KommentarWarum die Wahl zwischen Klima und Kapitalismus Unsinn ist

US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos
US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum 2020 in DavosGetty Images

Die komplizierte Welt kann manchmal ganz einfach sein: Wem sollen wir folgen – Greta Thunberg oder Donald Trump? Dem Mädchen oder dem Monster? Dem Untergang oder dem Comeback des amerikanischen Traums? Einem CO2-freien Stillstand oder dem schäumenden, rücksichtlosen Wachstum? Anders gesagt: Wollen wir die Welt retten oder sie weiter ausbeuten?

Natürlich ist diese Dichotomie, dieser Zweikampf, der diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos seine Bühne fand, Quatsch. Weil die Welt eben doch komplizierter und Trump nicht die Alternative zu Thunberg ist. Aber allein der symbolische Showdown zwischen der Klimaaktivistin und dem US-Präsidenten birgt ja eine Frage, die ernsthaft diskutiert wird: Klima oder Kapitalismus? Führt uns das ewige Streben nach Wachstum in die „Klimakatstrophe“? Müssen wir umsteuern, weniger konsumieren, weniger kaufen, weniger produzieren und reisen, uns auf elementare Bedürfnisse beschränken?

Kritik aus der Herzkammer des Kapitalismus

Diese Frage wird nicht nur von den ewigen Träumern, Spinnern oder Ideologen aufgeworfen, denen der Kapitalismus ohnehin suspekt ist, sie kommt auch von Kapitalisten selbst: von CEOs, Investoren, Ökonomen, ja aus der Herzkammer des Kapitalismus: Larry Fink, der Chef des Vermögensverwalters Blackrock, hat in einem Brief an Konzernchefs weltweit geschrieben: „Jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Anleger muss sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen“, mahnte Fink in dem Schreiben. Was aber heißt auseinandersetzen? Fink ist kein Öko – er ist Kapitalist. Und Kapital passt sich an.

Die Debatte führt in eine Sackgasse, wenn man Wachstum und Klimaschutz als Gegensatz begreift und nur über Reduktion spricht, bis die Menschheit irgendwann emissionsfrei ausharrt, so wie man auf Kindergeburtstagen Stopptanz spielt. Die Frage ist also nicht, ob Klimarettung nur ohne Kapitalismus möglich ist – es ist genau umgekehrt: Nur mit Hilfe des Kapitalismus kann man das Klima retten.

Eines vorweg: Jedes Umsteuern, jede Neujustierung unseres Wirtschaftsmodells muss eines im Blick haben: Der Mensch will, dass es ihm besser geht. Er will es nicht nur warm und hell haben, er will neue Waschmaschinen und größere Fernseher, neue Smartphones und bessere Spielkonsolen, neue Klamotten und bessere Autos. „Die Menschen wollen Wirtschaftswachstum, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sie wollen Elektrizität“, sagte auch Allianz-Chef Oliver Bäte in Davos. Letzteres erkannte schon Wladimir Iljitsch Lenin: „Kommunismus“, deklarierte er damals, „ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung.“

Verzicht ist elitär, Verzicht ist Lifestyle

Mag sein, dass sich hundert Jahre später und einige Zehntelgrad wärmer etwas die Parameter verschoben haben, dass Menschen bereit sind zum Verzicht – aber wir reden hier über eine Haltung, die sich derzeit allenfalls in den wohlhabenden Ländern breit macht und dort auch eher in den oberen Schichten: Verzicht ist derzeit noch elitär, Verzicht ist Lifestyle. So wie viele mit Fitnesstrackern Kalorien zählen und ihre Körper vermessen, wird man bald seine gesparten Emissionen messen, um abends bei Sauvignon Blanc und Häppchen (auf denen inzwischen keine Avocado mehr liegt – zu hoher Wasserverbrauch) darüber zu plaudern.

Nicht missverstehen: Jeder Verzicht ist lobenswert, weniger Fleisch, weniger Inlandflüge, weniger Plastik, alles gut. Umparken im Kopf hilft immer. Aber das wird nicht der große Hebel sein.

Für die Masse gilt seit Jahrhunderten: Sie wählen Systeme und Regierungen, die Wohlstand versprechen und schaffen. Mag sein, dass es Ausnahmen gibt und Menschen in einem Land Regierungen wählen, die versprechen, dass es in Berlin 2050 nicht so heiß wird wie in Barcelona. Das aber sind Wähler, die ihres Wohlstandes satt oder sicher sind. In Asien, Afrika und weiten Teilen Südamerikas werden Menschen die Frage nach dem Wohlstandszuwachs anders beantworten. Und es werden Menschen an die Macht streben, die ihnen diesen Wohlstandszuwachs versprechen. Acht Milliarden Menschen werden nicht gemeinsam eine Verzichtserklärung unterschreiben.