ManagementWenn Hillary Clinton "anders" wäre...

Lars Vollmer
Lars Vollmer
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Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden“, Linde Verlag, Februar 2016


Oh nein, Hillary Clinton ist in Amerika fast so unbeliebt wie Donald Trump. Manche sagen sogar, die ehemalige First Lady sei – nicht nur bei den politischen Gegnern – noch unbeliebter. Das sind ja rosige Aussichten für die USA.

Ich glaube, Clintons größte Schwäche ist, dass sie in den Augen ihrer potenziellen Wähler das politische Establishment verkörpert und für die Kontinuität der Demokraten steht. Nach acht Jahren Obama würde sie womöglich die Nation einfach so beständig weiterführen. Blitzgescheit und langweilig.

Und genau das wollen die Amerikaner von der neuen Führungskraft Ihres Landes aber nicht. Amerika strebt nach einem echten Führungswechsel – trotz fragwürdiger Alternative. Die Wähler in den USA wollen „das Andere“. Und das ist Hillary Clinton nun beileibe nicht.

Die Gesellschaft wünscht sich Veränderung. Das ist der Maßstab und nichts anderes.

„Anders“ als DER Maßstab

Was gut ist, soll so weitergehen – bitte nichts ändern. Das ist die Maxime. Aber alles andere muss neu werden. Und das scheint für viele Amerikaner offenbar nur mit einem radikalen Führungswechsel möglich zu sein. ‚Was neu ist, wird bestimmt besser sein’, – eine Einschätzung, die mich übrigens sehr an Deutschland erinnert.

Und selbst wenn Hillary gewählt werden würde, dann hieße es nach 100 Tagen: Butter bei die Fische, was hat sie anders gemacht und schon bewirkt? Dieses Schicksal vereint Politiker in jedem Land dieser Welt und Führungskräfte in Unternehmen. Denn nach 100 Tagen Chefposten – so lange gilt der Welpenschutz – wird Bilanz gezogen. Was hat der Neue schon gemacht? Was hat er verändert? Welche neuen Impulse hat er schon gesetzt? Was hat er anders gemacht als der Vorgänger?

Das können Sie derzeit auch gut im Fußball beobachten: In Berichten über Carlo Ancelotti wird in jedem zweiten Satz beschrieben, was der neue Trainer des FC Bayern München anders oder gleich macht wie seine Vorgänger.

Denkfehler im System

Das ist völlig normal und ein wesentlicher Teil der Kommunikation. Worüber sollte man denn auch sonst reden?

Den Führungskräften ist kein Vorwurf zu machen. Schließlich können sie in klassischen Unternehmen keine Karriere machen, wenn sie diese Profilierung nicht nutzen. Also spielen sie das Theater brav mit und versuchen, Veränderungen anzustoßen. Es gehört schließlich zum Spiel dazu und wird von ihnen erwartet.

Das ist ein Denkfehler im System – in den Unternehmen und der heutigen Gesellschaft. Eine gute Bewertung bekommt der Neue eben nur, wenn der etwas Neues tut. Große Veränderungen werden als mutig dargestellt – und das sind sie ja auch –, aber welchen Nutzen sie wirklich stiften, hinterfragt zunächst einmal keiner.

Das ist fatal, besonders bei CEOs, die als Gestaltungsgegenstand das ganze Unternehmen haben. Da werden dem System völlig neue Strategien übergestülpt und riesige Restrukturierungsprogramme aufgefahren, nicht selten nur um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass sie etwas tun und nicht nur faul rumsitzen.

Ein gut laufendes System einfach weiterlaufen zu lassen – wie es beispielsweise die deutsche Kanzlerin in den letzten Jahren getan hat – wird als Schwäche ausgelegt. Führungskräfte eines Landes oder in Unternehmen, die nur wenig verändern, werden mit „zaghaft“ oder „zaudernd“ gebrandmarkt. So ein Unsinn!

Selbstheilungskräfte des Systems

In manchen Fällen ist es sogar besser, das System in Frieden zu lassen und auf seine Selbstheilungs- und Selbstentwicklungskräfte zu vertrauen. Schauen Sie sich meine Wahlheimat Spanien an. Acht Monate ohne Regierung und die Wirtschaft legt zu – zugegeben startet Spanien von einem niedrigen Level –, aber das Land berappelt sich. Und zwar ohne dass eine neue Führungskraft die Weichen radikal umstellt.

Ein schönes Beispiel, an dem Sie sich bewusst machen können: Ob Politiker, Fußballtrainer oder Führungskraft in der Wirtschaft – sie agieren in komplexen und damit lebendigen Systemen. Sie sind immer in Aktion, egal ob ein Veränderungsimpuls von außen kommt oder nicht.

Und alles ist eine Intervention. Mit dem Nichtstun intervenieren Sie genauso, als wenn Sie etwas verändern. Beide Varianten können positive oder negative Auswirkungen haben und sind entsprechend nicht besser oder schlechter zu bewerten als die andere. Machen Sie sich bewusst, in welchem System Sie sich bewegen und dass dieses nicht wie eine Maschine reagiert und sich nur mit einem Impuls von außen in Bewegung setzt. Es bewegt sich immer.

Gesellschaftliches Umdenken

„Anders muss es sein“, ist einfach eine falsche Grundlage des Denkens und leider viel zu stark in der Gesellschaft manifestiert. Wenn Hillary Clinton im Wahlkampf bessere Chancen bekommen wollen würde, müsste sie prinzipiell mit dem System spielen und nicht nur die Unterschiede zu Donald Trump, sondern selbst zur bisherigen Obama-Zeit betonen.

Damit die Protagonisten in Politik und Unternehmen nicht mehr solche Spielchen spielen müssen, ist jedoch ein Umdenken aller Beteiligten notwendig. Zum einen durch die Beobachter, wie Medien und Aktionäre, die darauf lauern, die 100-Tage-Bilanz der neuen Unternehmensführung zu studieren und auszuwerten. Am liebsten schon nach 50 Tagen.

Aber auch durch die Manager selbst, wenn sie ihre neuen Mitarbeiter bewerten – zumeist ja selbst Führungskräfte. Dann ist es auch obsolet, dass der neue Vertriebsleiter bei seinem Chef in die Kritik gerät, weil er „nur“ mit der bisherigen Vertriebsstrategie genauso gute Zahlen bringt wie sein Vorgänger.

Was ich sagen will: Prinzipiell einfach mal alles anders zu machen, wird weder den komplexen Systemen, noch den darin agierenden Menschen gerecht. Warum braucht es dann diese pauschale Forderung von allen Seiten, unbedingt, zwingend und verpflichtend Veränderungen herbeizuführen?