ReportageAdi Dasslers Enkel: Zurück im Spiel

Die Dassler-Enkel Klaus (l.) und Horst Bente auf dem Sportplatz des ASV Herzogenaurach
Die Dassler-Enkel Klaus (l.) und Horst Bente auf dem Sportplatz des ASV Herzogenaurach
© Julian Baumann

Herr Bente also. Von welcher Firma er denn komme, fragt die Mitarbeiterin an der Anmeldung. „Keine Firma“, sagt der Besucher. Die junge Dame am Empfang in der alten Adidas-Zentrale in Herzogenaurach schaut verdutzt. Horst Bente könnte jetzt lange erklären, wer er ist und was er mit dem Sportartikelhersteller zu tun hat. Stattdessen wiederholt er freundlich: „Keine Firma.“ Die Mitarbeiterin überlegt noch einen Moment. Dann druckt sie den Besucherausweis aus. Der Platz für den Firmennamen bleibt leer.

Vor mehr als 30 Jahren, als Bente jung war, ist er hier einfach hereingelaufen – auch am Wochenende oder nachts. Wenn niemand da war, schaute er sich die neuen Adidas-Kollektionen an oder Trikots von südamerikanischen Fußballclubs, die in Deutschland gar nicht verkauft wurden. Damals hatte Horst Bente einen Generalschlüssel für das Unternehmen. Adidas gehörte ja seinem Großvater Adi Dassler.

An einem kalten Wintertag im Januar ist der Dassler-Enkel zurück in der alten Heimat, zusammen mit seinem Bruder Klaus. Die Brüder sehen ein bisschen aus wie Fußballtrainer und Clubmanager: Horst, 56, mit braun gebrannter Glatze, Joggingjacke von Adidas und seiner Brille, die an einem Band um den Hals baumelt, wenn er sie nicht aufsetzt. Der ein Jahr ältere Klaus trägt ein schickes Trachtensakko mit Einstecktuch und Wildlederschuhe.

Seit 27 Jahren waren die Brüder nicht mehr in der Firma, die ihr Großvater 1949 gegründet hat – auch nicht in Dasslers Privatvilla nebenan, in der sie als Kinder und Jugendliche ein und aus gegangen waren. Bei ihrem letzten Besuch 1990 saßen die beiden mit den anderen Dassler-Nachkommen im fünften Stock des grauen Verwaltungsgebäudes. Dort, wo ihr Großvater bis zu seinem Tod im Jahr 1978 sein Büro hatte, donnerte ihnen der damalige Adidas-Chef René C. Jäggi an den Kopf: „Die Firma ist bankrott.“

„Ich dachte, ich höre nicht richtig“, sagt Horst Bente heute. „Das kam für uns alle völlig überraschend.“ Im Sommer 1990 verkauften die Dassler-Erben ihre Adidas-Anteile – obwohl Familie und Firma über lange Jahre untrennbar miteinander verbunden waren. Das Unternehmen brauchte dringend frisches Geld. Aber die Familie konnte und wollte es nicht mehr geben.

Nach dem Verkauf zogen sich die Erben aus der Öffentlichkeit zurück. Dassler hatte einen Sohn und vier Töchter, nur ein Teil der fünf Familienstämme blieb in Franken. Ein anderer lebt heute in der Schweiz. Inge Bente, Dasslers älteste Tochter, wanderte auf die Bahamas aus. Ihr Sohn Horst zog später hinterher. Auch Stefan, der jüngste der drei Bente-Brüder, wohnt dort. In der Heimat dagegen verblasste über die Jahre die Erinnerung an die Gründerfamilie – auch im Unternehmen, das heute ein globaler Gigant mit fast 20 Mrd. Euro Umsatz und einem Börsenwert von mehr als 30 Mrd. Euro ist.

Comeback in Berlin

Adi Dassler mit seinen Enkeln Klaus, Stefan und Horst Bente (v.l.)
Adi Dassler mit seinen Enkeln Klaus, Stefan und Horst Bente (v.l.)
© Familienarchiv

Die Geschichte des Clans von Adi Dassler, des Erfinders der berühmten Stollenschuhe für die Fußball-WM 1954 und legendären „Schuhmachers der Nation“, klingt zunächst wie die von vielen anderen großen Industriellendynastien der Nachkriegszeit: ein dominanter Gründer, eine zweite Generation, die sich mit der Nachfolge schwertut, Krach zwischen den Erben, Krise. In der Not holt die Familie einen Manager von außen. Am Ende kann nur ein Verkauf das Überleben der Firma sichern. Die Erben ziehen sich ins Private zurück und leben von dem Geld, das sie für ihre Anteile kassiert haben.

All das hat es auch bei Adidas gegeben. Doch bei den Dasslers passiert nun etwas Außergewöhnliches: Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Funkstille tauchen einige Nachfahren plötzlich wieder auf.

Vergangenes Jahr gründeten die Bentes auf den Bahamas das Adi Dassler International Family Office – eine kleine Investmentfirma für Unternehmerfamilien wie ihre eigene. Mit Hollywoodproduzenten redeten sie über einen Dassler-Film. Vor allem mit dem Herzstück ihres Projekts wollen die drei Enkel an das Erbe ihres Großvaters anknüpfen: mit einem Förderprogramm für innovative Start-ups aus dem Sport.

Dessen Name LeAD Sports Accelerator steht für „Legacy of Adi Dassler“ – das Vermächtnis des Opas. Die Start-up-Schmiede soll Ideen groß machen, die den Sport und den 700 Mrd. Dollar schweren globalen Sportmarkt umkrempeln – so wie es ihr Großvater mit seinen Erfindungen gemacht hat. Im September startet die erste Runde in Berlin.

Adi Dassler sei selbst ein Start-up gewesen, sagen die Enkel, einer, der bei null angefangen und seine Firma immer wieder neu erfunden habe: erst Schuhe, dann Textilien, später Tennisschläger und Taschen. In der Dassler-Dynastie war Adi der Tüftler. Sein älterer Bruder Rudolf, der Puma-Gründer, mit dem ihn über viele Jahre nur noch eine erbitterte Feindschaft verband, war der ehrgeizige Verkäufer.