ExklusivWie ein Putin-naher Oligarch zum „A+-Kunden“ bei Wirecard wurde

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Shamil I. und Leonid A. hatten beide angeblich jeweils eine eigene Firma auf den St. Vincents Inseln. Jedenfalls behaupteten sie das, ohne nähere Belege zu liefern. „Falls hier jemand die eigentlichen Eigentumsverhältnisse verschleiern möchte, wäre das die Methode der Wahl“, notierte der wachsame Geldwäschebeauftragte Markus K. Die beiden Firmen auf der Karibik gründeten 2015 die Firma Aviatec in Luxemburg, die wiederum eine Tochter in Russland namens Skytec als ihre Tochter auswies. Die sollte – angeblich – Zahlungsdienstleistungen für russische Fluggesellschaften anbieten.

„Die Aviatec Holding ist eine in Luxembourg beheimatete Unternehmensgruppe, die über ihre Niederlassung in Russland (Skytec Russia) die Ausschreibung für die technische Abwicklung aller (!) russischer Airline Transaktionen gewonnen hat“, versicherte Marsalek den Kollegen Anfang 2016. Und: Skytec werde Wirecard-Technologie nutzen.

Obwohl Aviatec keinerlei Vorgeschichte vorweisen konnte, bekam das luxemburgisch-russisch-karibische Startup von der Wirecard Bank eine Kreditlinie über 6 Mio. Euro – dank einer Bürgschaft der Mutter Wirecard AG. Bereits Ende 2019 war klar, dass die Millionen weg waren – und mit ihnen Shamil I. und Leonid A. „Verschiedene Versuche zur Kontaktaufnahme“ seien gescheitert, sagte ein Bankmanager im Januar 2020 Prüfern der Firma KPMG. Überdies sei die Beteiligung an der russischen Wunderfirma Skytec „auskunftsgemäß ohne Wissen der Bank an einen Dritten veräußert“ worden.

Wer von dem Verkauf wusste, war Jan Marsalek. Die Firma eines weiteren russischen Managers namens Felix N. hatte sie Anfang 2019 übernommen. „Hallo Jan“, schrieb Felix N. an Marsalek, man habe die Tochter jetzt übernommen und werde jetzt auch den Kredit zurückzahlen. „Glückwunsch für den Kauf von Skytec!“, antwortete Marsalek.

Ein paar Wochen darauf, am 11. März 2019, machte er sich in einer Aktennotiz mit seiner steilen Unterschrift für den Kreditnehmer Aviatec stark. Auch angesichts der „Geschäftsentwicklung der russischen Tochtergesellschaft besteht für das Management kein Zweifel an der Rückführung des Darlehens sowie der Tilgung der erforderlichen Zinszahlungen“, schrieb er. Dabei wusste er, dass Aviatec die Tochter gar nicht mehr kontrollierte.

Zwischendurch war Marsalek daran beteiligt, der Firma von Felix N. einen weiteren Kredit über 2,5 Mio. Euro zu verschaffen – bei dem es dann im Juni 2020 ebenfalls Probleme gab. Mit Felix N. erkundete Marsalek überdies die Möglichkeiten einer stärkeren Digitalisierung des öffentlichen Personennahverkehrs – ausgerechnet in der usbekischen Hauptstadt Taschkent in Zentralasien. Erst jüngst hatten „Stern“ und Capital berichtet, dass Marsalek nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes möglicherweise auch über einen Diplomatenpass des diktatorisch regierten Landes verfügte.

Kooperation mit Rüstungskonzern

So negativ die Geschäftskontakte mit Shamil I. und Leonid A. für Wirecard verliefen, so sehr boten sie Jan Marsalek die Gelegenheit für von ihm offenbar geschätzte Reisen nach Russland. Skytec, die später abhanden gekommene Aviatec-Tochter, wollte im August 2015 auf einem Luftfahrtsalon in Moskau eine Kooperationsvereinbarung mit einer Tochter des staatlichen russischen Rüstungskonzern Rostec unterzeichnen und lud Wirecard ein. Nachdem ein Mitarbeiter wegen eines USA-Urlaubs absagte, sprang Marsalek ein: „Ok, ich fliege hin“, schrieb er.

Später würde die Beziehung zu Rostec den Prüfer der Firma EY aufstoßen. Denn Rostec steht wegen der Annexion der Krim unter US-Sanktionen. Für den Chef des Rüstungskonzerns hat die EU seit September 2014 ein Einreiseverbot verhängt.

Die neuen Unterlagen werfen nun umso dringender die Frage auf, wie eng Jan Marsaleks Kontakte zu dem Regime von Wladimir Putin waren und sind. Ende vergangener Woche inhaftierten die Behörden in Österreich zeitweilig einen ehemaligen hohen Beamten des dortigen Verfassungsschutzes sowie den ehemaligen FPÖ-Abgeordneten Thomas Schellenbacher. Beide sollen Marsalek bei seiner Flucht nach Minsk am 19. Juni geholfen haben. Auch Schellenbacher pflegt gute Beziehungen in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Zusammen mit ukrainischen Geschäftsleuten hatte er 2012 unter merkwürdigen Umständen ein Hotel in Österreich gekauft. Zudem gibt es Hinweise, dass Schellenbachesr Mandat im Nationalrat mithilfe von Zahlungen aus der Ukraine an den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache erkauft worden sein könnte.

Eigentlich sollte ein Sonderermittler für den Untersuchungsausschuss im Bundestag versuchen zu klären, was es mit Marsaleks Beziehungen zu den Geheimdiensten auf sich hat – und ob BND und Verfassungsschutz wirklich nichts davon mitbekamen, wie die Dienste gegenüber Kanzleramt und Bundesanwaltschaft versicherten.

Nur kann der Sonderermittler – der ehemalige Grünen-Abgeordnete und Innenexperte Wolfgang Wieland – bis heute noch gar nicht richtig loslegen. Bevor er anfangen kann, geheime Dokumente zu lesen, muss erst noch der deutsche Verfassungsschutz die Auffrischung seiner Sicherheitsüberprüfung abschließen. Das ist bis heute nicht geschehen.