GastbeitragWir regulieren uns zu Tode

Symbolbild Bürokratie
Symbolbild Bürokratiedpa

Die fetten Jahre sind vorbei! Weil wir in Deutschland nicht mehr wirklich innovativ sind, ist die deutsche Industrie behäbig geworden und ruht sich auf den Lorbeeren der vergangenen Jahre aus. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir uns mächtig in den Hintern treten müssen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Mit dem Verhalten der kleinen Schritte hat Deutschland in wichtigen Industriefeldern den Anschluss verloren. Nur ein Beispiel: Bei den wichtigsten Tech-Konzernen ist kein einziger Deutscher mehr dabei.

Diesen Missstand und die Folgen habe ich bereits vor einem Jahr in meinem Buch „Standard ist tödlich“ beschrieben und vor kurzem hat der Spiegel dieses Thema in einer Titelstory kompromisslos beleuchtet. Meine damalige Wahrnehmung ist leider immer noch aktuell. Es hat sich nichts geändert, und ich frage mich, warum.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich eine kleine Umfrage bei der mittelständischen Industrie durchgeführt: Ich wollte wissen, was heute die größte Herausforderung für die Industrie in unserem Land ist.

Regulieren, bis der Arzt kommt

Das Ergebnis war eindeutig: 19 der 20 von mir Befragten nannten die politischen Rahmenbedingungen als Grund für die Stagnation. Der deutsche Staat und leider auch die EU ist Weltmeister im Regulieren – in fast allen industriellen Geschäftsbereichen. Denken Sie nur mal an:

  • die DSGVO;
  • die per Gesetz wieder eingeführte Zeiterfassung;
  • Servicearbeiten im Ausland, die erst nach einer veritablen Formularschlacht möglich sind;
  • aufwendige Betriebsanleitungen für Sondermaschinen, obwohl sie nur ein Mal gebaut werden;
  • oder das Recht auf Homeoffice, das zwar für Mitarbeiter und große Unternehmen eine gute Sache ist, es bringt dem Mittelstand allerdings viel Verwaltungsarbeit.

Und, und, und – die Liste könnte ich ewig lange weiter führen und über diese Themen beklagen sich die Mittelständler zu recht. Denn die Regeln binden enorme Kapazitäten, die im Unternehmen nicht mehr produktiv und kreativ genutzt werden können.

Endlich Feierabend!?

Ich will Ihnen das mal anhand eines aktuellen Beispiels verdeutlichen: In den Unternehmen muss von Rechtswegen der Vorgesetzte sanktioniert werden, wenn seine Mitarbeiter Überstunden machen. Da sitzen hochmotivierte 30-Jährige in den Unternehmen, die Bock hätten, was zu reißen – aber sie dürfen keine halbe Stunde länger arbeiten, sondern müssen pünktlich zum Ende ihrer Arbeitszeit den Stift fallen lassen. Ja, sie werden fast schon vom Betriebsgelände gejagt. Das mutet doch schon ein wenig wie der erzwungene Weg in den Vorruhestand an, finden Sie nicht?

Diese vielleicht gut gemeinten Überlegungen haben im Einzelfall ihre Berechtigung. Aber als Vorschriften, die für alle und in jedem Fall Rechtsgültigkeit besitzen, sind die unsinnig und produzieren einen unerhörten Aufwand in der Breite. Wir regulieren uns mehr und mehr – und vernichten damit produktive Arbeitszeit, die wir unbedingt bräuchten, um den Anschluss nicht zu verlieren und unsere führende Rolle im globalen Wettbewerb zu behalten.

Gemeinsam stark

Da können wir nichts machen, oder? Ich sage klar und deutlich: Doch! Und zwar, wenn wir die Ärmel hochkrempeln und durch echte Innovationen diese selbst gemachten Beeinträchtigungen auffangen. Wenn wir endlich aufwachen; unsere ernste Lage auf dem Weltmarkt erkennen; die unsägliche Bequemlichkeit und Lethargie entschlossen über Bord werfen und im Mittelstand mit voller Kraft an einem Strang ziehen! Dann können Sie als Unternehmer eine gewaltige Durchschlagskraft erreichen.

Wenn jeder Einzelne sich vom Komfortdenken befreit, Verantwortung übernimmt und erkennt, dass es Freude bereitet, etwas zu bewirken, und Teil eines Teams zu sein, das etwas Einzigartiges schaffen will. Und schon kommen wir aus dem passiven Negativdenken zum visionären Vorwärtsdenken. Das motiviert, setzt Kräfte frei und kreiert einen Willen, der sich von den hinderlichen Regularien nicht mehr bremsen lässt.

Ich meine: Es ist noch nicht zu spät, wir können das schaffen. Und dabei geht es nicht nur um uns Deutsche, sondern um eine europäische Lösung, die uns im Wettbewerb mit China und den USA bestehen lässt.

Das erinnert mich an meine Jugend, als ich im Fußball als Torwart zwischen den Pfosten stand. Meine Mitspieler sagten immer: „Du reagierst spät, aber dann schnell.“ Wenn wir uns in der deutschen Industrie einen Ruck geben, können wir das auch schaffen. Aber wir müssen endlich aktiv werden!