EssayWarum die Welt nicht schlechter wird

© Katharina Metschl

Eine der großen Innovationen unserer Informationsgesellschaft ist der tägliche Weltuntergang. Früher hatten die Kirche und ein paar Sekten und Spinner das Monopol auf die Apokalypse, die Filmrechte hielt Hollywood. Inzwischen lässt sich der Ausnahmezustand am Fließband herstellen und die Welt atemlos aus den Fugen deklinieren, ob im Bundestag, in Leitartikeln oder auf Facebook.

Ja, irgendwie ist alles ganz schön krass geworden auf unserem Erdball, viele schlimme Dinge passieren, und so stimmen wir ein in das Weltkriegsgeheul der Großkrisen, das Schlagwortstakkato der Bedrohungen, die uns nicht nur das Gefühl geben, dass 2015 ein ganz schlimmes Jahr war. Sondern dass es mit der Menschheit insgesamt irgendwie ziemlich bergab geht.

Paris, Charlie Hebdo, Germanwings, Ukraine, Syrien, Flüchtlingskrise, IS, EZB, QE, VW, Deflation, Inflation – man hat den Eindruck, dass die Welt ein großer Misthaufen geworden ist und die Politiker und anderen Entscheider mit ihren Mistgabeln beim Umschichten gar nicht mehr hinterherkommen. Und lediglich durch große Worte versuchen, ihre Ohnmacht zur Allmacht umzufunktionieren: Whatever it takes. Wir schaffen das.

Diese Sätze, eine Mischung aus Durchhalteparole und Zauberspruch, wirken mal mehr und mal weniger, am Ende bleibt bei den meisten Menschen die dunkle Ahnung: Ja, die Welt ist tatsächlich aus den Fugen. Die Krisen werden immer größer und immer mehr. Und keiner hat die Lage so richtig im Griff.

Die Welt wird in vielerlei Hinsicht besser

Nun wäre es albern, einfach zu sagen, dass die Welt doch ganz okay ist, weil wir schließlich nahezu alle ein Smartphone, sauberes Trinkwasser, neuerdings auch Jobs und einen schier unbegrenzten Nachschub an ziemlich guten US-Fernsehserien haben. Und doch, gerade nach diesem Jahr, welches so schrecklich eingerahmt ist von dem Terror in Paris, sollten wir genauer hinschauen. Ein Jahr, welches es bei einer RTL-Show mit Oliver Geissen („Die schlimmsten Jahre dieses Jahrhunderts“) bestimmt aufs Siegertreppchen schaffen dürfte.

Wir sollten hinschauen, weil manche Sätze, Zahlen und Entwicklungen sonst untergehen, die zeigen, dass die Welt in vielerlei Hinsicht besser wird. An der Börse würde man sagen: Der Aufwärtstrend der Menschheit ist ungebrochen. Sie ist ein Kauf.

Gerade wenn das Gefühl diffus ist, sollte man sich an die Fakten halten. Da gibt es so viele Lichtblicke, so viele Erfolge und Trends, die nach oben zeigen, dass man schnell zu einer Vorstellung unserer Welt kommt, in der zwar schreckliche Dinge passieren, die aber nahelegt: Noch nie ging es so vielen Menschen so gut.

Zahl der Armen sinkt

Zum Beispiel die extreme Armut: Seit 2012 ist die Zahl der Armen (Menschen, die weniger als 1,90 Dollar pro Tag haben) um 200 Millionen gesunken. Damit leben zwar immer noch 702 Millionen Menschen in Armut, das sind aber nur 9,6 Prozent der Weltbevölkerung. 1999 lag der Anteil noch bei 29 Prozent, 1990 bei 37 Prozent. „ Diese Schätzungen zeigen“, sagte im Oktober Weltbankpräsident Jim Yong Kim, „dass wir die erste Generation der Weltgeschichte sind, die die extreme Armut beenden kann.“

Das gleiche Bild bei der Unterernährung: Derzeit gelten rund 795 Millionen Menschen als unterernährt. Das ist schlimm. Aber im Zeitraum zwischen 2010 und 2012 waren es noch 821 Millionen, 2005 bis 2007 noch 942 Millionen und Anfang der Neunziger noch über eine Milliarde. Die Kindersterblichkeit: hat sich seit 1990 halbiert. Die Zahl der Malaria-Infektionen: ist zwischen 2000 und 2015 um 37 Prozent gefallen.