Nach fünf Jahren in Haft Die Rückkehr von „Pharma Bro“ Martin Shkreli

Martin Shkreli kurz nach seinem Schuldspruch Mitte 2017
Martin Shkreli kurz nach seinem Schuldspruch Mitte 2017
© IMAGO / UPI Photo
Martin Shkreli erhöhte den Preis lebenswichtiger Medikamente um 5000 Prozent und wurde zum vielleicht meistgehassten Mann Amerikas. Später wurde er wegen Wertpapierbetrug verurteilt, kam für Jahre ins Gefängnis. Nun ist er zurück

Um zu verstehen, wie jemand zum wahrscheinlich meistgehassten Mann Amerikas werden kann, hilft es, sich ein fünf Jahre altes Youtube-Video anzusehen. Anfang 2016 lässt sich Martin Shkreli, damals 32 Jahre alter Pharmaunternehmer, von einem Kamerateam des US-Lifestylemagazins Vice in Downtown Manhattan begleiten. Er spaziert, aufgekratzt und unentwegt plappernd, die Straße entlang, bis er die Unternehmenszentrale des Pharmagiganten Pfizer erreicht, wo er schließlich vor laufender Kamera seine beispiellose Hybris unter Beweis stellt.  

Pfizer, ätzt Shkreli, habe dort „nicht einmal ein Labor“, Studien würden hier auch nicht durchgeführt, „und trotzdem erhöhen sie ständig die Preise!“ Der Ort, sagt Shkreli, stehe „für all das, was ich liebe und hasse“: Er liebe Medikamente, weil sie kranken Menschen helfen; aber er verabscheue Konzerne, die daraus Profit schlagen. 

Preissteigerung von 5000 Prozent

Es ist schon ein besonderer Auftritt. Schließlich hatte Shkreli im Jahr zuvor das komplette Land gegen sich aufgebracht, weil er genau das gemacht hatte: Er hatte die Rechte an einem überlebenswichtigen Medikament erworben, offenbar keinen Cent in Forschung oder Entwicklung investiert, und trotzdem den Preis des Präparats um sage und schreibe 5000 Prozent erhöht.  

Über Nacht kostete das Medikament Daraprim nicht mehr 13,50 Dollar, sondern 750 Dollar. „Ich helfe damit, Menschenleben zu retten“, lautete seine selbstgefällige Verteidigung des Preissprungs, die ihm die Bezeichnung „Pharma Bro“ einbrachte. Kein Pharmakonzern würde prozentual so viel Geld in Forschung stecken wie sein Unternehmen Turing – deshalb seien die Gewinne so wichtig. Seine Kritiker beschimpft er als „Verrückte“ oder „Schwachköpfe“. Sie würden seine Idee einfach nicht verstehen.  

In den USA wird Shkreli mit solchen Erklärungen zum Paria. Als der Unternehmer 2017 wegen Betrugs für sieben Jahre Haft verurteilt wird, weint ihm kaum jemand eine Träne nach. Dann hört man lange nichts mehr vom „Pharma Bro“ – bis er Ende vergangener Woche wegen guter Führung auf freien Fuß gesetzt wird. Noch immer übt seine Person eine unheimliche Faszination aus, vielen Amerikanern gilt er als Symbolfigur eines verdorbenen Kapitalismus. Er zeigt einer ohnehin zweifelnden Gesellschaft, welche Auswüchse im aktuellen System zwar nicht unbedingt legitim, durchaus aber möglich und legal sind. 

Eher Sheldon Cooper als Gordon Gekko

Wer bei einem Turbokapitalisten an Gordon Gekko denkt, dürfte von Martin Shkrelis Erscheinung überrascht sein. Er sieht eher wie der verschrobene Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“ aus, jugendliche Gesichtszüge, ungekämmte, lange schwarze Haare und weite T-Shirts mit Nerd-Sprüchen. Was ist das für ein Typ? 

Geboren wird Shkreli im Jahr 1983. Seine Kindheit in Brooklyn beschreibt er als streng, wenn nicht gar autoritär. Seine Eltern, Einwanderer aus Albanien und Kroatien, hätten ihn geschlagen und enge Grenzen gesetzt. Shkreli flüchtet sich in die Mathematik und die Musik, lernt Quadratwurzeltabellen auswendig und spielt Gitarre. In der Schule hilft ihm das: Shkreli überspringt mehrere Klassen und schließt 2004 am New Yorker Baruch College im Fach Wirtschaft ab. „Martin war immer der Schlauste im Raum“, sagt ein früherer Klassenkamerad über ihn.  

Zunächst sieht es so aus, als ob er aus seinem Potenzial eine amerikanische Tellerwäscherkarriere machen kann, er steigt vom Migrantenkind zum Millionär auf. Im Alter von 17 Jahren beginnt er ein Praktikum bei Cramer Berkowitz – einem Hedgefonds des TV-Moderators Jim Cramer. Das prägt ihn nachhaltig: Im Jahr 2006 gründet Shkreli seinen ersten eigenen Hedgefonds, Elea Capital. Nachdem Lehman Brothers allerdings 2,3 Mio. Dollar gegen Elea erstreitet, wird der Fonds geschlossen. Shkreli berappelt sich schnell und gründet wenig später MSMB Capital. Der Fonds ist letztlich Ausgangspunkt für die Gründung mehrerer Biotech-Unternehmen – zum Beispiel Retrophin, das er 2011 gründet.  

„Irgendwann habe ich begriffen, das Spekulieren als Selbstzweck sinnlos ist. Also habe ich eine Medikamentenfirma gegründet“, sagt er. Weil er das Thema so gut durchdrungen habe, sei die Firma letztlich profitabel geworden. 2014 wird Shkreli dann aber bei Retrophin entlassen. Ihm wird vorgeworfen, er sei mit Rechtsstreitigkeiten unsachgemäß umgegangen.  

Fokus auf seltene Krankheiten

Nach seiner Entlassung gründet Shkreli im Februar 2015 das Pharmaunternehmen Turing. Wie bei Retrophin geht es auch hier um seltene schwere Krankheiten. In der Realität verkauft das Unternehmen aber nur zwei Produkte: Daraprim und Vecamyl. Daraprim ist vor allem für Aids-Patienten überlebenswichtig und wird zur Behandlung von Toxoplasmose eingesetzt – eine durch Parasiten verursachte Infektionskrankheit. Das Medikament ist bereits seit 1962 am Markt. 

Turing erwirbt die Vertriebsrechte 2015 für rund 55 Mio. Dollar, kurz darauf folgt die drastische Preiserhöhung in den USA. Für Shkreli ein logischer Schritt: In der bisherigen Kalkulation seien beispielsweise Kosten für Marketing und Vertrieb nicht berücksichtigt worden. „Daraprim ist wie ein Aston Martin, der früher zum Preis eines Fahrrads verkauft wurde“, erklärt er. Große Pharmakonzerne würden das nicht anders machen – womit Shkreli tatsächlich einen Punkt hat. Gerade bei Nischenmedikamenten ziehen große Konzerne immer wieder die Preise an. Nur eben nicht in diesem Ausmaß und Tempo. 

Shkreli (l.) neben seinem Anwalt Benjamin Brafman bei einer Gerichtsverhandlung in New York
Shkreli (l.) neben seinem Anwalt Benjamin Brafman bei einer Gerichtsverhandlung in New York
© IMAGO/Zuma Wire

Shkreli fühlt sich deswegen aber mindestens unverstanden. „Wer bezahlt denn diese Medikamente? Das sind Unternehmen wie Apple, Facebook und Co., die ihren Mitarbeitern die Krankenversicherung bezahlen. Warum sollen diese Unternehmen dann nicht den Preis dafür zahlen – und ich erforsche mit dem Geld Medikamente gegen das Sterben von Kindern?“, fragt er in dem Interview mit Vice. „Ich verstehe nicht, warum ich dann böse sein soll.“  

Das Problem: Was und ob er überhaupt in die Medikamentenentwicklung investiert, ist ziemlich undurchsichtig. Erfolge kann das Unternehmen nicht vermelden. Selbst Daraprim ist laut CNN auch heute noch unverändert – sowohl in der Rezeptur als auch beim Preis. Noch heute kostet eine Tablette auf dem freien Markt 750 Dollar. 

Dann dreht sich der Wind für Shkreli. Schon kurz nach den Preiserhöhungen schaltet sich etwa Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton ein und verspricht, Medikamentenpreise in den USA bei 250 Dollar zu deckeln. Das bringt die Kurse großer Pharmakonzerne kurzzeitig ins Wanken, womit sich Shkreli auch innerhalb der Branche viele Feinde macht. 

In der Vice-Doku wird auch in Shkrelis Wohnung gefilmt, ein großes, aber wenig luxuriöses Apartment. Durch die Räume schlängeln sich meterlange Kabel, ferngesteuerte Hubschrauber verstauben auf den Kommoden, an der Wand lehnen Gitarren. Shkreli bewegt sich auf einem Hoverboard durch die Räume, in der Hand schwenkt er eine Pétrus Magnum 2005. Kostenpunkt: etwa 7000 Dollar pro Flasche. Im Wohnzimmer steht dagegen nur ein kleiner Glastisch mit einer kleinen silbernen Schatulle. „Ja, das ist das Album“, sagt Shkreli, ohne die Stimme zu heben. Gemeint ist das legendäre Album „Once Upon a Time in Shaolin” der Rapgruppe Wu-Tang Clan. Produziert hatte es die Band nur ein einziges Mal und in einer Auktion an den Höchstbietenden versteigert: Shkreli, der im Dezember 2015 dafür knapp 2 Mio. Dollar zahlte und die Rarität dann für sich behielt. Womit er auch aus der Rapwelt einen Shitstorm kassierte.  

Um diese Zeit beginnt dann sein persönlicher Niedergang. Nur neun Tage, nachdem er das legendäre Rap-Album ersteigert hat, wird Shkreli zum ersten Mal verhaftet. Die New Yorker Behörden werfen ihm unter anderem vor, Gewinne aus dem Biotech-Unternehmen Retrophin veruntreut zu haben. Damit habe er Investoren seines Fonds MSMB Capital ausgezahlt, so der Vorwurf. Die Ermittlungen dauern zu diesem Zeitpunkt schon Jahre an, sie wurden begonnen, als Shkreli noch kaum jemand kannte. Mit der Anklageerhebung tritt der Gründer auch als Vorstandssitzender bei Turing zurück.

Auf Twitter fühlt sich Shkreli verstanden  

Shkreli hält die Ermittlungen für eine „Hexenjagd“, er versteht nicht, wieso die Gesellschaft ihn nicht versteht. Vor Gericht tritt er widersprüchlich auf, mal beantwortet er die Fragen der Prozessvertreter seriös, mal liest er ein Buch. Wer aber wissen will, was er wirklich von dem Prozess hält, kann das auf Twitter verfolgen: „Schwer zu akzeptieren, dass diese Schwachköpfe das Volk in unserer Regierung vertreten“, schreibt er dort im Februar 2016 über die Jury. Auf dem Social-Media-Dienst fühlt Shkreli sich verstanden. Dort kann er schreiben, was er will, und wird für seine Provokationen sogar noch mit zusätzlicher Reichweite belohnt. Irgendwann wird es aber auch Twitter zu viel und Shkreli wird von der Plattform entfernt. 

Am 4. August 2017 spricht ihn ein New Yorker Gericht schließlich in drei von acht Punkten schuldig – darunter des Wertpapierbetrugs im Zusammenhang mit MSMB Capital. Aber: Der ursprüngliche Vorwurf, Shkreli habe Gewinne von Retrophin veruntreut, zählt nicht dazu. Letztlich lautet das Urteil auf sieben Jahre Haft, außerdem muss er 7,4 Mio. Dollar Strafe zahlen. Auch das seltene Wu-Tang-Clan-Album beschlagnahmen die Behörden. 

Während seiner Haftzeit gibt es immer mal wieder Gerüchte, Shkreli könne in die Pharmabranche zurückkehren. Das scheint mittlerweile ausgeschlossen. Im Frühjahr 2022 erteilen ihm zwei Gerichte lebenslanges Berufsverbot in der Pharmaindustrie. Eine Capital-Anfrage zu einer möglichen Rückkehr und zu den Vorwürfen gegen Shkreli, beantwortet sein Anwalt Benjamin Brafmann nur knapp: Sein Mandant werde sich grundsätzlich nicht äußern.  

Shkrelli selbst sieht das offenbar lockerer. Nur wenige Stunden nach seiner Entlassung, schreibt er auf Facebook: „Es ist leichter aus einem echten Gefängnis herauszukommen als aus dem Twitter-Gefängnis.“ Dazu ein Selfie, auf dem Shkreli grinst. Über seine Pläne steht da noch nichts, aber die Botschaft ist klar: Er wird zurückkommen. 


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