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Wurde der Unister-Gründer Opfer von Rip-Dealern?

, Jens Brambusch

Der Tod von Unister-Gründer Thomas Wagner wird immer mysteriöser. Es scheint, als sei er zuvor Opfer von Rip-Dealern geworden. So funktioniert die Masche

Der verunglückte Unister-Gründer Thomas Wagner © dpa
Der verunglückte Unister-Gründer Thomas Wagner

Vergangenen Donnerstag kam Unister-Gründer Thomas Wagner beim Absturz einer kleinen Privatmaschine über Slowenien ums Leben. Der Flieger war auf dem Rückweg von Venedig. Neben dem 38-Jährigen waren sein Geschäftspartner Oliver Schilling, ein Finanzberater und der Pilot an Bord. Alle vier starben bei dem Unfall. Zu der Leipziger Internetfirma Unister gehören unter anderem die Portale Ab-in-den Urlaub.de und Fluege.de. Die Umstände des tragischen Unfalls werden immer mysteriöser. Wie ein Sprecher der Kriminalpolizei in Nova Gorica gegenüber dem MDR bestätigte, seien Dokumente gefunden worden, die besagten, dass Wagner Opfer eines Betruges in Millionenhöhe geworden sein soll.

Unister hatte bereits bestätigt, dass Wagner auf Investorensuche in Venedig war. Einiges deutet darauf hin, dass er dabei Opfer von sogenannten Rip-Dealern geworden ist. Wagner soll für ein Kreditgeschäft eine Sicherheit in Höhe von 1,2 Mio. Euro dabei gehabt haben. Beim Umtausch des Geldes in Schweizer Franken soll ihm mutmaßlich Falschgeld untergeschoben worden sein, berichten mehrere Medien. Capital hatte über diese Masche erstmals im Dezember 2013 berichtet. Damals gaben sich die Betrüger als ein russischer Oligarch aus.

Aus aktuellem Anlass veröffentlicht Capital nun den Artikel online, um das Vorgehen der Rip Dealer zu beschreiben:

Der falsche Oligarch

„Viktor mag es gar nicht, dass sein Name missbraucht wird", sagt der Sicherheitschef. Dann schweigt er. Die Sache ist ernst. Rolf Schatzmann ist in der Renova-Firmengruppe für die Gefahrenabwehr zuständig. Der Eigentümer der Gruppe heißt Viktor Vekselberg, Oligarch aus Russland, Nummer 52 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt - und derzeit äußerst ungehalten.

Schatzmann sitzt hoch oben in einem Bürogebäude am feinen Paradeplatz in Zürich, hinter seinem Schreibtisch öffnet sich der weite Blick über den See, am Horizont ragen die Berge in den Himmel. Doch Schatzmann, ein freundlicher Herr mit feinen Gesichtszügen und perfekt sitzendem Anzug, kann das Panorama nicht genießen. Denn seit Mitte September (2013 Anm. d. Redaktion) häufen sich bei der Renova-Gruppe die Anrufe.

Unerfreuliche Anrufe

Verlangt wird nach Leonard Vekselberg, dem Sohn des Firmenchefs. Der habe sie betrogen, sagen die Anrufer. Mal um 160 000 Euro, mal um 75 000 Euro. Auf der Renova-Firmenwebsite sei er ja als Verwaltungsratschef aufgeführt. Also: Wie könne man an ihn herankommen, und zwar bitte sofort? Rolf Schatzmann weiß das leider auch nicht. Es gibt nämlich ein Problem mit Leonard Vekselberg: Er existiert gar nicht. Seine Identität, seine Visitenkarten, auch die Website von Renova - alles gefälscht.

Hinter dem vermeintlichen Leonard Vekselberg verbergen sich sogenannte Rip-Dealer: Betrüger, die ihren Opfern ein lukratives Geschäft vorgaukeln, für das diese nach einer langen, geschickten Anbahnung Bargeld, Gold oder Edelsteine zu einem Treffen im Ausland mitbringen sollen. Dort werden den Opfern die Wertsachen dann einfach entrissen. Daher der Name. Vom englischen "to rip" - entreißen. Deutsche Gerichte bewerten diese Rip-Deals als gewerbsmäßigen Bandenbetrug.

Opfer schweigen oft - aus Scham

Nach Angaben der Polizei häufen sich die Fälle. Die Schadenssumme liegt meist zwischen 100 000 und 300 000 Euro, es wurden aber auch schon mal 10,5 Mio. Euro geraubt. Von über 100 Mio. Euro Schaden pro Jahr gehen die Behörden allein bei deutschen Opfern aus - und die Täter arbeiten international. Wahrscheinlich, heißt es bei der Polizei, ist die Summe sogar deutlich höher. Denn auf einen angezeigten Fall kämen wahrscheinlich zehn bis 20, die ungemeldet bleiben. Viele Opfer scheuen den Weg zur Polizei. Aus Scham. Oder weil sie sich auf ein unlauteres Geschäft einlassen wollten. Das ist das Kalkül der Rip-Dealer.

Der echte Vekselberg ist über seine Firma Renova an etlichen Unternehmen beteiligt, auch an Branchenriesen wie dem Aluminiumproduzenten Rusal oder dem Schweizer Technologieunternehmen OC Oerlikon. Der falsche Vekselberglockt seit Wochen Geschäftsleute in die Falle.

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Das ausgebrannte Wrack der Privatmaschine, in der Wagner und seine Begleiter umkamen © dpa
Das ausgebrannte Wrack der Privatmaschine, in der Wagner und seine Begleiter umkamen

Goldfinger

Ein Montagmorgen im September, Mailand, kurz nach 9 Uhr. Mit 160 000 Euro in Gold ist ein deutscher Geschäftsmann von 70 Jahren in die Stadt gereist. Der angebliche Leonard Vekselberg, ein Mann in edlem Zwirn, wartet bereits in der Lobby des noblen Sheraton Diana Majestic auf ihn und seine Frau. Der Unternehmer sucht für ein Immobilienprojekt einen Investor. Vekselberg hat sich gemeldet, ließ sich über das Projekt aufklären, gab sich überzeugt - und will investieren: 10 Mio. Euro. Eine Million in bar, er hätte gerade viel Cash, und dazu 9 Mio. Euro per Überweisung.

Entwürfe für Kreditverträge wurden aufgesetzt, geprüft und für gut befunden. Ein Banker aus Liechtenstein soll in Mailand dazustoßen und dort das Vertragliche regeln. Vekselberg schickte seinem neuen Partner sogar eine Ausweiskopie des Bankers. Alles scheint zu passen. Und so wundert sich der Geschäftsmann auch nicht, dass er zu dem Treffen die Provision für den Vermittler in Dubai mitbringen soll. 160 000 Euro in bar oder in Gold. In den vergangenen Jahrzehnten hat der 70-Jährige viele Abschlüsse getätigt. Dass Berater und Vermittler sich das Honorar für ihre Dienste in bar auszahlen lassen, findet er nicht ungewöhnlich. So geht das nun mal.

Die Polizei warnt

Das Treffen aber verläuft anders als erwartet. Zunächst plaudern die neuen Geschäftspartner entspannt. Ob der Unternehmer das Gold dabei habe, will Vekselberg dann wissen. Natürlich hat er - und er zeigt es. Vekselberg lächelt. Immer wieder schaut er auf die Uhr. Um Punkt 9.15 Uhr springt er plötzlich auf, schnappt sich das Gold und stürmt aus der Lobby. Raus aus dem Hotel, hinaus auf die Straße. Der Unternehmer fackelt nicht lange und rennt hinterher. Doch er hat keine Chance. Draußen wartet bereits ein Auto mit laufendem Motor und offener Tür. Der Mann nimmt noch die Verfolgung durch das Gassengewirr auf, überlegt für einen Moment, sich vor das Auto zu werfen. Es hätte sein Ende sein können. "Es sind Fälle bekannt, in denen das Opfer vom Täterfahrzeug mitgeschleift und erheblich verletzt wurde", warnt die Polizei.

Gefälschte Website

Rolf Schatzmann, der Sicherheitschef, hat schon viel erlebt in seiner Karriere. Einst leitete er den Bundessicherheitsdienst in der Schweiz. Dann wechselte er in die Wirtschaft. Erst zu zwei großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, später zu Renova. Er doziert am Competence Center Forensik und Wirtschaftskriminalistik der Hochschule Luzern. Bloß im Fall des falschen Herrn Vekselberg hat er ein Problem: Juristisch sind ihm die Hände gebunden. Opfer der Verbrechen ist ja nicht Renova. "Wir haben Anzeige wegen Urheberrechtsverletzung gestellt", sagt er. "Viel mehr können wir erst mal nicht tun." Es geht lediglich um die Verletzung des Copyrights, weil die Betrüger das Firmenlogo benutzen.

Schatzmann klickt sich durch die gefälschte Firmenwebsite unter renova-group.co.uk. Sie ist eine detailgetreue Kopie der echten Renova-Seite renova.ru: Das Logo, die Farben, die Typografie, alles ist täuschend echt. Zumindest auf den ersten Blick.

"Die Täter", sagt Schatzmann, "haben unsere Website nur in Details verändert." So erscheint auf der gefälschten Seite eben ein gewisser Leonard Vekselberg. "Viktor hat zwar einen Sohn, aber der heißt nicht Leonard, und er lebt auch nicht in Europa", sagt der Sicherheitschef. Die Kontaktadresse auf der gefälschten Website führt nach London, einen Firmensitz gibt es dort aber nicht. Schatzmann hat Telefonnummern, die die Täter benutzen, rückverfolgt. "Alles Prepaid-Telefonkarten aus verschiedenen Ländern", sagt er.

Spur nach Serbien

"Die gefälschte Seite dient nur einem Zweck. Die Betrüger nutzen sie, um glaubhaft zu machen, sie arbeiteten tatsächlich für Renova", erklärt Schatzmann. Vor ihm liegt eine Liste mit fünf Namen, angebliche Mitarbeiter des Unternehmens.

Bei seinen Recherchen stieß der Sicherheitschef außerdem auf einen "Jovan Rajkovic", der die gefälschte Seite in Belgrad registrieren ließ. Wahrscheinlich auch ein falscher Name. Schatzmann fand Erstaunliches heraus. Dieser Jovan Rajkovic ließ auch einige andere Firmenwebsites registrieren. Internetseiten, die alle kopiert sein müssen oder zu Scheinfirmen führen. Schatzmann geht von einer hochprofessionellen Bande aus, die unter verschiedenen Legenden arbeitet. "Wir haben beim Server in Serbien beantragt, die Seite sperren zu lassen", sagt Schatzmann. "Bislang ist aber nichts geschehen."

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Aufwendige Aufklärung

Die Strafverfolgung der Rip-Dealer ist nicht einfach. Die deutsche Polizei etwa hat im Jahr 2009 in Koblenz die elfköpfige Sonderermittlungsgruppe "Trufa" gegründet. 16 Großverfahren wurden bislang eingeleitet, 32 Haftbefehle vollstreckt. Die Polizei spricht von organisierter Kriminalität, von "gewerbsmäßigem Bandenbetrug", von Familienclans aus Ex-Jugoslawien mit "europaweiten Netzwerken". Zu schaffen aber macht den Beamten, dass die deutschen Opfer im Ausland geschädigt werden und die Täter aus einem Drittland stammen.

"Sämtliche Ermittlungen, die ins Ausland zielen, müssen über aufwendige Rechtshilfeverfahren erfolgen", heißt es in einem Bericht. Die Täter nutzten "sehr geschickt" die unterschiedlichen Rechtsräume, indem sie dort agieren, wo sie mit der geringsten Strafe bei Betrug zu rechnen haben. Nämlich in Italien. Zudem attestiert die Polizei den Tätern ein "geschicktes und sprachgewandtes Auftreten", um sich das Vertrauen der Opfer zu erschleichen.

Vielleicht braucht es also nicht nur die Polizei, um den falschen Vekselberg zu finden.

Der Schnüffler

Josef Resch ist ein Mann fürs Grobe. Der barsche gebürtige Bayer arbeitete schon für Dax-Konzerne oder als V-Mann für das Bundeskriminalamt. Bekannt wurde er, als er auf den untergetauchten Börsenspekulanten Florian Homm ein Kopfgeld von 1,5 Mio. Euro aussetzte und ihn damit aus seinem Versteck in Südamerika trieb. Später setzte er im Auftrag anonymer Hintermänner millionenschwere Belohnungen auf Hinweise zum Abschuss der Passagiermaschine MH 17 aus.

Schon vor einigen Jahren hat Resch einer Bande von Rip-Dealern das Handwerk gelegt, damals zusammen mit den österreichischen Behörden. Meist aber sind seine Auftraggeber Geschäftsleute, die ihm mehr zutrauen als den staatlichen Stellen. Gerade wenn es darum geht, verlorenes oder geraubtes Geld zu finden. Sein Geschäftsmodell ist einfach. Von der zurückgeführten Summe kassiert er 20 Prozent. Seit mehr als 20 Jahren ist der Resch in der Branche, hat mit seinem Team Millionen zurückgeholt.

Immer nach Italien

Dutzende Opfer von Rip-Dealern haben sich bei ihm gemeldet: die Frau, die für den Kauf eines Hotels einen Kreditgeber suchte; der Mann, der einen Rolls-Royce-Oldtimer verkaufen wollte. Oder der Start-up-Unternehmer Henning B., den die Rip-Dealer ruiniert haben. Im März hat er in der Schweiz eine Firma gegründet und beschäftigt mittlerweile mehrere Mitarbeiter.

Aber das Geschäft läuft schleppend. Er braucht Kapital, die Banken sind jedoch skeptisch. Also suchte er einen Investor über das Internet - und wurde fündig. Glaubte er.

"Es wirkte alles so professionell", sagt der Mann. So professionell, dass er sogar einem Freund den Kontakt vermittelte, der in der gleichen Situation steckte wie er. Nach Vorgesprächen machten sie sich auf nach Rom. Der eine mit 100 000 Euro im Koffer, der andere mit 150 000 Euro. Geld, das sie sich aus ihrem Bekanntenkreis geliehen hatten. "Mit dem Bargeld sollten wir unser Eigenkapital nachweisen", sagt der Mann. Das Geld wurde ihnen brutal entrissen. "Ich war so dumm", sagt B. Am Ende des Jahres wird er wohl Insolvenz anmelden müssen.

Das sind Mafiaclans

Josef Resch ermittelt in diesem Fall - und auch im Fall des vermeintlichen Leonard Vekselberg. Aber, sagt er: "Es gibt nicht den einen falschen Vekselberg." Der Name würde von einer Bande missbraucht, die verschiedene Identitäten gefälscht habe. Auch Namen wie Weinberg, Abramov, Levi, Tabanelli oder Stewart würden immer wieder benutzt.

Resch hat auf seiner Website die von Rip-Dealern verwendeten Identitäten, Adressen und Telefonnummern zusammengestellt. Die Betrüger stammten in der Regel aus Ex-Jugoslawien, sagt Resch. Mehrere konkurrierende Familienbanden hätten sich auf diese Art des Betrugs spezialisiert und ihn perfektioniert. "Das sind Mafiaclans", sagt Resch.

Die Naivität der Opfer

Durch Reschs Website wurde auch Rolf Schatzmann auf den Fahnder aufmerksam. Sie kooperieren jetzt bei der Suche nach dem falschen Vekselberg. Allerdings versuchen die Rip-Dealer derzeit zurückzuschlagen. Über einen Anwalt, sagt Resch, hätten sie ihn gemahnt, ihre Namen von seiner Website zu löschen. Sie seien ehrbare Kaufleute. Er lacht. "Davon lasse ich mich nicht beeindrucken." Im Internet verbreiten sie außerdem Behauptungen, der Betrüger sei in Wirklichkeit Resch. Seine Masche sei es, unbescholtene Menschen auf seine Liste zu setzen, um dann den vorgeführten Personen anzubieten, gegen eine hohe Summe diese Namen zu löschen. Die Rip-Dealer versuchen, den Spieß umzudrehen. Denn sie wissen: Die Leute glauben so einiges - auch wenn sie es bloß im Internet gelesen haben.

Rolf Schatzmann wundert sich generell über die Naivität der Menschen, die auf die Rip-Dealer hereinfallen. "Überall gibt es Alarmzeichen", sagt er. "Wer aufmerksam ist und ein bisschen recherchiert, wird merken, dass etwas nicht stimmt", sagt er. Wenn er sich von den Opfern schildern lässt, wie sie sich haben ködern lassen, kann er nur den Kopf schütteln. "Da wird nichts überprüft", sagt er. Keine Telefonnummer, kein Mailabsender, keine Adresse. Im Falle des falschen Vekselberg zum Beispiel hätte ein Blick in seine Biografie schon stutzig machen können. Laut der gefälschten Firmenwebsite ist der angebliche Sohn von Viktor Vekselberg zwei Jahre älter als sein Vater.

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