DigitalisierungWo Deutschland beim 5G-Netzausbau steht

Mobilfunkmast auf einem Hausdach: Ein Mann steht auf einer Hebebühne und arbeitet an einem Antennenmast
Mobilfunkmast auf einem Hausdach: Ein Mann steht auf einer Hebebühne und arbeitet an einem Antennenmastimago images / Sven Simon

Wenn Maschinen in Echtzeit miteinander kommunizieren sollen oder wir Filme in Sekundenschnelle laden wollen, brauchen wir ein schnelles Mobilfunknetz. Doch genau hier hakt es noch. Um die Digitalwüste Deutschland zukunftsfähig zu machen, haben sich die Mobilfunkkonzerne für den Rest des Jahres nun viel vorgenommen. Zwei Drittel der Deutschen soll sich noch bis Dezember mit dem schnellen Mobilfunk der fünften Generation vernetzen können. Der Experte für industrielle Organisation am Institut der Deutschen Wirtschaft, Christian Rusche, ist da jedoch skeptisch, wie er ntv.de sagt.

Selbst da, wo 5G in Deutschland bereits vermarktet wird, steckt der superschnelle Mobilfunkstandard noch nicht drin. Ländliche Regionen und weite Flächen sind noch lange nicht an die Highspeed-Leitungen angebunden. „Hier können sich die Leute wahrscheinlich freuen, wenn sie ein bisschen mehr Power als den LTE-Standard, den Vorgänger von 5G, bekommen“, sagt Rusche. Deutschland hat ein Reichweitenproblem.

Die hohen 5G-Frequenzen sind nur in unmittelbarer Umgebung zu erreichen. Das gleiche Phänomen kennt man vom WLAN. „Um mehr Netzabdeckung zu schaffen, versucht man im Bereich der niedrigen Frequenzen auszubauen im Bereich 700 Megahertz und 2 Gigahertz – da hat man große Fläche abgedeckt.“ Im Vergleich: Die Bandbreiten, auf die auch das Hinterland hofft, liegen bei 3,6 Gigahertz. Weil die meisten Menschen noch kein 5G-fähiges Smartphone nutzen, sieht Rusche da zurzeit allerdings noch kein Problem.

„Der Funk ist übergesprungen“

Das Ziel war es, bis Ende 2019 fast alle Haushalte in Deutschland mit einer Mindestdatenrate von 50 MBit/s pro Antennensektor zu versorgen. Das galt auch für Schienen und Autobahnen. Zum Vergleich: 4G liefert eine Datenrate von 300 MBit/s. Die Netzanbieter Telekom, Vodafone und Telefonica haben aber noch nicht einmal vollständig die 50 MBit/s geschafft. Warum die Betreiber die Auflagen der Netzagentur nicht eingehalten haben, habe unterschiedliche Gründe, so IW-Experte Rusche.

Die Telekom hat bislang knapp die Hälfte der Deutschen ans 5G-Netz angeschlossen. „Der Funk ist übergesprungen“, schreibt das Unternehmen auf seinem Twitter-Account. „In über 3000 Städten und Gemeinden können rund 40 Millionen Menschen mit 5G dabei sein.“ Darunter sind nicht nur Großstädte wie Frankfurt und München, sondern auch kleine Gemeinden wie das bayerische Wallgau oder Lampertswalde in Sachsen. „Zwei Drittel der Bevölkerung sind unser nächstes Ziel. Das wollen wir noch in diesem Jahr erreichen“, sagt der Technikchef Walter Goldenits. 40.000 Antennen sollen es bis zum Jahresende sein. Für IW-Experte Rusche liegt die Telekom vorne. Der Konzern habe in nur wenigen Wochen rund 18.000 Antennen aufgestellt und damit „ein Ausrufezeichen“ gesetzt.

Infografik: 5G breitet sich superschnell aus | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Ähnlich ambitionierte Ziele verfolgt auch der Telekom-Konkurrent Vodafone. Mit dem langsameren LTE hat das Unternehmen knapp 98,7 Prozent aller Haushalte in Deutschland erreicht. Für die Aufrüstung auf den schnelleren 5G-Mobilfunkstandard braucht es aber noch eine Kraftanstrengung. Aktuell funkten rund 1000 Antennen mit 5G in Deutschland, 7000 weitere sollen dieses Jahr noch folgen, berichtet das Unternehmen. Ziel sei es, bis zum Jahresende zehn Millionen Menschen mit dem superschnellen Mobilfunkstandard zu erreichen. „Vodafone versucht viel über das Kabelnetz zu lösen und die Mobilfunkstandorte in der Fläche kommen jetzt zeitnah dazu“, erklärt Rusche.

„Netflix in HD auf jedem Feld schauen, dauert noch bis 2025“

Konkurrent Telefonica hinkt hier noch etwas hinterher. Der spanische Telefonkonzern betreibt aktuell noch keine kommerziell nutzbaren Masten. Trotzdem verspricht der Anbieter noch bis zum Jahresende, Kunden der Telefonica-Marke O2 in Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt mit 5G zu vernetzen. Laut Rusche hat O2 bei den Versorgungsauflagen der Bundesnetzagentur noch Nachholbedarf. Nur in drei Bundesländern konnte Telefonica seine Pflichten erfüllen, deshalb drohte die Netzagentur bereits mit einer Strafe in Höhe von 600.000 Euro.

Als ein Grund, warum Telefonica nur langsam in die Gänge kommt, nennt der Konzern Bauverzögerungen durch die Corona-Pandemie. Das Coronavirus war 2020, aber die Versäumnisse liegen auch in der Zeit davor, glaubt Industrieexperte Rusche. Ein Problem seien die hohen Bandbreiten, die das Unternehmen anbiete. Denn je höher die Bandbreite, desto schwieriger wird es, den Mobilfunk in der Fläche zu erreichen. „Frequenzen, die Telefonica im Bereich von 3,5 Gigahertz anbietet, eignen sich deshalb nicht adäquat für die Flächenversorgung“, sagt Rusche. Das zeigt sich besonders in ländlich geprägten Bundesländern wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in denen die O2-Netzabdeckung im 5G-Bereich schlecht ausfällt. Kritisch sieht Rusche auch, dass Telefonica bei den Versorgungsauflagen noch Nachholbedarf hat. Der vierte Mobilfunkanbieter 1&1 Drillisch ist der schwächste in der Kette. Er kann noch kein eigenes Netz anbieten. Deutschland braucht auf ihn erstmal nicht zu hoffen.

Klar ist: Deutschland hätte beim Ausbau der 5G-Mobilfunknetz schon weiter sein müssen. Vom superschnellen Netz profitiert bislang allenfalls die Industrie. Zur Vernetzung von Maschinen können Unternehmen eigene Frequenzen und ihre eigenen Netze nutzen. Dadurch eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten, glaubt Rusche. Die normale Bevölkerung allerdings wird sich noch in Geduld üben müssen, denn „bis man Netflix in HD auf jedem Feld schauen kann, dauert es noch bis 2025“.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de