KöpfeWer ist Janet Yellen?

Janet Yellen
Janet Yellen musste Mitte November vor dem Bankenkomitee des US-Senats­ in Washington Rede und Antwort stehen. Sie meisterte die Anhörung mit Bravour, auch wenn viele Republikaner sie skeptisch beurteilen
© Laif

Sie hört konzentriert zu, als Richard Shelby seine Fangfrage stellt. Diese Frage nach James Tobin und John Maynard Keynes. Hätten diese beiden Ökonomen die Politik der US-Notenbank unterstützt?, fragt der republikanische Senator. Diesen massiven Ankauf von Anleihen?

Dazu muss man wissen: Tobin, der die berühmte Steuer gleichen Namens erfunden hat, war Yellens Doktorvater. Und stand wiederum in der Tradition von Keynes. Beide Namen sind bei Leuten wie Shelby, bei den rechten Republikanern, verhasst. Denn sie stehen für die Intervention des Staates in Krisenzeiten.

Yellen trägt an diesem Tag Mitte November ein schwarzes Jackett über einem schwarzen kragenlosen Shirt. Nur eine Halskette hebt sich ab. Sie sitzt an einem langen braunen Tisch, ihr silbergrauer Pagenkopf sitzt wie ein Helm auf dem Kopf, ihr Gesicht wirkt freundlich, sie spricht ruhig, fast monoton. Es ist ein wichtiger Auftritt für sie, die Anhörung vor dem Bankenkomitee des Senats. Eine Art Bewerbungsgespräch.

Das „Quantitative Easing“, wie die lockere Geldpolitik im Fachjargon heißt, sei „von Tobin und Friedman“ empfohlen worden, antwortet Yellen. Damit bringt sie Milton Friedman ins Spiel – einen der größten Helden der amerikanischen Rechten. Ein feiner Hieb zurück. Das ist nicht die Antwort, auf die Shelby gehofft hatte: „Aber was ist mit Keynes?“, bohrt er nach. Er will bei den Wählern in seiner Heimat Alabama punkten, indem er Yellen mit dem Briten in Verbindung bringt. „Ich bin mir nicht sicher, ob Keynes je darüber nachgedacht hat“, sagt Yellen.

Steckbrief
Janet Yellen wurde 1946 in New York geboren. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Brown University. Yellen ist mit dem Ökonomen George Akerlof verheiratet und hat einen Sohn
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Keynes, Tobin, Friedman. Die Welt der Notenbanker ist im Jahr 2013 nicht einfacher geworden. Besser gesagt: Sie ist komplizierter als früher. Denn seit die US-Notenbank 2009 das größte Experiment ihrer Geschichte gestartet hat, ist Geldpolitik nicht mehr nur eine Frage für Investoren, Banken und Experten – sondern eine Schicksalsfrage, die die Welt bewegt. Eine ideologische Schlacht um die Rolle des Staates, um Interventionen gigantischen Ausmaßes in die Abläufe der Wirtschaft.

Und am Schalthebel dieser Riesenoperationen wird ab Februar 2014 diese Frau mit dem silbernen Haar und den dunklen Augen sitzen: unscheinbar, fast mütterlich, mit einer Sanftheit im Blick, die ihre Macht verdeckt. Diese Macht ist zumindest unumstritten: In ihrer Hand liegt das Schicksal der Weltwirtschaft.

Merkel bekommt Konkurrenz

Die Notenbanker sind die neuen Großingenieure, die Retter unseres schwächelnden Finanzsystems. Als „die mächtigste Frau der amerikanischen Geschichte“ bezeichnete das Portal „Business Insider“ Yellen, als sie für die Nachfolge von Ben Ber­nanke nominiert wurde.

Was sie sagt, denkt, tut – oder auch nicht tut –, wird die Märkte bewegen. Es wird Arbeitsplätze schaffen oder vernichten, Kurse steigen oder fallen lassen und damit Renten, Depots und Preise. Es ist das erste Mal in der 100-jährigen Geschichte der Fed, dass eine Frau an der Spitze steht. In den Rankings der mächtigsten Frauen der Welt wird Angela Merkel bald Konkurrenz bekommen.

An jenem Tag im November, als Yellen ihre erste Prüfung bestehen musste, bekam sie viel Lob. „Janet Yellen segelte problemlos durch das Bankenkomitee“, lobte „Bloomberg Businessweek“. Keine Frage, der Punkt mit Keynes ging an sie, auch wenn sie Senator Shelby – der schon 2010 gegen ihre Ernennung zur Vizepräsidentin gestimmt hatte – nicht überzeugen konnte. Eine Woche später bestätigte der Bankenausschuss des Senats ihre Ernennung mit 14 zu acht Stimmen, auch drei Repu­blikaner stimmten für sie.