EditorialWarum die Welt doch nicht so aus den Fugen ist

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Manchmal hat man den Eindruck, dass inzwischen zehn Prozent der Menschen für 90 Prozent des Lärms sorgen. Und dass die anderen 90 Prozent der Menschen davon so beeinflusst und beeindruckt sind, dass sie sagen: Es stimmt ja, das ist die Welt, in der wir leben – eine Welt, die in Unordnung, die aus den Fugen ist; die sich auflöst, in der alles ständig umgewälzt wird. Was aber, wenn auch unsere Wahrnehmung etwas aus den Fugen ist?

Wir leben in einem lauten, unglaublich lärmenden Zeitalter, in dem sich Krach laufend überlagert. Schon morgens erschallen der Handelskriegslärm und das Populistengeschrei, wenn wir Rechner hochfahren, Apps öffnen oder Podcasts hören; es dröhnt das Stakkato der Megatrends, der Digitalisierung, der Blockchain, es donnert die Wut der Abgehängten zum Kreischen der Ungleichheit, es spotten und geifern die sozialen Medien, irgendwo wettert, schimpft oder ereifert sich immer irgendwer, in Chören, Tweets, Posts.

Die neue Capital ist am 18. Oktober erschienen
Die neue Capital ist am 18. Oktober erschienen

Ja, Groll und Hass gibt es im Überfluss, und die Ironie dieses lärmenden Zeitalters ist, dass wir inzwischen Menschen beschäftigen, die diese Wut bändigen sollen. Hassbekämpfung ist ein Beruf, ein Geschäftsmodell geworden.

Sagen wir mal so: Wer zufrieden ist, einfach nur zur Arbeit geht und abends seine Lieben in die Arme schließt, fühlt sich bald als Minderheit oder Ignorant, wenn er es versäumt hat, sich über den aufgewühlten Erdball aufzuregen. Also seufzt er lieber morgens unter der Dusche, dass die Welt aus den Fugen ist.

Moment, höre ich den (lauten) Einwand: Trump, Iran, Nordkorea, die Flüchtlingsströme, die AfD, Salvini, Brexit, das existiert doch alles! Natürlich, bestreitet keiner. Nur ein paar leise Gedanken dazu: Oft stehen Aufregung und Größe oder Dringlichkeit eines Problems in keinem Verhältnis. Beim Flüchtlingsstreit verhielten sie sich diesen Sommer umgekehrt proportional, ein Notstand ohne Not wurde ausgerufen. Auch sind es oft einzelne, zugegeben furchtbare Ereignisse, die für eine Mob-Dynamik sorgen, bei der die getriebenen Vertreter der Demokratie am Ende selbst erstaunt oder entsetzt über ihre Entscheidungen sind. Ja, Lärm lenkt ab. Wenn ein Problem nur noch schreiend verhandelt wird, denkt man, es sei das einzige und unlösbar.

Und dann wie so oft: die Fakten. Die trendlines, nicht die headlines. Die Zufriedenheit, zumindest der Deutschen, ist hoch oder steigt gar, der Wohlstand, allgemein wie subjektiv, ebenfalls. Wenn Sie jemals darüber streiten, stellen Sie die Zeitreisefrage: In welches Jahrzehnt wollen wir denn zurück, in dem angeblich alles so viel besser war? Dann erleben Sie plötzlich: Schweigen.