KommentarDie Ukraine ist wichtiger als Griechenland

Kriegszerstörung in der Ukraine
Die Kämpfe in der Ukraine hinterlassen zerstörte Ortschaften – Foto: Getty Images

Anders Aslund ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur Marktwirtschaft

Anders Aslund ist Senior Fellow des Atlantic Council und Autor des Buchs „Ukraine: What went wrong and how to fix it“. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur Marktwirtschaft.


In seiner Rechtfertigung des militärischen Konflikts in der Ukraine hat der Kreml eine Falschaussage an die andere gereiht. Am 27. Februar vergangenen Jahres wurde das Regionalparlament der Krim von „kleinen grünen Männchen“ besetzt, was eine Chiffre für russische Spezialkräfte in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen ist. Am Tag darauf nahmen sie die zwei internationalen Flughäfen der Halbinsel ein. Innerhalb von zwei Wochen hatten sie die gesamte Krim in ihrer Hand.

Moskau stellte diesen Fall von Okkupation zunächst als Volksaufstand dar. Doch Präsident Wladimir Putin hat längst selbst zugegeben, dass russische Soldaten im großen Stil an der Aktion beteiligt waren. Es handelte sich um einen glasklaren, einseitigen Akt militärischer Aggression. Doch in der russischen Bevölkerung, die die Krim als verlorenes sowjetisches Ferienparadies betrachtete, stieß er auf gewaltige Zustimmung.

Etwas schwieriger fällt die Bewertung bei der Fortsetzung von russischen Angriffs auf die Ukraine. In Moskau wurde über drei mögliche Ziele spekuliert. Zunächst sah ein Plan des Nationalen Sicherheitsrats, der früh durchsickerte, offenbar vor, dass zehn ost- und südukrainische Gebiete einschließlich Kiews eingenommen werden sollten – um zu verhindern, dass der alte sowjetische militärisch-industrielle Komplex auseinanderbricht. Dafür hätte man im Frühling 2014 in Kiew einmarschieren müssen, was nicht geschah.

Putin geht es um Zerstörung

Eine zweite Idee brachte Putin selbst ins Spiel, und zwar bei einem großen öffentlichen Auftritt am 17. April. Es gehe, so hieß es nun, um das Gebiet „Neurussland“, ein Begriff, der noch unter Zarin Katharina II. für acht ost- und südukrainische Regionen geprägt worden war. Auch die Einnahme dieses Gebiets hätte eine Frühjahrsoffensive erfordert, die ebenfalls nicht stattfand.

Der Kreml entschied sich für eine andere Strategie: einen begrenzten, aber sehr blutigen und zerstörerischen Krieg in einem Teilgebiet der zwei ukrainischen Regionen Luhansk und Donetsk, das unter dem Namen Donbass bekannt ist. Das Ergebnis der Besatzung durch russische Truppen und ihre Ableger ist entsetzlich. Einst wohnten in dem Gebiet 3,3 Millionen Menschen. Jetzt sind die meisten davon geflohen. Nach Angaben des Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen gingen 1,3 Millionen in andere Teile der Ukraine, eine halbe Million nach Russland und 100.000 in andere Länder. Es blieben Rentner, Kriminelle und Mittellose.

Die Wirtschaft in dieser Industriebrache aus heruntergekommenen Kohleminen und Stahlwerken stand 2013 immerhin noch für zehn Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nun ist sie weitgehend zum Erliegen gekommen. Es ist nicht nur der Krieg der die ukrainische Volkswirtschaft in den Abgrund geschickt hat, sondern auch die harschen Handelssanktionen. Die ukrainischen Exporte nach Russland gingen im vergangenen Jahr um die Hälfte zurück, insgesamt brachen die Ausfuhren um zwölf Prozent ein. Das ukrainische BIP fiel 2014 um 6,8 Prozent, in diesem Jahr dürften es sogar neun Prozent werden. Drei Viertel dieser Rezession lassen sich auf den Krieg mit Russland und die russischen Handelssanktionen zurückführen.

Damit ist eines klar: Dem Kreml geht es in der Ostukraine nicht um Eroberung, sondern um Zerstörung – darum, die ökonomischen Kosten für die Ukraine so weit wie möglich in die Höhe zu treiben. Das Land soll destabilisiert werden und seine Regierung soll politisch scheitern. Putins Ziel war und ist es, einen demokratischen Durchbruch in der Ukraine zu verhindern, weil dieser sonst zum Vorspiel eines Demokratisierungsprozesses in Russland werden könnte.