KolumneMit negativen Zinsen zum Wachstum?

Nouriel Roubini
Nouriel Roubini
© Corbis

Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University. Er ist als „Dr. Doom“ bekannt. Der Name wurde Roubini verliehen, weil er 2008 die Immobilienblase vorhersagte. Sie können ihm hier auf Twitter folgen.


Die Geldpolitik ist in den letzten sechs Jahren immer unkonventioneller geworden. Die Zentralbanken haben eine Nullzinspolitik, die quantitative Lockerung, eine Lockerung der Kreditvergabe und die sogenannten „Forward Guidances“ umgesetzt und ohne Ende beim Wechselkurs interveniert. Nun jedoch sind wir beim unkonventionellsten geldpolitischen Instrument überhaupt angelangt: negativen Nominalzinsen.

Derartige Zinssätze gibt es derzeit in der Eurozone, der Schweiz, Dänemark und Schweden. Und es sind nicht nur die kurzfristigen Leitzinsen, die inzwischen nominal negativ sind: Anlagen im Wert von rund 3 Billionen Dollar in Europa und Japan mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren (im Fall von Schweizer Staatsanleihen) weisen negative Zinssätze auf.

Auf den ersten Blick scheint dies absurd: Warum sollte man sein Geld zu negativen Nominalzinsen anlegen, wenn man doch einfach auf dem Geld sitzen könnte und zumindest nominal nichts verlieren würde?

Tatsächlich akzeptieren die Anleger real (inflationsbereinigt) negative Renditen schon seit langem. Wenn Sie bei Ihrer Bank ein unverzinstes Spar- oder Girokonto haben – wie das in den hochentwickelten Volkswirtschaften die meisten Leute haben –, ist die Realverzinsung negativ (nominaler Zins von null, abzüglich Inflation): In einem Jahr können Sie mit Ihrem Guthaben weniger Waren kaufen als heute. Und wenn Sie dann noch die Gebühren berücksichtigen, die viele Banken auf diese Konten erheben, war auch hier der nominale Effektivzins bereits negativ, noch bevor die Zentralbanken auf negative Nominalzinssätze verfallen sind.

Geldaufbewahrung in der Matratze ist riskant

Anders ausgedrückt: Bei negativen Nominalzinssätzen fällt Ihre Rendite lediglich noch negativer aus, als sie es vorher schon war. Die Anleger akzeptieren negative Renditen, weil es bequem ist, Bargeld zu halten – in diesem Sinne ist an einem negativen Nominalzins nichts Neues.

Zudem könnte, wenn sich die Deflation in der Eurozone und anderen Teilen der Welt verfestigen sollte, eine negative Nominalverzinsung mit einer positiven Realverzinsung verknüpft werden. So war es in den letzten 20 Jahren in Japan aufgrund der anhaltenden Deflation und der Zinsen in Nullpunktnähe bei vielen Anlagen.

Man könnte trotzdem denken, dass es vernünftig ist, Bargeld selbst zu horten statt in Form einer negativ verzinsten Anlage. Doch Bargeld zu halten kann riskant sein, wie viele Sparer in Griechenland feststellen mussten, die Angst um die Sicherheit ihrer Bankeinlagen hatten: Nachdem sie das Geld in ihre Matratzen und Wände gestopft hatten, kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl bewaffneter Raubüberfälle auf Eigenheime – und manchmal fielen die Geldscheine auch Nagetieren zum Opfer. Bezieht man also die Kosten der sicheren Aufbewahrung von Bargeld mit ein – und die Vorteile, die es hat, Schecks ausstellen zu können usw. –, ergibt es Sinn, eine negative Rendite zu akzeptieren.