WeltwirtschaftsforumDavos 2017: Der Berg der Probleme ruft

Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
© Gene Glover

Wenn sich die Weltelite wie in jedem Januar zum Weltwirtschaftsforum (WEF) im Schweizer Skiort Davos versammelt, gibt es eine Fülle von Feststellungen, Voraussagen und „Funny Facts“, die im Vorfeld gemacht werden: Wie viele Staatschefs (rund 40) kommen und wie viele CEOs (über 1000), wie viele Veranstaltungen (Hunderte) es gibt und wie viele Flaschen Champagner das Steigenberger Hotel Belvédère für die vielen Partys kühl gestellt hat (einige Tausend). Nicht zu vergessen, dass Davos wie jedes Jahr einer Festung gleicht, aus Stacheldraht, Absperrungen und Hunderten Polizisten. Und das berühmte Zitat von Ex-VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch darf nicht fehlen, der einmal gesagt hat: „Vier Tage Davos ersparen mir vier Monate Reisezeit.“ Ja, Davos ist jedes Mal Wunder und Wahnsinn zugleich.

In diesem Jahr trifft sich die Elite aber in einer angespannten und aufgewühlten Zeit, in der sie vor allem selbst im Feuer steht: Die Top-Entscheider kommen zusammen in Zeiten der Elitenkrise, in der ihre Haltung, ihre sinkende Problemlösungskompetenz, ihre Entkopplung und Bezugslosigkeit zu den Problemen und Realitäten der „normalen Bevölkerung“ zum Megathema geworden sind.

Von einer „Implosion des Vertrauens“ spricht gar die PR-Agentur Edelman in ihrem neuen Trust Barometer, für das 30.000 Menschen in 28 Ländern befragt wurden. In 17 Ländern hat das Vertrauen in die Politik, Medien und Institutionen historisch niedrige Werte erreicht, zwei Drittel der Ländern gelten als „Distrusters“, das Misstrauen überwiegt hier dem Vertrauen. Die Gründe sind die häufig genannten: zu große Ungleichheit, ein Mangel an Perspektiven und Teilhabe sowie hohe Arbeitslosigkeit. Nur 15 Prozent sagen noch, dass das derzeitige System funktioniere – während 53 Prozent die Frage verneinen und 32 Prozent unsicher sind. Man könnte also sagen: Die Elite ist aus den Fugen.

Problem mit Ungleichheit

Aber hier beginnt schon das Problem: Wenn etwas so stark erodiert, wo überhaupt lässt sich bei der Suche nach einer Lösung ansetzen? Zunächst muss man festhalten, dass Elite nicht gleich Elite ist – und damit das gefühlte großflächige Versagen nicht grenzenlos. Es ist – wie bei der Diskussion um die „Abgehängten“ – fahrlässig, jede Situation einfach ungefiltert auf jedes Land zu übertragen.

Die USA und Deutschland etwa haben beide ein Problem mit Ungleichheit – doch geht es bei uns nicht einher mit der breiten Verelendung ganzer Schichten (weil der Sozialstaat besser funktioniert). Auch profitiert Deutschland stark von der Globalisierung, was die überwiegende Mehrheit auch so sieht. Zudem ging die niedrige Arbeitslosigkeit im Gegensatz zu den USA einher mit einem starken Aufbau der Erwerbsquote – in den USA haben in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter aufgehört, aktiv einen Job zu suchen. Dafür wächst die amerikanische Volkswirtschaft stärker, ist dynamischer – und US-Konzerne dominieren so ziemlich alle Rankings, die in den vergangenen Jahrzehnten erdacht wurden.

Was uns ebenfalls unterscheidet: Das Modell „Deutschland“, das fein austarierte System aus Institutionen, Kooperationen, aus Sozialpartnerschaft und anderen Elementen, wird mehrheitlich nicht als so verrottet angesehen, dass man unbedingt hinfortfegen müsse (Wenn etwas weg muss für die harschen Kritiker, dann „nur“ Merkel.)

Digitalisierung produziert Ängste

Elite ist nicht gleich Elite, Versagen nicht gleich Versagen. Dennoch schälen sich Muster heraus, sie sich auch seit Jahren in Davos auf dem Weltwirtschaftsforum unterschwellig durch Panel und Konferenzen ziehen: Dass die Ungleichheit zunimmt und nicht ab, trotz der Erholung nach der Finanzkrise 2008 in vielen Ländern, trotz der hohen Wohlstandsgewinne in den Schwellenländern. Und vor allem dass das, was die Elite und IT-Gründer als Disruption und digitale Ära feiern, auch sehr viele Ängste produziert – und es Verwerfungen geben wird, wenn diese Ära nicht das gleiche Wohlstandversprechen abgibt, wie die analoge Wachstumsphase ab den 1960er-Jahren. Hier wird es die Herausforderung sein, immer wieder auf Zahlen und Fakten zu schauen, die trotz allem optimistisch stimmen, – und das tun nämlich die allermeisten. Man schaue sich beispielsweise Statistiken zu Armut, Hunger, Analphabetentum und Kindersterblichkeit an.

Aber das Wort „Sozialpartnerschaft“ wird in einer Ära der Roboter und digitalen Fabriken eine ganz neue Bedeutung bekommen. Und hier wird es Lösungen geben müssen, denn das vage Versprechen, dass die Probleme der Menschen auch von Menschen gelöst werden, wird nicht mehr reichen. In Davos wird es 2017 knistern.

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