KolumneWallfahrtsort der Konzerne

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Nun also auch noch die Deutsche Bank. Deutschlands größtes Kreditinstitut eröffnet im Silicon Valley ein „Innovation Lab“. Das Büro solle eine „Brücke zu Start-ups“ bauen, verkündete Vorstand Henry Ritchotte letzte Woche. Der Amerikaner trägt als erste Führungskraft der Bank den schönen Titel „Chief Digital Officer“ – und will sein Institut mit neuen Technologien für ein neues Geschäftsmodell fit machen.

Andere Branche, gleiches Ziel: Auch der Energiekonzern Eon arbeitet seit wenigen Monaten vor Ort mit einem eigenen Büro. Der Kraftwerksriese will sich ebenfalls mit jungen Unternehmensgründern  im Silicon Valley verbünden. In der schönen neuen Welt der dezentralen Wind- und Solarenergie müssen dringend neue digitale Lösungen her statt wie früher einfach einen Atommeiler mit ein paar Hochspannungsleitungen zu verbinden.

Oder die deutschen Medien: Erst pilgerten die Führungskräfte von Axel Springer ins gelobte Kalifornien, nun vergeht kaum ein Monat ohne den Besuch neuer Verlagsdelegationen aus der alten Welt. Auch die Zeitungshäuser suchen dringend, ähnlich wie die Banken und Energiekonzerne, ganz neue Geschäftsmodelle, weil die alten nicht mehr funktionieren. Und sie hoffen, sie bei innovativen Technologiefirmen in den USA zu finden.

Kulturelle Voraussetzungen fehlen

Doch die meisten Hoffnungen dürften enttäuscht werden. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Erstens sind die wichtigsten disruptiven digitalen Technologien, die den deutschen Konzernen künftig das Leben schwer machen, längst auf dem Markt. Zweitens fehlt den deutschen Konzernen die kulturelle Voraussetzung für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit jungen Technologiefirmen. Und drittens können die Konzerne die Suche nach neuen Geschäftsmodellen nicht an einige Spezialisten am Rand des Managements delegieren, wenn sie sich erfolgreich wandeln wollen.

Man kann die drei Punkte am Beispiel der Deutschen Bank gut erläutern: Wenn es um die konsequente Digitalisierung der Finanzgeschäfte geht, sind die wichtigsten Wettbewerber der Zukunft längst erfolgreich im Rennen. So können die traditionellen Kreditinstitute zum Beispiel den Vorsprung von PayPal bei der Abwicklung von Online-Geschäften nicht mehr aufholen. Wer jemals ein IT-Projekt bei der Deutschen Bank über Monate und Jahre verfolgen konnte, der ahnt auch: Neue Technologien aus Gründerfirmen lassen sich nicht mal eben schnell in die komplizierte Architektur des Konzerns integrieren. Schon gar nicht, wenn sich die Spitze der Bank selbst aus den Niederungen der Technologie heraushält. Anshu Jain und Jürgen Fitschen haben sich in der Vergangenheit um vieles gekümmert – aber sicher nicht um die Digitalisierung der Bank. Und daran hat sich nichts geändert.

So ist es auch bei den meisten anderen deutschen Konzernen, die jetzt spätberufen Büros im Silicon Valley eröffnen. Noch glaubt man an den bequemen Weg zur „Industrie 4.0“. Ein paar Hundert Millionen Euro an Investments und ein paar Nerds an den richtigen Stellen im Unternehmen sollen das Ganze bewerkstelligen – wohlwollend begleitet von den Vorständen. Erst wenn die Digitalisierung aber wirklich zur Chefsache wird und nicht nur die Festreden der Chefs schmückt – erst dann können die Anregungen aus dem Silicon Valley vielleicht wirklich etwas bewegen.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Sektenmentalität der Energiemanager