KolumneWilde Kinderschar der Konzerne

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Im Geschäftsbericht der Siemens AG füllen sie zwölf engbedruckte Seiten: die Namen aller Tochterunternehmen. 115 allein in Deutschland, 260 in Europa und dem Nahen Osten, 133 in Asien und Australien. Hinzu kommen noch Dutzende von Joint-Ventures und verbundenen Firmen. Die lange Liste reicht von A wie der Airport Munic Logistics and Services GmbH bis Z wie der Zee Energie in den Niederlanden. Kein anderer deutscher Konzern verfügt über so viele Tochterunternehmen wie Siemens. Die BASF kommt beispielsweise mit gut 70 Töchtern in Deutschland und etwa 100 in Europa aus. Aber auch das ist ja nicht gerade wenig. Wenn man heute einen Konzern auf der grünen Wiese plante, käme niemand auf die Idee, so viele Ableger aus dem Boden zu stampfen wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte durch Übernahmen und Ausgründungen bei den meisten Dax-Konzernen angelagert haben.

Die spannende Frage ist: Wozu führt die wilde Kinderschar der Konzerne? Bei der RWE AG nach eigenem Eingeständnis zu viel zu viel Bürokratie und langatmigen Entscheidungswesen. Deshalb streicht Vorstandschef Peter Terium zwei Drittel der Aktiengesellschaften im Verbund und ein Drittel seiner nachgeordneten GmbHs. Der Gesamtkonzern soll durch den Verzicht auf die Töchter „schneller und wendiger“ werden, betonte der RWE-Chef in der vergangenen Woche. Und niemand zweifelt daran, dass dieser Schritt längst überfällig ist: RWE gilt seit langem als besonders schwierig zu managen, weil die zahlreichen kommunalen Eigentümer und gleich zwei DGB-Gewerkschaften über mehrere  Zwischenholdings mitreden und notwendige Einschnitte immer wieder bremsen. RWE-Aufsichtsratschef Manfred Schneider versucht seit vielen Jahren, eine einfachere Organisation durchzusetzen. Erst die tiefe Krise des Konzerns drückt die Bedenkenträger jetzt endlich beiseite und macht eine Reform möglich.

Widerstand vom Management vorprogrammiert

Auch wenn die meisten Dax-30-Konzerne organisatorisch besser aufgestellt sind als RWE – sie sollten die Zahl ihrer Tochterfirmen trotzdem verringern. Denn grundsätzlich gilt das Argument Teriums überall: Jede selbständige juristische Einheit frisst Management-Kapazität und kostet mehr Geld als eine normale Konzernabteilung. Tochterfirmen machen deshalb prinzipiell nur Sinn, wenn sie tatsächlich unternehmerisch selbständig am Markt agieren. Nichts funktioniert umgekehrt schlechter als eine Mischung aus juristischer Unabhängigkeit und faktischer Unmündigkeit.

Warum gehen die Konzerne trotzdem nicht ans Werk wie RWE? Weil die Abschaffung von Tochterfirmen nicht ohne heftigen Widerstand im Management abgeht und erst einmal viele Zeit und Mühe fordert. Terium setzt für seinen Umbau deshalb auch zwei Jahre an und verspricht vorerst nur überschaubare Kosteneinsparungen. Die Vorteile von schnelleren Entscheidungsstrukturen zeigen sich in der Regel erst mit einiger Verzögerung – und liegen deshalb jenseits des Quartalshorizonts vieler Vorstände.

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