhaltend niedrigen Zinsen, deren Niveau teilweise unter die Nulllinie gerutscht ist, machen Anleihen zu einem unattraktiven Investment. Immer mehr Fondsmanager nehmen deshalb Abstand von festverzinslichen Wertpapieren, setzen eher auf Cash und vor allem auf Aktien. Dieser Wandel spiegelt sich nun auch in Zahlen wider: Im Oktober floss mehr Kapital in aktienbezogene Exchange Traded Products (ETP) als in festverzinsliche ETPs. In den vorangegangenen Monaten hatte das noch anders ausgesehen, zeigen Zahlen der US-amerikanischen Vermögensverwaltung Wisdomtree.

Tatsächlich sind die Zeiten vorbei, in denen Anleihen ein stabiles Einkommen garantiert haben, sagt Georg Graf von Wallwitz, Chef der Münchner Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz. „Anleihen werfen nichts mehr ab, kommen häufig ohne Coupon und wer sie kauft, kann einzig auf den Kursgewinn hoffen, will er eine Rendite erwirtschaften.“ Angesichts niedriger oder gar negativer Zinsen seien Anleihen inzwischen volatiler und abhängig von der Kauflaune der Zentralbanken sowie der Entwicklung des Zinsniveaus. Damit steige ihr Risiko, warnt von Wallwitz. Inzwischen seien Anleihe- und Aktieninvestments gar ähnlich risikoreich. Zwar könne es am Aktienmarkt jederzeit zu einem Kursrutsch kommen. „Aber die Wahrscheinlichkeit, lange warten zu müssen, bis man sein Geld wiedersieht, ist in beiden Asset-Klassen mittlerweile ähnlich hoch, denn auch am Rentenmarkt kann es zu einem Crash kommen.“ Das Risiko, das ein Anleger eingeht, werde ihm am Aktienmarkt hingegen besser bezahlt.

Aktien statt Anleihen

Mehrere Fondsmanager erhöhen angesichts dieser Entwicklungen ihre Aktienquote im Portfolio. So auch Frank Fischer, Vorstandsmitglied der Shareholder Value Management AG, der die Nettoaktienquote seines Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen auf 88 Prozent angehoben hat. Er glaubt, dass sich Marktteilnehmer künftig verstärkt offensiv aufstellen – auch, weil sich das wirtschaftspolitische Umfeld aufgehellt hat. Das treibt die Aktienkurse nach oben. Vor allem in Europa sei „aufgrund verbesserter makroökonomischer Daten“ verstärkt Kapital in aktiengebundene ETPs geflossen, sagt auch Aneeka Gupta, stellvertretende Direktorin bei Wisdomtree Europa. So habe etwa die Verlängerung des Brexits bis Ende Januar 2020 für Optimismus gesorgt.

Und auch eine vorsichtige Annäherung der streitenden Großmächte China und USA in Form eines ersten Handelsabkommens stimmt Aktienanleger derzeit positiv. Nicht zu vergessen die nahende Jahresendrally, in deren Licht Aktien noch einmal rosiger aussehen dürften.

Olivier Marciot, Portfoliomanager beim schweizerischen Vermögensverwalter Unigestion, geht zudem davon aus, dass „Regierungen und Finanzinstitute in Zukunft ‚alles tun werden, was nötig ist‘, um jeglichen wirtschaftlichen Schock zu verhindern und so die soziale Stabilität zu erhalten.“ Deshalb erwartet er, dass das Risiko für die meisten liquiden risikoreichen Anlagen sinkt. Aktien könnten damit „zu den neuen Anleihen werden und Erträge mit einem geringen Verlustrisiko generieren.“