Bankaktien Archegos-Debakel legt Schwächen bei Banken offen

Credit Suisse könnte das Archegos-Debakel Milliarden kosten
Credit Suisse könnte das Archegos-Debakel Milliarden kosten
© Geisser / IMAGO
Die Kredit-Zockereien des Skandal-Investors Bill Hwang haben zwar nur wenigen Banken direkt geschadet. Sie lassen aber das Vertrauen in das Risikomanagement großer Geldhäuser erodieren

Die Turbulenzen rund um das Family Office Archegos Capital Management senden Schockwellen durch die Bankenbranche. Archegos-Gründer Bill Hwang hatte Fremdkapital von Banken dazu genutzt, mit einem Hebel auf US-Medienaktien und chinesische Tech-Werte zu spekulieren. Als die Institute zusätzliche Sicherheitsleistungen verlangten und Hwang nicht lieferte, warfen sie ihre bisherigen Sicherheiten, milliardenschwere Aktienpakete, auf den Markt. Knapp eine Woche später zeichnet sich ab, dass einige der beteiligten Banken hohe Verluste verzeichnen – und dass die Branche offenbar ein Problem mit dem Risikomanagement hat.

An der Börse waren Aktien von Kreditinstituten zuletzt im Aufwind. Investmentbanken profitierten von dem mit Zentralbankgeld befeuerten Anlage-Boom, Geschäftsbanken von der Aussicht auf eine Post-Corona-Erholung und ein steigendes Zinsniveau. Auch Hwangs Fehlspekulationen konnten diesen Trend nicht brechen. Der europäische Branchenindex Stoxx 600 Banks tendiert jedenfalls seit Tagen eher seit- als abwärts . Einzelne Titel sind aber unter die Räder gekommen.

Nomura und Credit Suisse trifft es hart

Die Ersten, die Hwangs Aktienpakete liquidierten, waren die US-Investmentbanken Morgan Stanley und Goldman Sachs. Damit setzten sie die anderen Kreditgeber des unglücklichen Managers unter Zugzwang und ließen zugleich die Preise der betroffenen Aktien purzeln. Sie kommen allem Anschein nach ohne größeren Schaden aus der Sache heraus, ebenso die UBS. Auch die Deutsche Bank ist offenbar in letzter Minute eine 4 Mrd. US-Dollar schwere Aktienposition losgeworden. Aber nicht jeder konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen: „Die Letzten beißen die Hunde, in diesem Fall die Banken Nomura und Credit Suisse“, sagt David Wehner, Portfoliomanager beim Münchner Vermögensverwalter Do Investment. „Beide sind mit Milliardenverlusten konfrontiert.“

Die Credit Suisse könnte das Archegos-Debakel nach Schätzungen der „Financial Times“ bis zu 4 Mrd. US-Dollar kosten – nach einem Schaden von bis zu 2 Mrd. US-Dollar im Zuge der Greensill-Pleite, die weniger als einen Monat zurückliegt. „Mit bemerkenswerter Häufigkeit scheint die Credit Suisse aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen zu geraten“, kommentiert Morningstar-Aktienanalyst Johann Scholtz. Das Geldhaus hat mittlerweile eine Gewinnwarnung ausgegeben, sein Aktienkurs hat deutlich nachgegeben.


Credit Suisse Group Aktie


Credit Suisse Group Aktie Chart
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Scholtz wundert sich darüber, dass die Credit Suisse Hwang überhaupt so viel Geld geliehen hat. Schließlich war der Manager bereits im Jahr 2012 wegen Insiderhandels bestraft worden und durfte nicht mehr mit Investorengeld spekulieren, nur noch mit eigenen Mitteln und Risikokapital von Banken. Das Fazit des Analysten: Vor allem das Private-Banking-Geschäft der Schweizer sei zwar solide, die wiederholten Ausrutscher im Risikomanagement machten es aber unwahrscheinlich, dass die Aktie der Credit Suisse ihren Rückstand gegenüber der Konkurrenz aufholen könne.

Reputationsschaden für die Branche

Nomura schätzt seinen Verlust auf 2 Mrd. US-Dollar, der Aktienkurs sackte nach Bekanntwerden des Archegos-Desasters um rund 16 Prozent ab. Damit kommt die japanische Bank glimpflicher davon als sein Zürcher Wettbewerber. Dank eines starken zweiten Halbjahrs 2020 dürfte Nomura das Fiskaljahr selbst dann mit einem Plus beschließen, wenn der Schaden höher ausfallen sollten als gedacht, heißt es von Morningstar.

Schlimmer als die Verluste bei einzelnen Geldhäusern ist der Reputationsschaden für die Branche. Hwangs Zockerei und die Rolle der Kreditinstitute lassen das Vertrauen in das Risikomanagement von Großbanken weiter erodieren. „Wir sind immer noch verwirrt, warum die Credit Suisse Group und Nomura nicht in der Lage waren, ihre Positionen rechtzeitig abzuwickeln“, schreibt Kian Abouhossein, Aktienanalyst bei JP Morgan. Er schätzt den Gesamtschaden auf 5 bis 10 Mrd. US-Dollar. Morningstar-Analyst Scholtz sieht im Fall Archegos ein Menetekel für die Branche: „Man muss sich fragen, ob aggressive Sparziele klug sind. Wenn man Gesprächen mit Investmentbank-Angestellten Glauben schenken kann, sind die Back Offices vieler Investmentbanken personell unterausgestattet und Desaster waren nur eine Frage der Zeit“, schreibt er in einer Analyse.

Das Archegos-Debakel zeige, wie anfällig der Markt sei und wie schnell das System ins Wanken gerate, warnt auch Wehner von Do Investment – und macht dafür die Notenbanken mitverantwortlich. „Aufgrund der Null- und Negativzinspolitik ist es den Banken nur noch möglich, über Provisionserträge und risikobehaftete Derivate Geld zu verdienen“, sagt er. Überdies habe die Liquiditätsflut zu einer deutlich erhöhten Risikobereitschaft bei Investoren geführt. „Die Positionierung von Archegos Capital ist kein Einzelfall.“ Sollte ein größerer Hedgefonds ins Wanken geraten, könnte es übel enden, sagt der Portfoliomanager. „Die Schockwellen würden die global wichtigen Banken stark unter Druck setzen.“ Dann dürften auch ihre Aktienkurse auf breiter Front abstürzen.

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