Nach SkandalenCredit Suisse: Frühjahrsputz in der Schweiz

Gleich zwei Skandale überschatten das Image der Credit Suisse: die Schieflage bei Archegos Capital und die Greensill-Pleite
Gleich zwei Skandale überschatten das Image der Credit Suisse: die Schieflage bei Archegos Capital und die Greensill-PleiteIMAGO / Geisser

Thomas Gottstein redet gar nicht erst um den heißen Brei herum. Alle Stakeholder seien „erheblich verunsichert“, sagt der CEO der Credit Suisse an diesem Osterdienstag. Es sind also nicht nur Mitarbeiter und Anleger, die unter den diversen Skandalen und hohen Verlusten bei Europas neuer Problembank Nummer eins leiden. Zu den Stakeholdern, also den potenziell Betroffenen, einer systemrelevanten Bank wie der Credit Suisse zählen eben auch das Finanzsystem und die Gesellschaft. Der nun angekündigte Frühjahrsputz bei dem Schweizer Kreditinstitut sollte also nach Möglichkeit keine weiteren Leichen aus dem Tresorraum zu Tage fördern.

Die Großbank aus Zürich steht aktuell gleich mit zwei Skandalen in den Schlagzeilen: Der jüngere ist der Zusammenbruch des US-Family Office Archegos, das vom früheren Hedgefondsmanager Bill Hwang geleitet wurde.

Der Bank ist nach eigenen Angaben hierdurch ein Schaden von 4,4 Mrd. Schweizer Franken (umgerechnet 3,96 Mrd. Euro) entstanden, was sich in einem Verlust von geschätzt 900 Mio. Franken im ersten Quartal zeigt. Mit dem Ausweis des hohen Verlustes könnte der Fall finanziell ausgestanden sein. Die Credit Suisse habe ihre Positionen in Zusammenhang mit dem Hedgefonds Archegos Capital einem Insider zufolge weitgehend abgebaut, meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

Zwar blieben letzte Risiken bestehen, die Positionen seien aber substanziell verringert worden. Weil Archegos die Forderungen von Credit Suisse und anderen Banken nach mehr Sicherheiten nicht erfüllte, stießen diese im großen Stil Wertpapiere ab, um ihr Geld auf diese Weise reinzuholen.

Vier Fonds mit „Greensill-backed papers“

Der zweite Fall ist die Aussetzung von Fonds zur Lieferkettenfinanzierung in Zusammenarbeit mit Greensill Capital. Anlegern könnten hier Verluste im Milliardenbereich drohen. Ob das für die Vermögensverwaltungssparte und damit die Bilanz der Gesamtbank finanzielle Konsequenzen hat, ist noch nicht absehbar. Details will die Bank am 22. April bekanntgeben.

Für die so genannten Supply Chain-Fonds hat Credit Suisse Asset Management nach Capital-Recherchen erheblich Beträge eingesammelt. In einer Produktinformation von 2019 ist von zwei Fonds mit insgesamt drei Mrd. Dollar die Rede. Am 25. Februar 2021 waren 10,1 Mrd. Dollar in vier Produkten investiert, die „Greensill-backed paper“ enthalten. Drei der Fonds sind in Luxemburg angesiedelt, einer in Lichtenstein. Das Fondsmanagement selbst sitzt in Zürich.

In die vier Fonds waren den Angaben zufolge mehr als 1000 Anleger investiert, alle seien „professionelle/institutionelle“ Investoren. Indirekt könnten deutsche Privatanleger dennoch betroffen sein, etwa wenn ihre Pensionskasse oder Lebensversicherung eines der Produkte gekauft hat. Außerdem sind die Supply Chain-Fonds auch in anderen Fondsprodukten der Credit Suisse mit „alternativen Strategien“ enthalten.

Der Credit Suisse (Lux) Multi Strategy Alternative Fund wies am 29. Januar 2021 für Anlagen in „Factoring“ einen Anteil von 7,8 Prozent aus. Factoring zählt zur Lieferketten-Finanzierung (Supply Chain Finance).

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge will die Credit Suisse die Verluste auf die Fondsanleger abwälzen. Die Bank sei der Ansicht, dass die Risiken rund um Greensill bekannt waren und die Fonds nur an Investoren vermarktet wurden, die in der Lage sind, solche Risiken einzuschätzen, zitierte Bloomberg eine mit dem Vorgang vertraute Person.

Ausmaß des Reputationsverlustes noch unklar

Unabhängig von der konkreten finanziellen Schadenshöhe ist jedenfalls klar: Der Ruf der Credit Suisse ist bis auf Weiteres ruiniert. „Während die kurzfristigen Auswirkungen weniger schwerwiegend zu sein scheinen, als befürchtet, werden die vollen Konsequenzen aus dem Reputationsverlust erst mit der Zeit sichtbar werden“, sagte Vontobel-Analyst Andreas Venditti der „Financial Times“.

Denn die Bank hängt nicht nur bei Archegos und Greensill drin. Medienberichten zufolge war sie sehr aktiv bei Wirecard und aktuell droht Ärger mit der Schweizer Justiz wegen angeblicher Geschäfte mit der bulgarischen Kokain-Mafia. Außerdem hat die Bank erst kürzlich in den USA einen Rechtsstreit um Hypothekendarlehen aus der Zeit vor der globalen Finanzkrise beigelegt. Kosten: 600 Mrd. Dollar (508 Mill. Euro). Allerdings droht neuer Rechtsstreit um einen eigentlich 2014 beigelegten Steuerstreit mit den US-Behörden. „Im schlimmsten Fall könnte eine neue Anklage gegen die Bank erhoben werden und sie möglicherweise sogar ihre Lizenz für den Betrieb in den USA verlieren“, schreibt Corinna Dröse, Analystin der DZ Bank in Frankfurt vom 1. April.

Die Geduld aller Stakeholder ist also so ziemlich am Ende. Das hat offenbar auch das Management eingesehen, dass auf seine Boni verzichtet. Mit Risiko-Chefin Lara Warner und Investmentbank-Chef Brian Chin sind am Dienstag zwei führende Kräfte bei der Credit Suisse rausgeflogen. Im Hinblick auf die Fälle Greensill und Archegos kündigte CEO Gottstein Konsequenzen an. „Wir verpflichten uns zusammen mit dem Verwaltungsrat, beide Angelegenheiten eingehend zu untersuchen. Wir werden aus diesen Angelegenheiten unsere Lehren ziehen.“

Es könnte die letzte Chance sein für die Credit Suisse sich aus dem Sumpf zu ziehen. Bislang hat insbesondere der Kapitalmarkt sehr gelassen auf die Archegos- und Greensill-Risiken reagiert. Zwar ist die Aktie jüngst von etwa 12,50 auf aktuell gut 10 Franken abgestürzt und hat im laufenden Jahr etwa zehn Prozent an Wert eingebüßt. Doch nach Einschätzung von Independent Research aus Frankfurt wäre sie nach den jüngsten Nachrichten mit 11 Franken fair bewertet.

Das Management genießt offenbar noch einen Vertrauensvorschuss der Investoren, die Probleme der Bank in den Griff zu bekommen. Dazu dürfte beitragen, dass die Bank immer noch eine solide Kernkapitalquote von zwölf Prozent ausweist. Ihr Geschäft also zu zwölf Prozent mit haftenden Kapitaleinlagen unterlegt ist.

Folgen für den gesamten Finanzmarkt

Sollten die internen Untersuchungen jedoch neue Probleme hervorbringen oder ein neuer Skandal bekannt werden, könnte dies erhebliche Konsequenzen für die Credit Suisse, aber auch den gesamten Finanzmarkt haben. Hätte die Bank noch mehr Geld verbrannt, könnte sie zu einer Kapitalerhöhung gezwungen werden und auch nachrangige Schuldner in die Pflicht genommen werden. Das würde für Investoren in Aktien oder Schuldtitel der Credit Suisse direkt Verluste bedeuten. Schlimmer wiegen dürfte aber der Vertrauensverlust, denn schließlich ist Banking noch immer eine Vertrauenssache. Mit einer Skandalnudel macht niemand in der Branche gern Geschäfte.

Richtig riskant wäre es, wenn es gar zu einem Vertrauensschock in der Bankenbranche käme. Die Institute sind über Kredite, Derivate und sonstige Geschäfte so eng miteinander verflochten, dass das Problem in einem Institut das ganze System zum Stillstand bringen und eine Bankenkrise auslösen kann.

Soweit ist es nicht, das ist wichtig zu wissen. Aber es ist wichtig dieses Risiko im Blick zu behalten, auch an den Aktienmärkten. Sie haben den Zusammenbruch von Archegos und die damit verbundenen großvolumigen Notverkäufe an Aktien durch Prime Broker wie Credit Suisse sehr gelassen hingenommen. Das muss beim nächsten Mal nicht wieder so sein, zumal die Aktienmärkte wegen der hoch gelaufenen Bewertungen ohnehin für eine Korrektur anfällig sind. Anleger sollten der Credit Suisse also einen erfolgreichen Frühjahrsputz wünschen.