EditorialWie gut geht's Deutschland wirklich?

Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
© Gene Glover

Am Ende dieses Jahres, in dem das Geschehen auf unserem Erdball mal wieder ganz schön viele Nerven gekostet hat, könnte man zwei Bilder von Deutschland zeichnen. Von beiden habe ich in diesem Jahr gehört und gelesen, über beide habe ich diskutiert und heftig gestritten, und noch immer frage ich mich, welches das richtige ist.

Das eine Deutschland ist ein Land, das derzeit eine Phase historischen Wohlstands durchlebt; das beim nächsten Teil von „Herr der Ringe“ gut als Auenland durchgehen könnte. 44 Millionen Erwerbstätige, eine Legislaturperiode ohne neue Schulden, sprudelnde Steuern, saftige Rentenerhöhungen und reale Lohnzuwächse, sogar der Konsum steigt munter und nicht nur der Export. Und mittendrin eine Kanzlerin, die zwar keinen Ruck, aber Stabilität verspricht, inmitten immer düstererer Gestalten, die in anderen Ländern die Macht ergreifen.

Und nun das andere Deutschland: In diesem Land steigen zwar auch die Löhne und Steuereinnahmen, und es herrscht vielerorts Vollbeschäftigung. Aber der Wohlstand ist bedroht und auf Schulden gebaut. Dieses Land verdrängt die epochale Krise seiner Währung, die nur mit Gesetzesbrüchen und Milliardengarantien am Leben erhalten wird. Es verdrängt, wie es mit seiner Wettbewerbsfähigkeit den Süden Europas zerstört und totexportiert, während es von immer mehr Populistenregimen umzingelt wird; es verdrängt seine vergurkte Energiewende und dass die eigene Infrastruktur verrottet, während die Regierung nicht mehr reformiert, sondern am Fließband soziale Wohltaten verteilt.

Halten Sie kurz inne und überlegen – in welchem Land leben Sie?

Capital 01/2017
Die aktuelle Capital

Vor Kurzem war ich in Bayern, da saßen etwa 200 Menschen bei einem Martinsgansessen, so köstlich und gemütlich, wie man es nur in Bayern erleben kann. Als ich bei meinem Vortrag diese In-welchem-Land-leben-wir-Frage stellte, hoben rund 90 Prozent der Zuhörer für das erste Deutschland die Hand, bis ein Herr rief: „Beides ist richtig, an beiden Deutschlands ist etwas dran!“

Und er hat recht. Der Wohlstand, den weite Teile Deutschlands erleben, ist tatsächlich beeindruckend. Aber: Er ist auch bedroht, er muss ständig neu verteidigt werden. Und da sich beide Sichtweisen auf unser Land manchmal ganz schön ineinander verkeilt haben (und wir unterm Weihnachtsbaum nicht zu viel darüber streiten sollten), sollten wir als Erstes genau das erkennen: Beide Bilder haben ihren Punkt.

Was mich optimistisch macht, ist unsere Fähigkeit zur Erneuerung. Ich gehöre zu einer Generation, die als Teenager nicht nur mit Haut-, sondern auch Standortproblemen aufgewachsen ist. Ich lernte, dass unser Geheimnis eine produktive Unruhe ist. Wir wollen ja ständig etwas verbessern – und tun es auch.

So, und nun wünsche ich Ihnen ein besinnliches Weihnachtsfest. Legen Sie das furchtbare Smartphone weit weg von Krippe und Baum. Lesen Sie ein Buch oder lesen Sie uns, denken Sie mal wieder nach, ohne ein Gerät in der Hand. Für das neue Jahr viel Erfolg, Gelassenheit, mehr Freiraum und weniger Change, mehr Zukunft und weniger Digitalisierung – und vor allem einen freien Kopf mit vielen großen, neuen Ideen.

Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: