DigitalisierungBanken wollen Daten ihrer Kunden zu Geld machen

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Als Markus Pertlwieser die Zukunft der Deutschen Bank vorführen will, hat er dummerweise keinen Empfang. Der Chefentwickler für Digitales bei Deutschlands größter Bank richtet die Kamera seines iPhones auf eine zerknüllte Fahrradrechnung – und nichts passiert. Die Betonwände sind zu dick, die neue App reagiert nicht.

Dabei hat sich Pertlwieser große Mühe gegeben. Er steht in einem gläsernen Vorführraum, den seine Leute extra in den Frankfurter Verwaltungsturm gebaut haben: leuchtend blauer Teppichboden, weiße Sitzwürfel, Flachbildschirme – alles soll Zukunft symbolisieren, Aufbruch in eine neue Zeit.

Pertlwieser wippt auf dem blauen Teppich hin und her, wartet auf besseren Empfang. Er legt die Rechnung auf einen Stehtisch, klickt erneut auf seine App und drückt seinen Finger auf den kleinen Bildschirm. Nun geht’s. Ein Foto, und die App zieht alle Informationen aus der Rechnung: Datum, Betrag, Firma, Kontoverbindung. Das Bezahlen ist jetzt noch ein Klick, „und wenn ich  überwiesen habe, kann ich die Rechnung in der App abspeichern und sie am Jahresende dem Steuerberater schicken“, sagt Pertlwieser. Das ist die Zukunft.

Oder wenigstens ihr Anfang. Nach 15 Jahren Dauerkrise glauben Deutschlands Banken, die Chance auf einen Neuanfang gefunden zu haben. Nicht im Investmentbanking und auch nicht in Immobilienfinanzierungen, sondern direkt vor ihrer Nase: in den Informationen, die sie jeden Tag über ihre Kunden sammeln. Bislang wurden die Millionen Ein- und Abbuchungen auf den Girokonten der Deutschen, die Daten über Einkäufe, Kredite, Versicherungen, Reisen und Shoppingvorlieben einfach unbeachtet abgespeichert.

Dabei machen Facebook und Google seit Jahren vor, wie man mit den Hobbys, Vorlieben und Bedürfnissen von Nutzern Milliarden verdienen kann – durch Werbung, Ratschläge und Gutscheine. Angesichts dieses Erfolgs wirkt es fast wie ein Wunder, dass Banken erst jetzt auf die Idee kommen. Bei Commerzbank, Deutscher Bank, der ING-Diba und der HVB ist ein technologisches Wettrennen entbrannt. Nach Capital-Informationen wollen noch in diesem Jahr gleich mehrere deutsche Banken erste Datenanwendungen auf den Markt bringen.

Die Pläne sind schon weit

Wie fortgeschritten die Ideen sind, zeigt der Besuch im Labor der Deutschen Bank. „Wenn der Kunde beispielsweise feststellt, dass er für eine Versicherung deutlich mehr ausgibt als der Vergleichsdurchschnitt, bekäme er von uns einen Hinweis auf günstigere Verträge“, sagt Pertlwieser. Es gehe nicht um Werbung und konkrete Produktempfehlung. Aber irgendwann, so hofft er, soll sich mit Ratschlägen und Anlagetipps Geld verdienen lassen, weil die Kunden endlich wieder bereit sind, für Dienstleistungen rund um ihr Konto Geld zu zahlen. Neben Zinsen, Provisionen und Krediten sollen Daten so zur vierten wichtigen Ertragsquelle werden. „Wir glauben, dass die Digitalisierung vor allem das Konto und die Verwendung von Daten revolutionieren wird“, sagt Pertlwieser.

Immer vorausgesetzt, der Kunde stimmt zu, könnte die Deutsche Bank bald Beratung in allen Lebenslagen anbieten: Zahlt der Kunde gemessen an seiner Miete und den Ausgaben anderer Kunden zu viel für seinen Strom oder für eine Flugreise? Oder gibt es einen günstigeren Mobilfunktarif? Über all das wissen Banken nämlich Bescheid – sie haben ihr Wissen bisher nur nie genutzt.

Im Ausland sind die Wettbewerber schon sehr viel weiter. Laut einer Studie von Capgemini glauben mehr als 90 Prozent der Finanzdienstleister in den USA, die Nutzung der Kundendaten werde darüber entscheiden, wer in der Branche noch eine Zukunft hat und wer nicht.

Die Citigroup hat bereits spezielle Angebote entwickelt. So bietet sie Kreditkartenbesitzern in den USA an, die Preise aller mit der Karte bezahlten Produkte für zwei Monate zu beobachten. Sollte der Preis binnen 60 Tagen ab Kauf um 25 Dollar oder mehr sinken, erstattet die Bank die Differenz. In Chile versenden Millionen Kunden der Großbank BBVA über Facebook Geld. In Polen erhalten 700.000 Kunden der mBank auf Basis der Transaktionen auf ihren Konten sogar personalisierte Gutscheine und Rabatte, etwa für ihr Lieblingsrestaurant oder die beliebtesten Modemarken.

Das Angebot in Polen ist besonders spannend, denn die mBank ist eine Tochter der deutschen Commerzbank. Deren Vorstand Markus Beumer freut sich bereits, sein Haus verfüge über eine „immense Datenbasis – es grenzt nahezu an Big Data“. Seine Bank wisse „viel mehr über unsere Kunden als Google oder Facebook“. Seit dem vergangenen Jahr bietet die Commerzbank hierzulande eine Smartphone-App für die mobile Kontostandsabfrage an. Doch das soll nur der erste Schritt sein.