Grüne AnleihenEU-Greenbonds: Grün ist nicht gleich grün

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte Tallinn vergangene Woche. Sie traf sich dort mit Premierministerin Kaja Kallas, um über die Pläne Estlands zum wirtschaftlichen Neustart nach der Pandemie zu sprechen. Das Bild zeigt sie bei der PressekonferenzIMAGO / Scanpix

Europa soll grün werden und aus einem Jahrzehnt der wirtschaftlichen Stagnation herauswachsen. Nach dem Green New Deal, dem Flaggschiff-Projekt der EU-Kommission unter Leitung von Ursula von der Leyen, kommt jetzt noch „NextGenerationEU“, nach eigenem Verständnis der Union „das Herz der EU-Antwort auf das Coronavirus“. Es geht um ein Programm von 2 Billionen Euro. Viel Geld also, das irgendwie aufgebracht werden muss.

Teil von NextGeneration EU ist die „Recovery and Resilience Facility“, im Wesentlichen ein nachhaltiges Konjunkturprogramm zur Finanzierung von Gebäudedämmung, nachhaltigem Transport, schnellem Breitband und vielen anderen Projekten. Es ist mit 723,8 Mrd. Euro veranschlagt. Insgesamt will die EU bis Ende 2026 800 Mrd. Euro durch die Ausgabe von Anleihen in die Kasse holen und sich bis dahin in jedem Jahr rund 150 Mrd. Euro am Kapitalmarkt leihen. Bis 2058 sollen die Schulden aus NextGeneration EU dann abbezahlt sein, heißt es in einer Capital vorliegenden Investoren-Präsentation.

Ein Drittel der neuen Schulden sollen über grüne Anleihen (Greenbonds) finanziert werden. „Die EU wird dadurch zum Schrittmacher für den Markt für grüne Anleihen“, sagt Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten und Währungen, bei Union Investment Privatfonds.

Greenbond mit Laufzeit bis 2037

Heute kommt der erste EU-Greenbond an den Markt. Er gilt als Meilenstein für die grüne Finanzwirtschaft in Europa. Mit dem avisierten Volumen von 12 Mrd. Euro wäre der Greenbond die bislang größte grüne Staatsanleihe. Kleiner Schlenker am Rand: Ausgestochen würde in Sachen Größe das Vereinigte Königreich, das mit 10 Mrd. Pfund (11,7 Mrd. Euro) bislang der grüne Schuldenweltmeister ist. In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden nach Berechnungen der Unternehmensberatung Capmarcon weltweit nachhaltige Finanzierungen (einschließlich Social Bonds) im Volumen von 659,03 Mrd. Euro getätigt, davon entfielen 56,5 Prozent auf Europa – insbesondere wegen starker Emissionstätigkeit in Frankreich und Skandinavien.

Die heute zur Emission stehende Anleihe hat eine Laufzeit bis Februar 2037 und wird voraussichtlich eine etwas niedrigere Rendite als eine klassische Anleihe dieser Laufzeit haben. Am Markt wird dies als „Greenimum“ bezeichnet, ein Wortspiel aus Green und Premium. Schwierig ist es in diesem Fall allerdings, einen Vergleichswert zu finden, weil die EU selbst nur wenige Anleihen am Markt hat. Eine im Juli begebene EU-Anleihe mit 20 Jahren Laufzeit rentiert aktuell mit 0,47 Prozent. Bundesanleihen mit 15 Jahren Laufzeit, die bislang die Benchmark für Europa sind, rentieren mit 0,13 Prozent. Bei Investoren kommt die Anleihe auf jeden Fall gut an. Berichten zufolge sollen sie sich insgesamt bereit gezeigt haben 120 Mrd. Euro abzunehmen, die Anleihe war demnach zehnfach überzeichnet.

Die Einnahmen aus der Anleihe sollen im Rahmen von NextGeneration für neun große Ausgabenkategorien verwendet werden, darunter Energieeffizienz, saubere Energie und Anpassung an den Klimawandel. So weit, so grün.

Welche Kriterien werden angewendet

Wie für jede nachhaltige Geldanlage stellt sich auf die EU-Greenbonds die Frage, welchen Kriterien für Nachhaltigkeit angewendet werden. Die EU erweckt im Hinblick auf ihre grünen Anleihen allerdings den Eindruck, die rechte Hand weiß nicht was die linke tut.

Die heute zur Emission stehende Anleihe folgt dem Green Bond Framework, welches die Generaldirektion Budget am 7. September veröffentlicht hat. Es folgt in etwa dem Regelwerk der deutschen Finanzagentur für grüne Bundesanleihen und orientiert sich am Standard des Kapitalmarktverbandes ICMA.

Nur zwei Monate zuvor, also vor den Sommerferien, hat die EU-Kommission einen Vorschlag für eine Verordnung über europäische grüne Anleihen vorgelegt, mit dem ein European Union Green Bond Standard (EUGBS) etabliert werden soll. Über den Jahreswechsel soll dieser vom EU-Parlament und -Rat voraussichtlich beschlossen werden. „Der freiwillige EUGBS geht in drei wesentlichen Punkten über den ICMA-Standard hinaus“, sagt Kopf.

Zunächst werde der nur sechs Seiten kurze und etwas informelle ICMA-Standard in einen detaillierten Gesetzestext überführt. Außerdem stelle der EUGBS eine Verbindung zur EU-Taxonomie für nachhaltige Geldanlagen her.

„Die Mittel aus europäischen grünen Anleihen dürfen nur für die sechs taxonomiekonformen Wirtschaftsaktivitäten eingesetzt werden, nämlich Minderung und Anpassung an den Klimawandel, Kreislaufwirtschaft, Biodiversität und Schutz von Luft und Wasser“, erläutert Kopf. Das NextGenerationEU-Programm geht darüber jedoch hinaus.

Außerdem sollen die grünen Anleihen unabhängig von Experten evaluiert werden, die ähnlich wie Ratingagenturen von der EU-Finanzmarktaufsicht ESMA reguliert werden sollen.

Zwei parallele Regelwerke

„Die Europäische Kommission will den EUGBS als Goldstandard etablierten“, sagt Kopf. „Nicht alle grünen Anleihen werden diesen Standard erfüllen, zumal die Taxonomie noch nicht fertig ist.“ Das hat nach Einschätzung des Experten erhebliche Konsequenzen für die heutige und kommende ähnliche Emissionen: „Die grünen Anleihen der EU werden vollständig den ICMA-Standards entsprechen“, sagt Kopf. „Sie werden allerdings den EU Green Bond Standards (EUGBS), wie sie derzeit erwartet werden, wahrscheinlich nicht entsprechen, da die Vorgabe der vollständigen Taxonomie-Konformität der Mittelverwendung nicht den Richtlinien von Next Generation EU entspricht.“ Den EUGBS bezeichnet er als „sehr restriktiv“.

Die Konsequenz ist, dass sich zwei Regelwerke parallel etablieren. Das dürfte zumindest das Ziel, die EU global zum regulatorischen Vorreiter für nachhaltige Geldanlagen zu machen, unterminieren. „Es wird voraussichtlich nur wenige Anleihen geben, die den rigiden Vorgaben der EU-Taxonomie vollständig entsprechen“, sagt Kopf. Er fürchtet eine Fragmentierung des Marktes, „was dem Projekt der ökologischen Transformation der europäischen Volkswirtschaften einen Bärendienst erweisen würde.“

Doch auch die Orientierung an der noch in der Diskussion befindlichen EU-Taxonomie für nachhaltige Anlagen schafft Verwirrung und Unsicherheit. „Aktuell ist nicht definiert, was auf EU-Ebene als grün damit als umwelt- wie klimafreundlich gilt“, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Capmarcon. „Größter Streitpunkt ist unverändert die Einstufung der Stromgewinnung aus Atomkraft und Erdgas.

Die Finanzierung des wegen der Corona-Pandemie deutlich angestiegenen Finanzbedarfs der Staaten führt zur verstärkten Emission der derzeit wegen des ESG-Trends bei Investoren beliebten Anleihen. Doch dieser Boom hat auch Schattenseiten, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel kürzlich feststellte. Viele positive ESG-Zertifizierungen seien „überzogen“ und zahlreiche institutionelle Investoren hätten Befürchtungen signalisiert hinsichtlich der tatsächlichen Nachhaltigkeitswirkung der grünen Anleihen.

 


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