FinanzevolutionNegativzinsen – Risiken und Nebenwirkungen

Zinsen Negativzinsen
Zinsen muss man derzeit mit der Lupe suchen

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Elsner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)


Ich schreibe in dieser Kolumne viel über neue Produkte von Banken und den Unternehmen, die wir zur Financial Technology (FinTech) zählen. Eine weitere wichtige Evolution im Finanzsektor hat freilich weniger mit neuer Technologie zu tun, sondern mehr mit den makroökonomischen Rahmenbedingungen und der Geldpolitik: Die schleichende Umkehr der Zinssätze, die einen viel stärkeren Einfluss auf die Veränderungen im Finanzsektor hat, als der technologische Wandel. Nicht nur mir bereitet die Entwicklung immer mehr Sorgen.

Wir haben uns längst an die Meldungen darüber gewöhnt, dass auf der Einlagenseite die Zinsen gegen Null gehen und bei höheren Guthaben auch negativ werden können. Es hat sich herumgesprochen, dass immer mehr Staaten für ihre Anleihen keine Zinsen zahlen müssen, sondern Geld dafür erhalten, dass sie Schulden aufnehmen. Das betraf zunächst nur kurzfristige Anleihen. Mittlerweile frisst sich aber der negative Zins durch die Laufzeitstrukturen. Anleihen der Bundesrepublik etwa rentieren erst ab einer Laufzeit von acht Jahren mit einer positiven Verzinsung. Dieses Phänomen betrifft aber nicht nur Anleihen der Eurozone. Auch Länder wie Dänemark oder die Schweiz werden für das Schuldenmachen belohnt.

Was wir bisher noch als ungewöhnlich empfinden, sind negative Zinsen für aufgenommene Kredite von Privatpersonen oder Unternehmen. Aber auch hier halten die Finanzmarktabsurditäten Einzug. Vergangene Woche verbreitete die Financial Times die Meldung, über Eva Christiansen, einer in Dänemark arbeitenden Sexualtherapeutin, die von der Realkredit Danmark, einer Tochter der Danske Bank, 0,0172 Prozent Zinsen für einen Kredit erhalten soll. Und auch die staatliche deutsche Förderbank KfW soll sich darauf vorbereiten, Kunden künftig etwas für Kredite zu bezahlen.

Wie können Banken Negativzinsen verbuchen

Über die volkswirtschaftliche Bedeutung negativer Zinsen und die Konsequenzen etwa für Anleger und die Altersvorsorge wird viel diskutiert. Negative Zinsen werfen aber sehr praktische Fragen für die Banken auf. Kann man negative Zinsen als negativen Zinsertrag buchen? So etwas sehen die internationalen Bilanzierungsregeln bisher gar nicht vor.

Das IFRS Interpretations Committee zerbricht sich über solche Fragen derzeit den Kopf und hat nach einem Blogeintrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC dazu festgestellt, „dass es sich bei negativen Zinsen für Vermögensanlagen mangels Zufluss eines wirtschaftlichen Nutzens nicht um Erträge i. S. d. IAS 18 handeln kann. Vor diesem Hintergrund können nach Auffassung des IFRS IC negative Zinsen nicht als negativer Zinsertrag ausgewiesen werden, sondern sind vielmehr in einem ‚geeigneten Aufwandsposten’ auszuweisen.”

Eine andere spannende Frage ist etwa, wie man solche Darlehen bewertet, für die die Bank plötzlich Zinsen zahlen muss? Das ist aber, theoretisch zumindest, einfacher als vermutet. Wählt man für das Darlehen mit negativen Zinsen einen Abzinsungsfaktor, der noch niedriger ist als der negative Zinssatz, dann hat selbst das Darlehen an Eva Christiansen einen positiven Wertbeitrag für die Bank (eine vereinfachte Beispielrechnung dazu hier in meinem Blog). Was für manchen überraschend klingen mag, ist relativ einfache Finanzmathematik. Betriebswirtschaftlich lässt sich das aber nur schwer begründen; vielleicht damit, dass die Realkredit Danmark für die Einlage ihrer Gelder bei der dänischen Zentralbank sogar 0,75 Prozent zahlen müsste. Ich habe aber erhebliche Zweifel, ob die dahinter stehenden Annahmen etwa zum Risiko dieser Kredite wirklich sachgerecht sind und auch die Sachkosten abgedeckt werden.

Risiken in Bankbilanzen nehmen zu

Sehr spannend wäre es übrigens zu schauen, ob und wie weit Banken asymmetrisch mit der Bewertung von Vermögensgegenständen und Verbindlichkeiten im Zug der Niedrigverzinsung umgehen. Bei gleichbleibendem Zahlungsstrom erhöhen sich finanzmathematisch die Bewertungen mit der niedrigeren Verzinsung. Vergebene Kredite und Anleihen mit festen Zahlungen steigen also im Wert. Das müsste analog auch für Verbindlichkeiten gelten. Allerdings haben Banken hier ein Wahlrecht und können finanzielle Verbindlichkeiten weiter zu fortgeführten Anschaffungskosten bewerten (unter Verzicht auf die Fair-Value-Option). Erhöhen Banken über eine höhere Vermögensbewertung und Beibehaltung der Bewertung der Verbindlichkeiten ihren Ertrag, wird sich das mit steigenden Zinsen natürlich wieder umdrehen. Die Gewinne aus den Bewertungsänderungen einzelner Banken könnten sich mit einer Zinssteigerung schnell wieder verflüchtigen. Anders ausgedrückt: Die Risiken in den Bankbilanzen nehmen derzeit deutlich zu.

Die negativen Zinssätze stellen daneben auch das Treasury von Banken vor neue Herausforderungen. Im Februar berichtete die Neuer Zürcher Zeitung darüber, dass die Absicherung der Zinsänderungsrisiken in einem Negativzins-Regime nur noch eingeschränkt funktioniert, weil Bank negative Zinsen nicht an Sparer weiterreichen könnten.

Daneben dürften die IT-Systeme in vielen Banken schlicht die Erfassung eines negativen Zinssatzes verweigern. Eingaben in die Computersysteme der Banken werden in der Regel auf Plausibilität überprüft, um Risiken aus falsch eingegebenen Daten zu reduzieren. Viele Systeme erwarten für die Eingabe von Darlehenszinsen Daten ohne Vorzeichen. Ich schätze einige Systeme werden schlicht einen Fehler ausweisen, andere werden möglicherweise das Vorzeichen ignorieren. Und selbst wenn die Eingabe klappt, müssen Banken prüfen, wie ihre Systeme in der Folgeverarbeitung mit den negativen Zinssätzen umgehen. Wer das gern einmal vertiefen möchte, der kann sich diesen öffentlich zugänglichen Eintrag im SAP-Help-Portal ansehen. Das alles dürfte einige Projektkapazitäten in den Häusern binden, die man gern anders eingesetzt hätte.

Neben diesen ganz praktischen Problemen kommen besondere Risiken für die Finanzmarktstabilität, auf die Jens Boysen-Hogrefe und Nils Jannsen im Wirtschaftsdienst hingewiesen haben. Zu niedrige Zinsen fördern nach ihrer Darstellung „eine übermäßige Risikoneigung und Kreditvergabe der Finanzmarktakteure“, etwa um zuvor abgegebenen Renditeversprechungen nachkommen zu können. Dazu lasse die Risikowahrnehmung der Akteure nach. Daher könnten Vermögenspreise oder Kreditsicherheiten zu hoch bewertet und in der Folge Risiken beispielsweise bei der Kreditvergabe unterschätzt werden. Aus diesen Gründen nehme in Niedrigzinsphasen häufig das Kreditvolumen stark zu. Interessant ist freilich, dass das Kreditvolumen zumindest bis Ende 2014 eher stagnierte. Zwar stiegen nach Daten im Monatsbericht der Bundesbank vom März (S. 124) die Kredite an Unternehmen und Privatpersonen um 79 Mrd. Euro vergleichsweise stark an, sie liegen aber immer deutlich unter dem Volumen von Ende 2012.

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite