GastbeitragDer Fall Archegos muss den Banken als Weckruf dienen

Die Wall Street in New York
Die Wall Street in New YorkIMAGO / UPI Photo

Hochriskante, gehebelte Wetten der weitgehend unbekannten Investmentgesellschaft Archegos auf rund ein Dutzend amerikanische und chinesische Aktien waren der Auslöser einer gewaltigen Schockwelle an den internationalen Finanzmärkten. Als die in New York ansässige, rund 50 Mitarbeiter umfassende Investmentfirma nach Kursrückgängen ihren Banken keine weiteren Sicherheiten stellen und auch kein neues Geld nachschießen konnte, liquidierten diese ihre Positionen in Notverkäufen.

Analysten von JPMorgan schätzen den Gesamtschaden im Bankenmarkt auf bis zu 10 Mrd. Dollar. Die amerikanische Aufsicht SEC hat Ermittlungen aufgenommen und President Biden läßt sich laut einer Sprecherin des Weißen Hauses regelmäßig briefen. Erste Erinnerungen an 2008 werden wach. Es ist vom größten Margin Call in der Geschichte der Wall Street die Rede. Gründe genug also, sich mit diesen Fall näher zu befassen.

Drei Aspekte sind besonders auffällig:

  1. Der hinter Archegos stehende Investor Bill Hwang ist in Fachkreisen einschlägig bekannt. Sein beruflicher Lebenslauf weist nämlich einen Skandal auf, in dem sich Hwang des Insiderhandels mit chinesischen Aktien schuldig bekannt und der zu einem vierjährigen Handelsverbot an der Hongkonger Börse geführt hat; mit der SEC hatte sich Hwang verglichen und auf eine Strafe von mehr als 40 Millionen Dollar geeinigt. Es handelt sich bei diesem Investor also um einen negativ vorbelasteten Marktteilnehmer.
  2. Umso überraschender und unverständlicher ist es bei seiner Vorgeschichte, dass führende, reputierliche Kapitalmarktadressen Hwang und Archegos mit hohen Milliardenbeträgen zur Verfügung standen. Die Liste der betroffenen Institute liest sich wie ein Who Is Who des internationalen Investmentbanking. Alles in allem soll die Gesamtposition der Aktienengagements von Archegos bis zu 50 Mrd. Dollar betragen haben – im Wesentlichen kreditfinanziert und mit Aktien besichert. Die Wetten liefen am Ende aber gegen Hwang, vor allem beim amerikanischen Medienkonzern Viacom.
  3. Da Archegos als Family Office registriert war, unterlag man nur geringen aufsichtlichen Kontrollen und handelte vornehmlich im Verborgenen. Die gewählte Konstruktion als Family Office und der starke Einsatz von Derivaten half Archegos dabei, Veröffentlichungspflichten, denen zum Beispiel Hedgefonds und andere institutionelle Investoren unterliegen, zu unterlaufen und das wahre Ausmaß der eigenen Aktienrisiken zu verheimlichen. Häufig nutze Archegos sogenannte Total Return Swaps, also Differenzkontrakte, und spekulierte auf diese Weise auf Kursveränderungen, ohne die Aktien, auf deren Wertveränderung gewettet wurde, selbst zu besitzen. Für Außenstehende war auch aufgrund des hohen Leverage somit nur schwer erkennbar, welche Geschäfte hier betrieben wurden, wer beteiligt war und wie groß sich das Ausmaß der Kontrakte tatsächlich darstellte.

Bislang muß von einem Einzelfall ausgegangen werden, der zwar die Finanzwelt in Unruhe versetzen konnte, aber weder die Finanzmärkte noch eine der beteiligten Banken umwirft. Von Archegos geht trotz der hohen Investitionssumme keine systemische Relevanz aus. Ein direkter Vergleich mit 2008 hinkt zudem, da Banken heutzutage über ein deutlich höheres und qualitativ besseres Eigenkapital verfügen, so dass die Finanzstabilität kurzfristig sicher nicht gefährdet ist. Die Märkte haben auf den Fall auch nicht panikartig, sondern besonnen reagiert. Die folgenden Lehren sollten meines Erachtens aber trotzdem mittel- bis langfristig beherzigt werden, denn auch bei der letzten Finanzkrise hatte es bereits 2007 Vorboten gegeben, die weitgehend ignoriert wurden, aber letztlich zur Krise in 2008 beigetragen haben. Einfach zur Tagesordnung überzugehen ist keine sinnvolle Option.

Der Kapitalmarkt ist fragil und verwundbar

Zum einen ist der aktuelle Zustand des Kapitalmarktes fragil und verwundbar – nicht nur aufgrund der Pandemie. Getragen von niedrigen Zinsen und massiven fiskalischen Impulsen verzeichnen die Börsen einen Höchststand nach dem anderen und weisen Höchstbewertungen auf, da nach der Pandemie eine boomende Wirtschaft erwartet wird und in den Kursen bereits eingepreist ist. Kurseinbrüche aufgrund von Unfällen wie bei Archegos können in solch einem von Optimismus geprägten Markt immer wieder stattfinden. In einem Umfeld, in denen eine Trendumkehr beim Zinsniveau wahrscheinlicher wird, sind Risiken eines Markteinbruches adäquat zu bewerten und es gilt, besondere Vorsicht walten zu lassen.

Von einzelnen Finanzinstrumenten gehen höhere Risiken aus als von anderen. In 2008 waren es die Verbriefungen, mit deren Hilfe Risiken weiterverkauft worden waren, die dann aber in der Krise doch wieder ihren Weg in die Bilanzen der finanzierenden Banken zurückfanden. Dies ist bei sogenannten Schattenbanken ein durchaus typisches Phänomen, und das Family Office Archegos stellt die Parallele zu den Verbriefungen dar. Insofern gehe ich davon aus, daß die Zentralbanken das sogenannte Schattenbanksystem noch viel genauer als bisher in den Blick nehmen werden. Und die Aufsicht wird darauf drängen, Schlupflöcher auch bei Family Offices zu schließen, damit hinreichende Transparenz herrscht, sich alle Marktteilnehmer soweit wie möglich auf einem „Level playing field” bewegen und zum Beispiel die gleichen Pflichtmitteilungen zu erfüllen haben.

Aber es sind schließlich nicht nur die Finanzmärkte zu beobachten, sondern auch die einzelnen Marktteilnehmer. Insofern schadet es ganz sicher nicht, wenn sich die Risikomanager der Banken regelmäßig die relevanten Gefahrenpotentiale bewußt machen und entsprechend konservativ agieren. Die Finanzierung gewagter Wetten eines aggressiv gehebelten Investors mit schlechtem Leumund – wie konnte Hwang nur durch die verschärften Compliance-Vorschriften schlüpfen? – gehören ganz sicher nicht zu dem, was man gemeinhin als vorsichtiges Banking versteht. Der Fall Archegos wird den Banken als Weckruf dienen müssen, noch genauer hinzuschauen, ihre Geschäftspartner noch besser zu kennen und ihre Risiken eng zu kontrollieren.


Dr. Andreas Dombret war der erste Banker, der in den Vorstand der Bundesbank und in das oberste Aufsichtsgremium der EZB einzog, um nach seinem turnusmäßigen Ausscheiden wieder zurück in die Privatwirtschaft zu wechseln. Er kennt die internationalen Finanzmärkte aus beiden Perspektiven sehr genau. Heute ist er Global Senior Adviser bei Oliver Wyman.