KolumneWas uns die Quartalszahlen sagen - und was nicht

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Die ersten Quartalsberichte dieser Saison sind trotz Corona-Krise relativ erfreulich ausgefallen. Bei der Bayer AG stiegen die Umsätze und Gewinne in den ersten drei Monaten dieses Jahres ein gutes Stück, die Deutsche Bank überraschte fast alle Analysten mit schwarzen Zahlen und der  Autozulieferer Continental schnitt besser ab als allgemein befürchtet worden war. Nur Adidas fiel negativ aus der Reihe und berichtete über einen scharfen Einbruch des Geschäfts.

Die Aussagekraft der ersten Quartalszahlen sollte man jedoch nicht überschätzen – weder in die eine Richtung noch in die andere. Dafür gibt es vier Gründe:

  • Erstens liefen die Geschäfte in den ersten beiden Monaten dieses Jahres in vielen Konzernen zwar bereits schwach, aber noch nicht katastrophal. Erst nach dem Lockdown im März und dem Stillstand der Fließbänder in vielen Fabriken fielen die Umsätze wie ein Stein nach unten.
  • Zweitens profitierten einige Konzerne wie zum Beispiel Bayer zunächst sogar vom Ausbruch der Corona-Krise. So horteten die Verbraucher beispielsweise Aspirin und legten sich auch sonst Vorräte aus den Apotheken an. Doch diese Umsätze werden irgendwann im Verlauf des Jahres fehlen.
  • Drittens zeigen sich die Folgen der Corona-Krise nur in einigen Branchen wie dem Einzelhandel sofort, in anderen jedoch erst mit ziemlicher Verzögerung. Das Musterbeispiel sind die Banken, deren Kreditbücher stets am Ende einer Krise am meisten leiden – wenn die letzten Kunden trotz größter Anstrengungen ihre Darlehen nicht mehr bedienen können.
  • Und viertens profitierten viele Zulieferer im ersten Quartal noch von der Abwicklung früherer Bestellungen, die nicht mehr stornierbar waren. Der volle Einbruch trifft sie erst jetzt im zweiten Quartal.

Man muss davon ausgehen, dass nicht der März mit der spektakulären Schließung der meisten Läden und fast aller Restaurants der schlimmste Monat dieses Jahres war, sondern der jetzt laufende April. Da die meisten Unternehmen jedoch nur Zahlen für die Quartale vorlegen und keine für die einzelnen Monate, erhält man nur schwer ein genaues Bild.

Wie schnell erholt sich die Wirtschaft?

Alles spricht jedoch dafür, dass wir den vorläufigen Tiefpunkt in der Wirtschaft in diesem Monat erreicht haben. Im Mai verkaufen die meisten Läden wieder – wenn auch deutlich weniger als in normalen Zeiten. Die ersten Fabriken laufen wieder – wenn auch deutlich langsamer als in normalen Zeiten. In den ersten Autohäusern gehen wieder Bestellungen ein – wenn auch deutlich wenig als im Vorjahr.

Wenn es gut läuft, dann waren März und April die beiden einzigen Monate mit einem tiefen Einbruch – und der Mai zeigt wieder Wachstum gegenüber den Vorquartalen, wenn auch auf niedrigstem Niveau. Spannend wird, wie stark dieses Wachstum ausfällt.

Es gibt nur ein großes Fragezeichen: Die weitere Entwicklung der Pandemie selbst, die kein Wirtschaftsforscher vorhersagen kann. Schnellen die Ansteckungszahlen wieder schnell nach oben und droht erneut eine Überlastung unserer Krankenhäuser, dann wird die Bundesregierung wohl oder übel einen neuen Lockdown anordnen. Dieses Szenario wäre das schlimmste für die Wirtschaft. Die Börsenkurse signalisieren bisher, dass die Anleger nicht damit rechnen. Sie könnten sich aber schwer täuschen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.