ExklusivWie ein Putin-naher Oligarch zum „A+-Kunden“ bei Wirecard wurde

Die Wirecard-Firmenzentrale in Aschheim
Wirecard-Zentrale in Aschheim: Im Krimi um den insolventen Konzern führen immer wieder Spuren nach Osteuropadpa

Als der Finanzdienstleister Wirecard im Juni 2020 kollabierte, traf das einige völlig unerwartet. Bis kurz vor Schluss schien das Unternehmen für viele ein relativ normaler und seriöser Dax-Konzern zu sein. Jetzt ist die Konzernspitze teils in Haft, teils in Person von Jan Marsalek auf der Flucht. Dem 40-jährigen Österreicher legt die Staatsanwaltschaft eine ganze Latte möglicher Straftaten zur Last: gewerbsmäßigen Bandenbetrug, einen besonders schweren Fall der Untreue und weitere Wirtschaftsdelikte mit einer Schadenssumme von 1,9 Mrd. Euro. Die Behörden gehen davon aus, dass er am 19. Juni aus Österreich flüchtete und mit einem Privatflugzeug in Minsk in Belarus landete. Seitdem wird er in Russland vermutet. Einige verdächtigen ihn sogar, er habe für einen Geheimdienst aus dem Reich des Wladimir Putin gearbeitet.

Jetzt zeigen interne Mails und weitere Unterlagen, die dem  „Stern“ und Capital vorliegen: Bereits seit Jahren hatte insbesondere Marsalek Kontakt zu Geschäftsleuten aus Russland und der Ukraine, die als mögliche Straftäter galten – oder denen sogar Beziehungen zur organisierten Kriminalität nachgesagt wurden.

Ab Frühjahr 2019 eröffnete die hauseigene Bank des Wirecard-Konzerns jedenfalls auf Marsaleks Drängen eine Reihe von Konten für Firmen des Putin-nahen ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch, gegen den damals Haftbefehle aus Spanien und den USA vorlagen. Das wirft neue Fragen über Marsaleks Beziehungen zu dem Moskauer Regime auf. Es kann aber auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) in Bedrängnis bringen, denn die Konten wurden praktisch unter den Augen der ihm unterstellten Finanzaufsicht Bafin eröffnet.

Umstrittene Geschäfte mit Gazprom

Firtasch lebt in der österreichischen Hauptstadt Wien. Er wurde dank umstrittener Gasgeschäfte mit dem russischen Staatskonzern Gazprom reich, ist heute im Geschäft mit Pipelines, Erdgas und anderen Rohstoffen aktiv und kontrollierte nach eigenen Angaben aus dem Jahr 2019 in der Ukraine überdies acht TV-Sender.

Dmytro Firtasch (Foto: IMAGO / ZUMA Press)

Vor allem aber ist er ein möglicher Krimineller – auch wenn er das vehement bestreitet. Seit Jahren betreiben die USA vor österreichischen Gerichten seine Auslieferung wegen des „Verdachts auf Bestechung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung“. So stand es wörtlich in einer Mail von Markus K., dem Geldwäschebeauftraqten der Wirecard-Bank, an Marsalek vom 11. April 2019. „Zusätzlich hat Spanien wegen des Verdachts auf Geldwäsche durch Immobiliengeschäfte und über Restaurants im Wert von 10 Mio EUR einen europäischen Haftbefehl für Herrn Firtash erlassen“, fügte der Geldwäschebekämpfer hinzu. Firtash ist die englische Transkription des Namens des 55 Jahre alten Ukrainers.

Zuvor unterhielt Firtaschs Gruppe Konten bei der Raiffeisen Bank International (RBI) in Wien. Doch die hatte den Oligarchen offenbar vor die Tür gesetzt. Auslieferungsverfahren und Vorwürfe der organisierten Kriminalität könnten „nach Durchführung einer Gesamtbetrachtung“ ein „legitimer Grund sein, eine Geschäftsbeziehung zu beenden und die RBI tut dies auch“, bestätigte die RBI-Sprecherin Ingrid Krenn-Ditz auf Fragen von Stern“ und Capital.

Auch bei der Wirecard Bank sah der Geldwäschebeauftragte Markus K. anfangs ein „Reputationsriko“ für Wirecard. Er stemmte sich gegen die Pläne und wies darauf hin, dass Firtasch „Medien zufolge Kontakte zur russischen Mafia pflegen“ soll – konkret zu dem Russen Semjon Mogilewitsch. Firtasch hatte in der Vergangenheit in der Tat Kontakte zu ihm eingeräumt – angeblich nur flüchtige. Und unzweifelhaft hatte Firtaschs Umfeld mit dem Umfeld von Donald Trump zu tun, etwa dem Anwalt Rudy Giuliani.

Bei der Wirecard Bank wehrte sich Markus K. anfangs gegen jedes Konto für Firtasch: „Was haben wir davon?“, fragte er Anfang März 2019. Dann wollte er zumindest verhindern, dass für Firtasch mehr als höchstens ein Mietkonto angelegt wird. Er fürchtete „negative Presse“ und sah „hohe Risiken“ auf Grund möglicher Ukraine-Sanktionen und wollte „deshalb zum aktuellen Zeitpunkt von Konten für Öl- und Gastransaktionen abraten“. Bei Wirecard fehlten „die erforderlichen Einblicke in die Gas- und Rohstoffindustrie sowie erforderliche Überwachungsverfahren“, warnte er.

Aber er hatte Marsalek gegen sich, der rein formal bei der Bank gar nichts zu sagen hatte – der aber offenbar zumindest auf keinen Widerstand des Bank-Vorstands Alexander von K. traf. Der saß so wie Marsalek auch im Vorstand der Konzernmutter Wirecard AG und wurde in den Mails ab und zu als AvK abgekürzt. An ihn leitete Marsalek immer wieder kommentarlos Mails in der Sache weiter.

Mieter von Deutsche-Bank-Aufsichtsrat

Während es nach den Unterlagen immer wieder Jan Marsalek war, der die Kontoeröffnung für Firtasch vorantrieb, gibt es zudem eine Querverbindung zu dem heute inhaftierten Ex-Konzernchef Markus Braun – auch wenn von ihm keinerlei Einsatz für Firtasch bekannt ist. Er bewohnt und besitzt im Wiener Stadviertel Hietzing nahe dem Schloss Schönbrunn ein Haus, das in der selben Straße liegt wie die Villa, in der Firtasch lebt. Der Oligarch ist dort wiederum – die Kreise schließen sich – der Mieter einer Firma eines gewissen Alexander Schütz. Der sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bank und geriet jüngst in die Schlagzeilen, weil er nach einem kritischen Bericht der „Financial Times“ über Wirecard eine Mail an seinen österreichischen Landsmann Braun schickte: „Macht diese Zeitung fertig!“, schrieb er. Es folgte ein Smiley. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher von Schütz, dieser unterhalte zu Braun „ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis – wie zu anderen Nachbarn auch“.

Firtasch ließ auf Anfrage von „Stern“ und Capital bestätigen, dass er Mieter bei Schütz ist. Ein Sprecher des Unternehmers bestreitet aber eine Bekanntschaft zwischen Firtasch und Braun. Er verwies darauf, dass ihn ein spanisches Gericht – im November 2019 und damit nach Eröffnung der Konten bei Wirecard – im Fall der dortigen Ermittlungen freigesprochen habe. Die US-Vorwürfe betrachte Firtasch „als konstruiert, substanzlos und letztlich politisch motiviert“. Mit Marsalek habe er „keinen privaten Kontakt“, betonte der Sprecher. Zu geschäftlichen Kontakten äußere sich Firtasch nicht. Auf die Frage nach den Konten bei der Wirecard Bank erklärte Firtaschs Konzern Group DF, er unterhalte als international tätiges Unternehmen vor allem in den Geschäftsfeldern Gas- und Düngerhandel Geschäftsbeziehungen zu einer Mehrzahl von Banken in mehreren Jurisdiktionen. Zu einzelnen Geschäftsbeziehungen gebe man keine Kommentare ab.