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  • Reportage

Adi Dasslers Enkel: Zurück im Spiel

, von Thomas Steinmann

Nach dem Verkauf ihrer Anteile an Adidas verschwanden die Erben von Adi Dassler aus der Öffentlichkeit. Mehr als 25 Jahre später tauchen einige Enkel des Unternehmensgründers wieder auf –
 mit großen Plänen

© Julian Baumann
Die Dassler-Enkel Klaus (l.) und Horst Bente auf dem Sportplatz des ASV Herzogenaurach

Herr Bente also. Von welcher Firma er denn komme, fragt die Mitarbeiterin an der Anmeldung. „Keine Firma“, sagt der Besucher. Die junge Dame am Empfang in der alten Adidas-Zentrale in Herzogenaurach schaut verdutzt. Horst Bente könnte jetzt lange erklären, wer er ist und was er mit dem Sportartikelhersteller zu tun hat. Stattdessen wiederholt er freundlich: „Keine Firma.“ Die Mitarbeiterin überlegt noch einen Moment. Dann druckt sie den Besucherausweis aus. Der Platz für den Firmennamen bleibt leer.

Vor mehr als 30 Jahren, als Bente jung war, ist er hier einfach hereingelaufen – auch am Wochenende oder nachts. Wenn niemand da war, schaute er sich die neuen Adidas-Kollektionen an oder Trikots von südamerikanischen Fußballclubs, die in Deutschland gar nicht verkauft wurden. Damals hatte Horst Bente einen Generalschlüssel für das Unternehmen. Adidas gehörte ja seinem Großvater Adi Dassler.

An einem kalten Wintertag im Januar ist der Dassler-Enkel zurück in der alten Heimat, zusammen mit seinem Bruder Klaus. Die Brüder sehen ein bisschen aus wie Fußballtrainer und Clubmanager: Horst, 56, mit braun gebrannter Glatze, Joggingjacke von Adidas und seiner Brille, die an einem Band um den Hals baumelt, wenn er sie nicht aufsetzt. Der ein Jahr ältere Klaus trägt ein schickes Trachtensakko mit Einstecktuch und Wildlederschuhe.

Seit 27 Jahren waren die Brüder nicht mehr in der Firma, die ihr Großvater 1949 gegründet hat – auch nicht in Dasslers Privatvilla nebenan, in der sie als Kinder und Jugendliche ein und aus gegangen waren. Bei ihrem letzten Besuch 1990 saßen die beiden mit den anderen Dassler-Nachkommen im fünften Stock des grauen Verwaltungsgebäudes. Dort, wo ihr Großvater bis zu seinem Tod im Jahr 1978 sein Büro hatte, donnerte ihnen der damalige Adidas-Chef René C. Jäggi an den Kopf: „Die Firma ist bankrott.“

„Ich dachte, ich höre nicht richtig“, sagt Horst Bente heute. „Das kam für uns alle völlig überraschend.“ Im Sommer 1990 verkauften die Dassler-Erben ihre Adidas-Anteile – obwohl Familie und Firma über lange Jahre untrennbar miteinander verbunden waren. Das Unternehmen brauchte dringend frisches Geld. Aber die Familie konnte und wollte es nicht mehr geben.

Nach dem Verkauf zogen sich die Erben aus der Öffentlichkeit zurück. Dassler hatte einen Sohn und vier Töchter, nur ein Teil der fünf Familienstämme blieb in Franken. Ein anderer lebt heute in der Schweiz. Inge Bente, Dasslers älteste Tochter, wanderte auf die Bahamas aus. Ihr Sohn Horst zog später hinterher. Auch Stefan, der jüngste der drei Bente-Brüder, wohnt dort. In der Heimat dagegen verblasste über die Jahre die Erinnerung an die Gründerfamilie – auch im Unternehmen, das heute ein globaler Gigant mit fast 20 Mrd. Euro Umsatz und einem Börsenwert von mehr als 30 Mrd. Euro ist.

Comeback in Berlin

© Familienarchiv
Adi Dassler mit seinen Enkeln Klaus, Stefan und Horst Bente (v.l.)

Die Geschichte des Clans von Adi Dassler, des Erfinders der berühmten Stollenschuhe für die Fußball-WM 1954 und legendären „Schuhmachers der Nation“, klingt zunächst wie die von vielen anderen großen Industriellendynastien der Nachkriegszeit: ein dominanter Gründer, eine zweite Generation, die sich mit der Nachfolge schwertut, Krach zwischen den Erben, Krise. In der Not holt die Familie einen Manager von außen. Am Ende kann nur ein Verkauf das Überleben der Firma sichern. Die Erben ziehen sich ins Private zurück und leben von dem Geld, das sie für ihre Anteile kassiert haben.

All das hat es auch bei Adidas gegeben. Doch bei den Dasslers passiert nun etwas Außergewöhnliches: Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Funkstille tauchen einige Nachfahren plötzlich wieder auf.

Vergangenes Jahr gründeten die Bentes auf den Bahamas das Adi Dassler International Family Office – eine kleine Investmentfirma für Unternehmerfamilien wie ihre eigene. Mit Hollywoodproduzenten redeten sie über einen Dassler-Film. Vor allem mit dem Herzstück ihres Projekts wollen die drei Enkel an das Erbe ihres Großvaters anknüpfen: mit einem Förderprogramm für innovative Start-ups aus dem Sport.

Dessen Name LeAD Sports Accelerator steht für „Legacy of Adi Dassler“ – das Vermächtnis des Opas. Die Start-up-Schmiede soll Ideen groß machen, die den Sport und den 700 Mrd. Dollar schweren globalen Sportmarkt umkrempeln – so wie es ihr Großvater mit seinen Erfindungen gemacht hat. Im September startet die erste Runde in Berlin.

Adi Dassler sei selbst ein Start-up gewesen, sagen die Enkel, einer, der bei null angefangen und seine Firma immer wieder neu erfunden habe: erst Schuhe, dann Textilien, später Tennisschläger und Taschen. In der Dassler-Dynastie war Adi der Tüftler. Sein älterer Bruder Rudolf, der Puma-Gründer, mit dem ihn über viele Jahre nur noch eine erbitterte Feindschaft verband, war der ehrgeizige Verkäufer.

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© Julian Baumann
Die Privatvilla des Adidas-Gründers steht auf dem alten Firmengelände

Lange hatte Horst Bente die Vergangenheit weit hinter sich gelassen. Mit dem Geld aus dem Verkauf des Unternehmens seiner Familie genoss er das Leben: Golf spielen, fischen, private Investments. Bis Adidas vor einigen Jahren begann, seinen Großvater immer stärker für Marketing und Imagekampagnen zu nutzen. Das Porträt des Firmengründers wurde auf Sneaker der Retrolinie „Originals“ gedruckt, in Adidas-Stores wurde weltweit mit Dassler-Fotos geworben – ohne dass es für die Persönlichkeitsrechte eine Regelung zwischen der Familie und dem Konzern gab. Immer öfter fragten sich die Enkel: Hätte unser Opa das gewollt?

„Ein dunkles Kapitel“ nennt Horst Bente heute den Verlust von Adidas – auch weil die Familie mit dem Verkauf die Deutungshoheit über Adi Dassler verlor. Als älteste aller Enkel hatten die Bentes ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Großvater. Bis heute schmerzt sie, wie die zweite Familiengeneration in kurzer Zeit alles verspielte, was er über die ganzen Jahre aufgebaut hatte.

"Wir haben als Familie alles falsch gemacht"

Dann, im Jahr 2011, meldete sich das interne „History Management“ von Adidas bei Dasslers jüngster Tochter. Die Abteilung, die im Laufe der Zeit auch historische Fotos und andere Dassler-Memorabilien von der Familie selbst bekommen hatte, signalisierte, dass sie eine klare Vereinbarung für deren Nutzung für sinnvoll hielt. Der Anruf wurde für die Familie zu einem Weckruf. Sie beschäftigte sich nun intensiv mit den Persönlichkeitsrechten ihres verstorbenen Vorfahren. Für die drei Enkel war er auch ein Startschuss für ihre Projekte, mit denen sie nun ein Stück des Erbes ihres Großvaters zurückholen wollen.

„Wir haben als Familie alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagt Horst Bente. Die Enkel wollen beweisen, dass die dritte Generation wieder etwas aufbauen kann – in der Tradition und unter dem Namen ihres Opas. Ein Leben für das Erbe statt vom Erbe.

In Herzogenaurach laufen Horst und Klaus Bente vom Adidas-Verwaltungsgebäude herüber zur alten Villa von Adi und Käthe Dassler. Bis zu dem Haus ihrer Großeltern, einem Kasten mit weißer Fassade, sind es nur ein paar Meter. Für die Bentes ist es wie eine Zeitreise, jeder Schritt voller Erinnerungen. Rechts liegt das frühere Produktionsgebäude, in dem sich heute die Kantine befindet. „Da saß unsere Mutter ganz früher am Empfang“, sagt Horst. Weiter hinten steht ihr Elternhaus. Jedes von Dasslers Kindern bewohnte neben der Firma ein eigenes Haus.

Schon damals halfen die Bentes ab und an in der Produktion, Schuhsohlen vermessen. In ihrer Freizeit spielten sie Fußball beim ASV Herzogenaurach, dem Verein, der in dem fränkischen 12000-Einwohner-Städtchen als „Adidas-Club“ bekannt war. Klaus spielte in der Abwehr, Horst im Sturm, ihr Opa saß bei jedem Spiel im Stadion. Zweimal im Jahr gab es Derbys gegen den 1. FC, den Verein des Adidas-Rivalen Puma, wo ein Schulkamerad namens Lothar Matthäus spielte. Zu den Spielen kamen 6000 Zuschauer, zur Sache ging es nicht nur auf dem Platz. Herzogenaurach war über Jahrzehnte eine geteilte Stadt wie Berlin – nur nicht in Ost und West, sondern in Adidas und Puma.

Besuch von Muhammad Ali

© Julian Baumann
Das frühere Wohnzimmer der Dasslers wird heute als Cross-Fit-Gym genutzt

Auf dem Weg durch die Villa erzählen die Bentes von den großen Sportlern, die hier oft zu Besuch waren – so als würde vor ihren Augen gerade ein Film mit den Helden ihrer Kindheit und Jugend ablaufen: Franz Beckenbauer, mit dem sie zwischen den Obstbäumen im Garten kickten, Uwe Seeler, Wolfgang Overath, der Tennisspieler Wilhelm Bungert – alles enge Freunde der Familie. „Auch Muhammad Ali war mal hier“, sagt Klaus. Regelmäßig seien sogar ganze Bundesligateams vorbei gekommen, wenn sie in Nürnberg spielten. Dafür gab es in der Villa das „Bundesligazimmer“ mit einem langen Esstisch und Wimpeln der Clubs an der Wand.

Häufig kamen die Spieler auch ins Haus der Bentes um die Ecke. Mit Beckenbauers Manager machte ihr Vater, der Deutschlandchef von Adidas, am Anfang Verträge auf Servietten. Die Mutter kümmerte sich in der Firma um die Promotion – etwa darum, dass Overath und die anderen Schuhe trugen, auf denen man die drei Streifen gut sehen konnte.

Im Garten zeigt Horst Bente auf einen Zaun, hinter dem man einen Tennisplatz erahnen kann. Als Laufbahnen aus Tartan aufkamen, habe ihr Opa den Platz bauen lassen, um seine Schuhe zu testen. Die Enkel erinnern sich, wie er mit ein paar Sprintern aus Fürth am richtigen Grip der Sohlen tüftelte. Dassler zeichnete Kurven und ließ die Athleten rennen – auf trockenem Belag, auf nassem, auf seifigem. „Wir saßen im Gebüsch und schauten zu, wie die aus der Kurve flogen“, sagt Horst.

Wer heute die Villa betritt, braucht viel Fantasie, um sich das alles vorzustellen. Das Haus wirkt vernachlässigt – als wäre die Zeit in den 60er-Jahren stehen geblieben. Heute dient es nur noch als Fitnessstudio für die Adidas-Mitarbeiter am Standort. An den Konzerngründer erinnert in der Villa nichts mehr.

Bis vor vier Jahren saß hier noch ein Teil der Personalabteilung. Neben den Türen hängen noch die Schilder: „Group Development & Training“, „Future Talents Programs“, „Talent Management & Training“. Nun sind die Räume nackt, nur ein paar Kabel liegen herum. Die Leute arbeiten inzwischen in der „World of Sports“, der neuen Konzernzentrale im Norden der Stadt. Schon vor einiger Zeit hat Adidas den alten Standort mit der Dassler-Villa verkauft und zurückgemietet, um die Bilanz zu entlasten. Bis 2019 sollen die noch verbliebenen 1050 Mitarbeiter in die neue Zentrale ziehen. Dann wird der Stammsitz Geschichte sein.

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© Julian Baumann
Die Bentes in der Küche der Villa: Im Haus sieht es aus, als wäre die Zeit stehen geblieben

Bis heute, sagt Horst Bente, hänge sein Herz an Adidas. Bei seinen Terminen, bei denen er die Pläne seiner Familie vorstellt, trägt Bente fast immer Adidas-Klamotten: Sneaker, Golfhose, Joggingjacke. Seit mehr als einem Jahr ist der mittlere der drei Brüder auf Roadshow. Weltweit hat er Investmentbanken abgeklappert und Family-Offices, die große Privatvermögen verwalten. Er war bei deutschen Unternehmerdynastien und Milliardären in Südamerika, beim Eigentümer des AS Rom, dem Gründer der Polomarke La Martina, bei Tennislegende Ivan Lendl und der US-Basketballliga NBA.

Für einige dieser Termine hat Bente das alte Netzwerk der Familie reaktiviert. Bei den anderen hat er gemerkt: „Der Name Adi Dassler öffnet alle Türen.“ Neulich saß er bei einem deutschen Fußballweltmeister zwei Stunden im Wohnzimmer. Für ihr Start-up-Projekt sucht die Familie noch prominente Partner – als Investoren, Mentoren oder Sponsoren.

Konzern vs. Familie

Auch Adidas wollten die Dassler-Enkel an Bord holen, als Partner für ihr Start-up-Programm. Als Bente das Projekt Anfang 2016 erstmals Capital vorstellte, nannte er den Konzern „einen idealen Partner, der sich aufdrängt“. Damals liefen schon Gespräche. Dabei saßen auf beiden Seiten Nachfahren der Dasslers. Die Rechtsabteilung bei Adidas leitet ein Enkel des Puma-Gründers Rudolf.

Doch die Gespräche hakten. Als die Familie Dasslers Unterschrift als Marke anmeldete, um sie für ihr Projekt zu nutzen, legte Adidas sein Veto ein. Bei den Bentes verfestigte sich der Eindruck, dass das Interesse des Konzerns an seinem Gründer in erster Linie ein kommerzielles sei – etwa wenn es darum geht, dessen Konterfei auf einen Schuh zu drucken. Anders als zuvor das „History Management“ halten es bei Adidas nicht alle für sinnvoll, eine Vereinbarung mit der Familie zu schließen, die den Zugriff auf die Person Dassler im Marketing einschränken könnte. Vor allem nicht die Leute, auf die es im Konzern ankommt.

Wenn sich die Familie nicht um Dasslers Vermächtnis kümmere, könne es sein, „dass diese Unternehmergeschichte verschwindet“, sagt Enkel Horst. Auf seiner Roadshow wird Bente oft gefragt, wie Adidas zu den Plänen der Familie stehe. Dann nennt er den Konzern „einen großen Gorilla an der Seitenlinie, der mit Interesse beobachtet, was wir tun“.

Adidas selbst äußert sich nur in knappen Worten. Fragt man nach dem Projekt der Bentes, heißt es: „Uns ist das Accelerator-Programm bekannt, und wir haben dazu auch mit der Familie Bente Gespräche geführt. Derzeit ist eine Beteiligung an dem Programm nicht geplant.“ Zu markenrechtlichen Fragen gibt es gar keinen Kommentar. Wenn sich Adidas noch engagieren wolle, gerne, sagt Bente. Wenn nicht, dann eben nicht: „Adidas ist in unserem Blut. Aber am Ende haben wir eine Verantwortung für unsere Start-ups und Investoren.“

Die ersten Bewerbungen von Start-ups und jungen Gründern sind bei Bentes Team bereits eingegangen. 300 sollen es bis Mai werden – aus allen möglichen Bereichen von Spiel- und Trainingsanalysen über Ernährung bis zu E-Sports, Ticketverkauf, Merchandising oder Stadioninfrastruktur. Am Ende werden zehn Start-ups für das dreimonatige Programm in Berlin ausgewählt. Sie erhalten jeweils 25 000 Euro Startkapital und die Hilfe hochkarätiger Mentoren. Dafür bekommt LeAD acht Prozent der Firmenanteile. Im Dezember kürt eine Jury den Champion. Alle anderen können vor Investoren pitchen, um Geld für ihre nächste Finanzierungsrunde einzusammeln.

Speeddating in London

© Familienarchiv
Uwe Seeler mit den beiden Dassler-Enkeln: Der HSV-Star war ein Freund der Familie

London, Anfang Februar. Horst Bente lässt sich in einem der buckligen Taxis durch die Stadt chauffieren. Gerade ist er wieder für das Start-up-Projekt seiner Familie unterwegs, drei Wochen vollgestopft mit Terminen. Zwei Tage Treffen mit Bankern und Investoren in London, eine große Start-up-Konferenz in Tel Aviv, ein Kongress für Familienunternehmer an der Universität Witten-Herdecke. Auftritte in Köln und Berlin. Dazwischen besucht er Bruder Klaus in Davos. Dann geht es zurück auf die Bahamas.

Auf der Roadshow dabei ist Christoph Sonnen, einer der beiden Geschäftsführer, die das Accelerator-Programm für die Bentes managen. Wie beim Speeddating haben die beiden an diesem Tag schon eine Reihe von Sechsaugenmeetings in ihrem Fünfsternehotel am Themseufer hinter sich: mit einem Sportvermarkter, einem Start-up-Investor und mit Investmentbankern von Santander und der Deutschen Bank. Später sind sie noch bei einer Investmentfirma in der Nähe des Piccadilly Circus. Zum Dinner wird Bente einen Goldman-Sachs-Berater treffen, der einen seiner Privatkunden mitbringt: den englischen Ex-Fußballnationalspieler Sol Campbell.

Jetzt ist es Nachmittag, und Bente hat Hunger, aber keine Zeit. Im Taxi geht es zum nächsten Treffen, vorbei am Buckingham Palace nach Kensington. Bente nimmt den Klappsitz, weil er dort seine Beine ausstrecken kann. Der Meniskus. Sonnen hockt auf dem Rücksitz, den Laptop auf dem Schoß, und schreibt Mails, um die nächsten Termine einzustielen. Irgendwann fragt Bente: „Wen treffen wir eigentlich jetzt?“

Nach 45 Minuten hält das Taxi in einer kleinen Straße hinter der israelischen Botschaft. Hier sitzt die Founders Factory, ein Accelerator für Technologiefirmen mit Investoren wie Easyjet oder L’Oréal. Die Founders Factory macht schon heute, was die Bentes vorhaben.

Brent Hoberman empfängt Start-up-typisch in einem Glasbüro, in das nur ein Flipchart und ein paar Stühle passen. Neben dem Founders-Factory-Gründer, der Anfang 2000 durch den Börsengang seines Reiseportals Lastminute.com reich wurde, sitzt sein junger Investmentchef. Bente spricht ohne die Powerpointfolien, die Sonnen dabei hat: über den Großvater, die Firma, den Verkauf. Dann über den Neuanfang und die Pläne der Enkel. „Der Zug hat den Bahnhof verlassen“, sagt er.

Dann zählt Bente die Leute auf, die bei LeAD schon als Investoren eingestiegen sind: ein „Gentleman aus Bogotá, Kolumbien“, dessen Familie Dutzende Firmen aufgebaut hat. Ein Präsident eines US-Konzerns mit mehr als 50 Mrd. Euro Umsatz. Der Brite Andrew White, der seine Sportmarketingfirma vor einiger Zeit verkauft hat – „an einen Mann namens Bill Gates“. Thomas Riedel aus Deutschland, dessen Firma für fast alle globalen Sportevents die Funktechnik liefert: Olympia, Fußball-WM, Formel 1. Einige andere würden bald unterschreiben – etwa Jens Reidel, langjähriger Chairman des Finanzinvestors BC Partners.

Als Bente mit seiner Liste fertig ist, sagt Hoberman: „Habt ihr schon mal David Beckham gefragt?“ Der investiere jetzt in Digital-Start-ups. Auch der Sohn von Ralph Lauren könne interessant sein, eventuell auch Sir Alex Ferguson oder die Familie, die hinter der Ski- und Tennisschlägerfirma Head steckt. Bei der Head-Familie war Bente schon. Zu den anderen will Hoberman den Kontakt herstellen. Später schickt sein Investmentchef die Mailadressen.

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Expansion in die USA

Der Dassler-Accelerator sei „ein einzigartiges Projekt“, sagt Andrew White, einer von Bentes ersten Investoren. „Für Start-ups aus dem Sport gibt es da draußen im Moment nichts Vergleichbares.“ White ist überzeugt, dass Name und Geschichte von Adi Dassler stark genug sind, um das Programm auch in andere Länder zu bringen. Drei Runden sind schon heute fest eingeplant, die zweite in den USA. Mit Blick auf Olympia 2020 in Tokio hat Asiens größter Werbekonzern Dentsu bereits Interesse an einer Kooperation signalisiert.

200 000 Euro kosten die meisten der „Tickets“, die die Bentes bei ihrem 3,2 Mio. Euro teuren Projekt an Investoren wie White ausgeben. Für ihr Kapital bekommen die Investoren je fünf Prozent an der Holding, die die LeAD-Anteile an den Start-ups hält – und eine Call-Option für künftige Finanzierungsrunden.

Finanziell könnte die Familie das Projekt auch alleine stemmen, sagt Bente, wenn ihn Gesprächspartner wegen der vergleichsweise geringen Summen schräg anschauen. Bei den Investoren gehe es eher um Netzwerke und Know-how, von denen die jungen Gründer profitieren sollen. Für ihre zwölf Plätze für externe Investoren mit Stimmrecht haben die Dassler-Enkel ein klares Profil definiert: keine stillen Geldgeber, keine Konzerne, sondern „einzigartige Einzelpersonen aus der ganzen Welt, die sich für Sport begeistern“. Eigentlich Menschen wie ihr Großvater.

Schon bald nach dem Tod von Adi Dassler im September 1978 war zwischen seinen Nachfahren ein heftiger Streit entbrannt. Zeitweise wurde der Kampf innerhalb des Adidas-Clans ähnlich erbittert geführt wie der zwischen den Dynastien von Adi und Rudolf Dassler – vor allem zwischen Dasslers einzigem Sohn Horst auf der einen Seite und seinen vier Töchtern sowie Schwiegersohn Alf Bente auf der anderen.

Horst Dassler war früh aus Herzogenaurach weggegangen und hatte im Elsass die Frankreich-Tochter des Unternehmens zu einer Art Gegen-Adidas aufgebaut. Parallel stieg der Onkel der Bentes zum wohl mächtigsten Strippenzieher im Weltsport auf. Über ein privates Schattenfirmenreich um die Schweizer Vermarktungsagentur ISL verteilte er Schmiergeld an korrupte Sportfunktionäre.

Nach Käthe Dasslers Tod Ende 1984 gab es unter den Kindern einen Friedenspakt. Horst Dassler wurde alleiniger Adidas-Chef, dafür beteiligte er seine Verwandten an seinen Privatfirmen. Doch schon als Horst Dassler 1987 starb, brach der Familienstreit wieder auf – nun mit seinen Kindern. Zwei Jahre später trudelte der langjährige Weltmarktführer unter dem externen Manager Jäggi tief in die Verlustzone. Vor lauter Streit hatten die Eigentümer wichtige Entscheidungen für das Unternehmen verschleppt, etwa die Auslagerung der Produktion nach Asien. Der Angreifer Nike aus den USA produzierte dort viel billiger.

110 Mio. D-Mark von Tapie

© Tobias Krause
Road Show: Horst Bente bei einer seiner Präsentationen für den LeAD-Accelerator

Schon bald nach dem Verkauf an den schillernden französischen Unternehmer Bernard Tapie verließ die Familie Bente Deutschland. Mutter Inge, die noch an den Folgen eines Schlaganfalls mit Ende 30 litt, wanderte auf die Bahamas aus. Ihr Mann Alf Bente begann nach der Trennung ein neues Leben in Portugal. Horst ging in die USA, wo er in den 80er-Jahren schon seinen MBA gemacht und einen Job bei der Chemiefirma Mobay hatte. 2008 zog er von Atlanta herüber zu seiner Mutter, die nächstes Jahr 80 wird.

Auf den Konten der Kinder lag ein Teil der 110 Mio. D-Mark, die Tapie jeder Dassler-Tochter für ihren 20-Prozent-Anteil an Adidas gezahlt hatte. Schon vor dem Verkauf hatte Inge Bente ihren drei Söhnen Anteile übertragen. Wegen der Steuer. In den vielen Jahren danach kümmerten sich die Dassler-Enkel als Privatiers vor allem darum, das Vermögen ihrer Familie zu erhalten – praktisch als ihr eigenes Family-Office.

Doch bis heute kann man spüren, dass sie der Verlust von Adidas noch immer beschäftigt. Wenn Horst Bente darüber spricht, klingt es fast wie eine Selbstanklage: Nach Adi Dasslers Tod habe es „keine Familien-Governance“ gegeben, der Preis sei für Tapie ein Schnäppchen gewesen. Niemand in der Familie sei darauf vorbereitet gewesen, den Erlös vernünftig anzulegen. Manchmal nennt er den Verkauf nur „das Liquiditätsevent“ – als könnte er mit einem Buchhalterbegriff die Emotionen ausknipsen.

Nach dem Anruf von Adidas bei ihrer Tante im Jahr 2011 begannen die Bentes zu recherchieren. Klaus, ein promovierter Betriebswirt, der als ältester der zwölf Dassler-Enkel die Familie auch gegenüber dem Konzern vertritt, schrieb eine Analyse. Horst googelte, wie der Nachlass anderer Prominenter geregelt ist, und kontaktierte ein US-Unternehmen, das die Rechte am Erbe von Marilyn Monroe und Elvis Presley hält. Zu dieser Zeit traf er auf dem Golfplatz daheim auf den Bahamas auch zufällig einen Deutschen, der sich mit Intellectual-Property-Rechten auskennt und über gute Drähte in die Venture-Capital-Welt verfügt: seinen späteren Roadshow-Begleiter Sonnen. Zusammen mit Tim Krieglstein, einem Ex-Europa-Marketingchef von Red Bull, ist Sonnen heute der Stratege hinter den Plänen der Familie Bente.

Über die Monate entstand die Idee des Adi-Dassler-Legacy-Projekts: mit dem Start-up-Accelerator, einem Multi-Family-Office, das für mehrere Unternehmerfamilien Vermögen verwaltet, vielleicht auch einem Family-Office für Athleten. Das, was er heute tue, sei „der erste Job, an dem mein Herz hängt“, sagt Horst Bente: die Erinnerung an seinen Großvater wachhalten.

Mit den Ideen wandten sich die Bentes an die anderen Familienstämme. Damals hatte die gesamte Familie schon unter Federführung der jüngsten Dassler-Tochter ein eigenes Dassler-Archiv in der Schweiz aufgebaut. Dort liegen 7000 digitalisierte Dokumente, darunter Designskizzen der Adilette und des Stollenschuhs von 1954, private Fotos sowie Briefe, die sich die verfeindeten Brüder Adi und Rudolf geschrieben haben. Einige Verwandte winkten bei den Plänen der Bentes gleich ab, weil sie damit nichts anfangen konnten oder das Gefühl hatten, dass die Erinnerung an ihren Vorfahren zu Geld gemacht werden solle. „Das macht man nicht“, bekamen die Bentes zu hören. Andere zögerten oder signalisierten nur Interesse an einzelnen Aktivitäten.

Im Laufe des vergangenen Jahres kristallisierte sich heraus, dass der Bente-Stamm sein Projekt alleine weiterverfolgt. Inzwischen ist auch Klaus Bentes 27-jähriger Sohn Alexander eingestiegen, als Vertreter der vierten Generation. Horst Bente sagt, auch er habe sich gefragt, ob sich der Name Dassler etwa auf den Finanzbereich übertragen lasse. Die Antwort fand er in der eigenen Geschichte: Bei ihrem Multi-Family-Office gehe es auch darum zu verhindern, dass andere Familien die gleichen Fehler machen wie sie, sagt er. Falls sich später noch andere Dassler-Stämme beteiligen wollten, bleibe die Tür offen: „Aber wir werden niemanden bitten.“

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"Scheitern ist keine Option"

© Tobias Krause
Das LeAD-Büro in Berlin: Das Accelerator-Programm startet im September

Berlin, ein paar Tage nach der London-Tour. Horst Bente sitzt in einer Wohnung mit blütenweißen Tapeten und blank geputzten Dielen im Prenzlauer Berg, in der das auf fast zehn Leute angewachsene LeAD-Team gerade sein Büro bezogen hat. Mit einem dicken Rucksack ist er aus Köln gekommen, wo er das Projekt tags zuvor im Sportmuseum präsentiert hat. Es war Bentes erster größerer Auftritt in Deutschland.

An diesem Abend folgt gleich der nächste. In einem hippen Fitnessstudio am Alexanderplatz, das mit seinen bunten Lichtern an eine Disco aus der „Saturday Night Fever“-Zeit erinnert, warten auf ihn zwei Dutzend Vertreter der Berliner Start-up-Szene, von Venture-Capital-Firmen und aus der Sportbranche. Unter den Gästen ist auch der Berater von Thomas Tuchel, dem Trainer des Puma-Clubs Borussia Dortmund. Er ist einer der 50 Mentoren, die die Start-ups im LeAD-Projekt coachen.

Bente spricht im Stehen, mit einer Cola-Flasche in der Hand. Auf der Videowand hinter ihm ist ein Foto zu sehen, das ihn und seine Brüder als Kinder mit ihrem Großvater zeigt. Der Dassler-Enkel erzählt auch von seinem Besuch in der alten Familienvilla in Herzogenaurach. „Bitter-sweet“ sei es gewesen, sagt er: auf der einen Seite die ganzen schönen Erinnerungen. Auf der anderen Seite zu sehen, wie das Haus verfällt.

Am Ende von Bentes Präsentation meldet sich ein Gründer. Er will wissen, ob bei dem LeAD-Programm auch eingepreist sei, dass es scheitern könne. In den Kreisen, in denen die Dassler-Enkel als Gründer ihres eigenen Start-ups nun unterwegs sind, gehört Scheitern zum Geschäft. Mancherorts gilt es fast schon als cool. Bentes Antwort kommt, ohne eine einzige Sekunde zu überlegen: „Für uns ist Scheitern keine Option. Damit würden wir das Vermächtnis unseres Großvaters belasten.“


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