Capital-Test 50 Aktien fürs Leben

Symbolbild Börsenkurs
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© Getty Images
Gerade bei unruhigen Märkten lohnen langfristige Investments. Erneut hat Capital aus 1800 Aktien die besten 50 Dividendentitel herausgefiltert, die zuverlässig Rendite versprechen

Wenn irgendwo auf der Welt eine Schraube locker sitzt, ist das im US-Städtchen New Britain jedes Mal ein Grund zur Freude. Eine lockere Schraube bedeutet: Jemand muss sie wieder festdrehen, muss womöglich erst mal im Baumarkt das nötige Werkzeug kaufen, etwa den Akku-Bohrschrauber 18 V BDCDD18N – oder das 29-teilige Schraubendreherset mit Ratsche, Artikelnummer BDHT0-62130V. Die beiden Produkte haben gemeinsam, dass sie ein Konzern herstellt, der in New Britain an der US-Ostküste residiert: Stanley Black & Decker.

Die Ursprünge des Werkzeugmachers reichen bis 1843 zurück, heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 60.000 Mitarbeiter und ist an der Börse gut 18 Mrd. Euro wert. Stanley Black & Decker zahlt nicht nur seit Jahrzehnten eine Dividende, der Konzern hat sie sogar seit 51 Jahren angehoben. Kein Wunder, dass Investoren mit der Aktie in den vergangenen 25 Jahren mehr als zehn Prozent Rendite erzielt haben – pro Jahr.

Der Bohr-und-schraub-Konzern ist damit ein Paradebeispiel für Papiere und Unternehmen, nach denen Capital in diesem Jahr erneut gefahndet hat: nach 50 Aktien fürs Leben. Seit 2015 veröffentlicht Capital die Analyse zum vierten Mal – sie ist damit schon fast ein Klassiker. Weil die Auswahl so beliebt ist und weil Investoren prüfen können, ob bekannte Titel weiter Kaufkandidaten sind und welche Papiere neue Chancen bieten.

Der Grundgedanke der Liste ist dabei stets derselbe: Es geht im Kern um besonders dividendenstarke Aktien, die ihre Eigentümer über mehrere Börsen- und Wirtschaftszyklen am Erfolg beteiligen. Zugleich dürfen die Papiere nicht zu teuer sein und müssen trotzdem Chancen haben, künftig weiterzuwachsen – so wie Stanley Black & Decker, dessen Gewinne laut Analysten um neun Prozent pro Jahr zulegen sollen.

Die 50 Werte sind dabei aus Sicht von Capital kein schlüsselfertiges Anlagekonzept, in das Sparer nur noch blindlings investieren müssen. Die Rankings sind auch keine explizite Kaufempfehlung. „Wir wollen mit der Liste vielmehr eine Auswahl bieten, die Anlegern als Inspiration für die eigene Analyse und Entscheidung dienen soll“, sagt der Berliner Investor und Bestsellerautor Christian Röhl („Cool bleiben und Dividenden kassieren“), mit dem Capital die Unternehmen des Stoxx Global 1800 gemeinsam durchleuchtet hat. Fünf Thesen sollen Anlegern die Navigation durch die Top 50 erleichtern.

#1 Seien Sie langweilig …

Im Leben kann man leider nur selten mit den Dingen angeben, die grundsolide sind. Das gilt auch für Aktien: Zum Partygespräch taugen Techwerte wie Tesla, selbst wenn unklar ist, ob der Konzern je Geld verdienen wird. W. W. Grainger dagegen? Kennt keiner, dabei hat der US-Händler von Industriegütern in den vergangenen 25 Jahren mehr als elf Prozent Gesamtrendite für seine Anleger erwirtschaftet, pro Jahr.

Die meisten der 50 Top-Aktien sind so: vollkommen glamourfrei. Unter ihnen findet sich kein einziges Techunternehmen. Stattdessen führen 14 Industriewerte die Rangliste an, dahinter folgen immerhin acht Finanzfirmen wie der US-Versicherer Aflac und Konsumwerte wie der kanadische Lebensmittelhändler Metro. „Die Unternehmen bieten stetige und insofern langweilige Cashflows, weil sie ein sehr etabliertes Geschäft haben“, sagt Röhl. Und Arne Rautenberg, Fondsmanager beim genossenschaftlichen Vermögensverwalter Union Investment, sagt: „Dividendentitel verfügen klassischerweise über ein sehr vorhersehbares Geschäftsmodell.“

Zudem gibt es auch einen rein formalen Grund für die Abwesenheit jeglicher Börsenstars wie Facebook und Google: Sie sind oft noch keine 25 Jahre an der Börse und können daher auch keine 25-jährige Dividendenhistorie vorweisen. Ein weiterer Grund: „Wachstumswerten wie Techtiteln kommt in der Aufbauphase ihres Geschäfts nicht in den Sinn, Gewinne auszuschütten, weil sie jeden Cent in ihr Wachstum investieren“, sagt Robert Palvadeau, Dividendenfondsmanager bei der Deka. Die Konzerne aus der 50er-Liste dagegen generieren mehr Geld, als für ihr Wachstum notwendig ist – und schütten den Rest aus.

#2 … und üben Sie sich in Geduld

Für Anleger hat die Stabilität der Dividendentitel einen Vorteil, gerade bei einer sich verschlechternden Wirtschaftslage: „Wenn andere umfallen, sind sie im Zweifel defensiver“, sagt Palvadeau. „Die 50 Unternehmen in der Liste haben bewiesen, dass sie über Jahrzehnte mit Risiken umgehen können“, meint auch Röhl. Capital achtet bei der Auswahl daher darauf, dass die Unternehmen nie mehr als 60 Prozent ihrer Gewinne ausschütten – damit sie immer ein Polster haben.

Trotzdem mahnt Röhl zur Geduld, „Sparer brauchen Ausdauer“, sagt er. Das belegt der Rückblick auf frühere Top-50-Listen, aber auch der Top-50-Wert M&T Bank aus den USA. Wer hier im Jahr 2001 investierte, hatte 2011 inklusive Dividenden immer noch ein Minus von 22 Prozent im Depot. Erst später drehte sich das Vorzeichen. Allerdings haben Dividendenpapiere gerade ihren Reiz, wenn die Börsen wie derzeit ruppig werden. „Solche Papiere fallen zwar ähnlich stark wie der Gesamtmarkt, aber sie finden schneller aus einem Abschwung heraus“, sagt Röhl.

Zudem haben Dividenden einen psychologischen Wert. „Ich halte den Spatz in der Hand, weil ich regelmäßig Geld erhalte“, so Rautenberg. Die Ausschüttungen trösten quasi über Kursverluste hinweg. „Von Dividendentiteln und ihren Zahlungen können Anleger leben, bei Werten mit unsteter oder keiner Dividende können sie nur hoffen, dass sich das irgendwann ändert“, sagt Röhl.

#3 Halten Sie es mit Trump …

Der US-Präsident hat seine Amtszeit bekanntlich unter das Motto ­„America first“ gestellt – und Anleger dürfen sich daran ruhig ein Beispiel nehmen: Mehr als die Hälfte der Papiere in den Top 50 stammen aus den USA. Damit ist der Anteil zwar niedriger als im bekannten Weltaktienindex MSCI World (63 Prozent), aber dennoch deutlich.

Einer der Gründe: „Erstens sind in den USA besonders viele Firmen börsennotiert, die Auswahl ist also sehr groß“, sagt Deka-Experte Palvadeau. Zudem schütten US-Konzerne ihre Gewinne weniger zyklisch aus als etwa die Europäer und streichen sie seltener zusammen. „In den USA beteiligen Unternehmen Aktionäre am Gewinn über Aktienrückkäufe und über Dividenden. Bei Problemen streichen sie zuerst die Rückkäufe, deshalb bleibt die Dividende oft konstant“, sagt Rautenberg. Zudem sind Dividenden in den USA eine traditionsreichere Einkommensquelle als in Europa, etwa für die Altersvorsorge. „Auch das ist ein Grund für die vielen US-Firmen in der Liste“, sagt Röhl.

#4 … aber achten Sie trotzdem Ihre Nachbarn

Anders als Trump, der ja so seine Nöte hat mit Amerikas Nachbarn, sollten deutsche Anleger eher einen interessierten Blick über die Grenzen werfen, zum Beispiel nach Frankreich. Immerhin sechs Top-Werte kommen dieses Jahr aus Frankreich, aus Deutschland dagegen zwei: Siemens und Fresenius.

Das liegt zum einen daran, dass überhaupt nur elf hiesige Börsenkonzerne für die 50er-Liste infrage kämen, weil nur sie in den vergangenen 25 Jahren ihre Dividenden nie gekürzt oder gestrichen haben. Dazu zählen etwa SAP, Henkel und Beiersdorf. Hinzu kommt: „Die für Deutschland wichtigen Sektoren Automobil, Industrie und Chemie sind zyklische Branchen mit vergleichsweise stark schwankenden Gewinnen“, sagt Deka-Experte Palvadeau. Das führt in konjunkturellen Abschwüngen zu volatilen Dividenden.

Anders in Frankreich: „Viele Unternehmen stammen aus der Konsumbranche und sind stabiler“, sagt Rautenberg. Dazu zählt etwa der Lebensmittelkonzern Danone, ähnlich ist es bei Sodexo: Der Konzern betreibt unter anderem Kantinen – und kann in einer Krise sogar noch profitieren, weil andere Unternehmen dann ihre Mitarbeiterrestaurants an ihn auslagern. Zudem findet Röhl: „Die französische Politik setzt seit Jahrzehnten darauf, nationale Champions zu schaffen und zu schützen. Auch deshalb gibt es so viele starke Großunternehmen.“

#5 Und öffnen Sie sich für Asiaten!

Unternehmen aus Japan haben, nach den USA, den zweithöchsten Anteil unter den Top 50: Immerhin liegt er bei 16 Prozent. Dummerweise haben japanische Aktien in deutschen Depots nach wie vor einen Exotenstatus. Dabei bietet die Capital-Liste reichlich Argumente für japanische Konzerne – auch wenn das vielleicht verblüfft, weil Nippons Aktien nach dem Crash Ende der 80er-Jahre jahrzehntelang daniederlagen.

An erster Stelle gibt es jedoch einen kulturellen Grund für die vielen japanischen Aktien, der Anhängern einer Dividendenstrategie einen Vorteil verschafft: Es kommt dort einem Gesichtsverlust gleich, die Dividenden zusammenzustreichen, deshalb bleiben sie konstant. Zudem hätten sich viele große Unternehmen dort in den vergangenen Jahren verändert und gut aufgestellt, sagt Portfolio-Stratege Röhl. Als Beispiele für neue Rahmenbedingungen nennt er den demografischen Wandel und das seit Jahren niedrige Wachstum.

Schlussendlich gilt: Japanische Aktien sind vergleichsweise billig, während manches teure Papier aus Europa oder den USA durch die Capital-Kriterien ausgesiebt wurde. So kommt der Weltaktienindex MSCI World derzeit auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis – daran lässt sich grob beziffern, wie teuer Aktien sind – von mehr als 18, während der MSCI Japan Ende August nicht mal bei 13 lag. Und in einer Welt voller Niedrigst- und Minuszinsen, vielem Geld und deshalb kräftig steigenden Vermögenspreisen ist das ja schon eine echte Rarität – und womöglich eine gute Kaufgelegenheit, um mehr Stabilität ins Depot zu holen.

50 Aktien
Infogram

So hat Capital getestet

Die große Capital-Auswertung basiert auf einer Methodik, die seit Jahren nahezu unverändert ist. Die Grundlage des Auswahlverfahrens bildet der sogenannte Stoxx Global 1 800. Dieser Aktienindex umfasst die 600 größten und liquidesten Werte jeweils aus Nordamerika, Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum. Capital hat diese 1800 Aktien anhand von zwölf Kriterien gefiltert. Diesen Prozess hat in diesem Jahr erstmals der Berliner Investor und Bestsellerautor Christian Röhl („Cool bleiben und Dividenden kassieren“) für Capital übernommen. Die Kriterien für die Auswahl blieben weitgehend gleich, nur die Reihenfolge der Filter wurde diesmal umgedreht.

Schulden: Im ersten Schritt analysierte Capital die Schulden des Unternehmens. Entscheidendes Kriterium dabei war, dass die Verbindlichkeiten gemessen am Gesamtkapital des Unternehmens die 70-Prozent-Marke nicht überschreiten. Das stellt sicher, dass das Unternehmen einen Puffer für schlechte Zeiten hat. An diesem Filter sind zahlreiche Banken wie die schweizerische UBS gescheitert, aber auch McDonald’s – hier beträgt der Wert 125 Prozent.

Wachstum und Bewertung: Im nächsten Schritt fielen Unternehmen wie BASF durch das Raster, deren Gewinn je Aktie im Schnitt der vergangenen fünf Jahre gesunken ist. Zudem kamen Konzerne wie Sony und Peugeot nicht weiter, bei denen Analysten im Schnitt damit rechnen, dass der Gewinn je Aktie in den kommenden drei bis fünf Jahren sinken wird. Zudem hat Capital gleich drei Kriterien genutzt, um zu teure Aktien auszuschließen. So sind in der Liste nur Werte enthalten, bei denen das Verhältnis von Kurs zu Buchwert maximal 10 beträgt, dadurch flogen etwa Unilever und Pepsi­co raus. Das zweite Kriterium, um mögliche Überbewertungen zu identifizieren, war das Verhältnis von Kurs zu Cashflow: Es darf bei maximal 20 liegen. Daran scheiterten SAP, Beiersdorf und Puma. Auf diese Kennziffer legte Capital besonderen Wert, weil der freie Cashflow anders als der Gewinn kaum zu manipulieren ist und angibt, welche freien Mittel ein Unternehmen nach Abzug aller Kosten, Steuern und Investitionen für Dividenden übrig hat. Als letztes der drei Bewertungskriterien bildete Capital den Quotienten aus dem Kurs-Gewinn-Verhältnis und dem prognostizierten Wachstum der Gewinne – hier durften die Unternehmen den Faktor 5 nicht überschreiten.

Verlustaufholung: Eine Runde weiter schafften es Aktien nur, wenn sie in den vergangenen 25 Jahren über jeden 15-Jahres-Zeit­raum (auf Jahresbasis) zwischenzeitliche Verluste inklusive ­Dividenden wieder aufgeholt und über jeden Zehn-Jahres-Zeitraum (auf Jahresbasis) maximal 30 Prozent eingebüßt haben. Am ersten Kriterium scheiterte die Allianz, am zweiten kamen Toyota und der Sicherheitskonzern Securitas nicht vorbei.

Dividenden: Das wichtigste und entscheidende Kriterium ist und bleibt die Dividendenkontinuität: Capital hat ausschließlich Aktien berücksichtigt, die mindestens 25 Jahre gelistet sind und die ihre Dividende über 25 Jahre nie gestrichen oder gekürzt haben. So schaffte es deshalb etwa Rheinmetall nicht in die Top 50. Das Kriterium stellt sicher, dass ein Unternehmen über mehrere Konjunktur- und Börsenzyklen hinweg fähig und willens war, Aktionäre am Firmenerfolg zu beteiligen. Ferner muss die Dividendenrendite mindestens ein Prozent betragen, während die durchschnittliche Ausschüttungsquote der vergangenen fünf Jahre und im vergangenen Jahr bei maximal 60 Prozent des Gewinns liegen darf, daran scheiterten etwa Nestlé und Procter & Gamble. Das Kriterium stellt sicher, dass die Dividenden nicht aus der Sub­stanz gezahlt werden.

Der Beitrag ist in Capital 10/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay


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