KolumneWiedekings Wiedergänger

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Als Wendelin Wiedeking noch als Porsche-Chef in Saft und Kraft stand, in den Jahren seiner größten Erfolge, überraschte mich eine renommierte Personalberaterin mit ihrem harschen Urteil über sein Führungsverhalten. Sie empfehle jungen aufstrebenden Managern, auf keinen Fall an die Seite Wiedekings zu wechseln. Er sei teamunfähig und verschleiße seine Mitarbeiter ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und ihr psychisches Gleichgewicht. Allein schon seine nächtlichen Rotwein-Runden, zu denen er seine Mitarbeiter praktisch nötige, seien grenzwertig.

Als diese Worte fielen, himmelten die meisten Medien Wiedeking noch als angeblichen Ausnahmemanager an. Und das ja nicht ohne Grund: Ohne den wuchtigen Westfalen wäre Porsche Mitte der 90er-Jahre nicht wieder auf die Spur gekommen. Fast alles, was den Autohersteller heute groß und profitabel macht, wurzelt in der frühen Ära Wiedeking. In den MBA-Kursen vieler Unternehmen diente Porsche noch vor wenigen Jahren als Musterbeispiel für einen gelungenen Turnaround unter schwierigsten Bedingungen. 2008 wählten ihn die europäischen Wirtschaftsmedien zum „European Manager of the Year“.

Größenwahn kommt vor dem Fall

Jetzt muss sich Wiedeking im Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts gemeinsam mit seinem Finanzvorstand wegen seiner Rolle beim Übernahmekampf um den VW-Konzern verantworten. Die Staatsanwälte werfen ihm die bewusste Manipulation des VW-Aktienkurses vor, um seine damaligen Ziele zu erreichen: die komplette Beherrschung des Wolfsburger Großkonzerns durch die viel kleinere Porsche AG. Egal wie dieses Verfahren juristisch ausgeht: Es dürfte sich in den nächsten Wochen auf jeden Fall als Lehrstunde in größenwahnsinnigem Führungsverhalten erweisen.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere vergessen Manager nur allzu leicht eine alte Weisheit: Hybris ist die hässliche Schwester des Erfolgs. Die vielleicht größte Gefahr für durchsetzungsstarke Manager ist der Größenwahn, die Mentalität des „Mir geling einfach alles“. Wer immerzu hört und liest, wie gut seine Arbeit ist, glaubt es irgendwann auch selbst. Und vergisst dabei nur allzu leicht, dass Unternehmenserfolg in der heutigen Zeit immer und ausnahmslos keine Einzel- sondern eine Teamleistung ist. Wiedeking glaubte in der Endphase seiner Chefzeit bei Porsche, niemand könne ihm strategisch das Wasser reichen. Nicht einmal der damalige VW-Autokrat Ferdinand Piëch, der schließlich seinen krachenden Fall herbeiführte.

In den meisten modernen Konzernen wäre ein Mann wie Wiedeking heute nicht mehr vermittelbar. Trotzdem gibt es in der deutschen Wirtschaft immer noch zahlreiche Wiedergänger Wiedekings. Vor allem im ach so bewunderten deutschen Mittelstand verhalten sich einige Manager immer noch wie kleine Diktatoren. Von Corporate Governance, den „checks and balances“ guter Unternehmensführung, wollen sie nicht wissen. Ihre Aufsichtsräte sind oft ein bloßer Witz, Kontrolle findet nicht statt. Viele dieser autoritären Unternehmenschefs sind mit ihrem Führungsstil durchaus erfolgreich. Aber ihre Firmen laufen Gefahr, irgendwann eben doch in eine tiefe Krise zu fallen.