AktienFalsches Spiel mit Strafzinsen


Daniel Saurenz betreibt das Investment- und Anlageportal Feingold Research. Der Journalist hat unter anderem für Börse Online und die Financial Times Deutschland geschriebenDaniel Saurenz betreibt das Investment- und Anlageportal Feingold Research. Der Journalist hat unter anderem für Börse Online und die Financial Times Deutschland geschrieben


Im Sommer 2016 steigen die Aktienkurse – und steigen. Was eigentlich nicht sein sollte, überrascht auf der anderen Seite kaum. Denn die Schwarzmaler wollten im Frühjahr und Frühsommer allen nahe bringen, dass ein Crash bevor stünde. Dabei übersah man, dass Strafzinsen und eine vergleichsweise absurde Bewertung bei Staatsanleihen und Immobilien die Gattung Aktien im Vergleich sehr attraktiv macht. Doch sind Strafzinsen nicht eine Bankrotterklärung, die private Sparer langfristig arm machen?

EZB-Chef Mario Draghi und seine Kollegen aus der Schweiz und Japan wollen der Bevölkerung weißmachen, dass man mit Strafzinsen die Wirtschaft ankurbeln könne. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Nach einem kurzen Zinsanstieg nehmen die Zinsen in den Industriestaaten nämlich wieder die Rekordtiefs ins Visier: Für den zwischenzeitlichen Anstieg hatte die Aussicht auf Helikoptergeld in Japan gesorgt. Investoren waren davon ausgegangen, dass man mit Helikoptergeld die japanische Wirtschaft ankurbeln und damit auch die Inflation anheizen könne.

Eine Belastung für die Wirtschaft

Inzwischen scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Zinsen in den USA ebenfalls in den Strafzinsbereich abrutschen werden. Die Konjunkturerholung in den USA läuft bereits seit Mitte 2009 und damit länger als selten zuvor. Der nächste Wirtschaftsabschwung rückt damit von Tag zu Tag näher. In Krisenzeiten senkt die US-Notenbank die Zinsen üblicherweise um 500 Basispunkte (fünf Prozentpunkte). Albert Edwards, Anlagestratege der „Société Générale“ hatte bereits im Januar 2016 prognostiziert: „Wir werden – so glaube ich – Zeuge eines schockierenden Spektakels von Leitzinsen von minus fünf Prozent am Tiefpunkt der nächsten Rezession sein.“ Die Fed sollte sich allerdings zwei Mal überlegen, ob sie Strafzinsen einführt, denn sie kurbeln die Wirtschaft nicht etwa an, sondern schwächen sie.

Denn den Sparern entgehen durch die immer niedrigeren Strafzinsen immer mehr Zinseinnahmen, weshalb sie weniger Geld für den Konsum haben. Gleichzeitig tun sich viele hochverschuldete Verbraucher zusehends schwer, noch mehr Schulden zu machen, weil die Verbraucher nicht nur die Zinsen bezahlen müssen, sondern auch die Kredite tilgen. Dieses Problem versucht die EZB mit den Strafzinsen zu „lösen“. „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das ist kurz gesagt meine Einschätzung der Notenbanken“, sagte Kim Rupert, Chefin der Anleihenabteilung des US-Börsenbriefs Action Economics in Anspielung auf das berühmte Zitat von Albert Einstein.

Strafzinsen stellen das Geschäftsmodell von Banken und Versicherungen in Frage

Strafzinsen können die Wirtschaft nicht ankurbeln, schon gar nicht nachhaltig. Die Verbraucher werden nur dann konsumieren und die Unternehmen nur dann investieren, wenn sie die Zukunftsperspektiven optimistisch einschätzen. Strafzinsen signalisieren genau das Gegenteil. Die Zinsen sind deswegen so niedrig, weil es der Wirtschaft schlechter geht als je zuvor, und weil die eigentlich untragbaren Schuldenberge vieler Staaten, wie Italien, Frankreich oder Spanien laut der Einschätzung von Mario Draghi nur mit Strafzinsen tragbar sind. Zweitens führen die Strafzinsen in etlichen Ländern dazu, dass die Konsumenten nicht etwa weniger, sondern mehr sparen. Die Rechnung ist völlig logisch.

Angenommen bei einem Kapital von 100.000 Euro und einem Zinssatz von zehn Prozent erzielt ein Sparer Zinseinnahmen von 10.000 Euro pro Jahr. Wenn der Zinssatz auf fünf Prozent sinkt, muss man 200.000 Euro ansparen, um weiterhin Zinseinnahmen von 10.000 Euro zu erzielen. Je weiter die Strafzinsen nach unten gedrückt werden, umso mehr könnten viele Verbraucher sparen, zumal sie wissen, dass ihre erwarteten Einnahmen aus Lebensversicherungen immer geringer werden. Wie will eine Versicherung eine Rendite von fünf bis sieben Prozent pro Jahr erwirtschaften, wenn die Versicherung rund 85 Prozent des Kapitals in Anleihen investiert, von denen inzwischen viele Strafzinsen abwerfen?

Deshalb gibt es einen Ausweg und eine Schlussfolgerung – Aktien gehören ins Depot. Denn inzwischen sollte dem allerletzten Anleger klar sein, dass die Strafzinsen nicht etwa den Sinn haben, die Wirtschaft zu stimulieren, sondern vor allem den Aktienmarkt nach oben zu treiben. Und genau das schaffen die Strafzinsen derzeit. Obwohl die Zinsen in den Industriestaaten schon bald auf neue Rekordtiefs abrutschen dürften – und damit eine sehr schlechte Konjunkturentwicklung und damit trübe Gewinnperspektiven für die Unternehmen vorhersagen – flüchten Investoren auf der Suche nach Rendite in den DAX.

Denn die Dividendenrendite des DAX liegt bei rund drei Prozent – angesichts von Strafzinsen für Bundesanleihen sind Aktien für Investoren sehr verlockend. Gleichzeitig suchen Investoren nach Aktien, die noch nicht extrem hoch bewertet sind. Derzeit liegt das KGV des DAX mit zwölf weit unter dem des S&P500 von 17. Entsprechend läuft der DAX seit Mitte Juli, als die Hoffnung auf Helikoptergeld hochgekocht ist, viel besser als der S&P500. Wer auf den Zug aufspringen will: mit einem ETF wie der LYX0AC. Denn wenn Aktien sich den Bewertungen bei Immobilien oder Staatsanleihen anpassen, wird die 11.000 nur eine Zwischenstation in den nächsten Jahren sein – „dank“ der Zinslandschaft.