KolumneSektenmentalität der Energiemanager

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Frank Mastiaux, Vorstandschef des Energiekonzerns EnBW, diente vor seinem jetzigen Job beim Konkurrenten Eon. Der heutige Eon-Vorstand Leonhard Birnbaum arbeitete vorher bei RWE und wäre dort fast zum obersten Boss aufgerückt. Und der RWE-Vize Rolf Schmitz wiederum versuchte sich vor ein paar Jahren auch schon einmal bei Eon. Die wenigen Beispiele zeigen: Keine Branche kreist so in sich wie die deutsche Energiebranche. Man kennt sich, beäugt sich permanent gegenseitig und trifft sich in immer gleicher Besetzung auf den immer gleichen Veranstaltungen und Kongressen. Und wenn man den Job wechselt, dann eben nur zur direkten Konkurrenz.

Die Energiemanager waren schon immer eine ganz besondere Kaste: Konservativ bis auf die Knochen, aber dünnhäutig gegen jede Kritik. In den langen Jahren des Kampfs um die Atomkraft bildete sich eine Art von Sektenmentalität heraus: Man fühlte sich im Recht und von Feinden umstellt. Im Streit um die Energiewende nach dem Reaktorunfall von Fukushima verhärtete sich diese Weltsicht weiter. Erst seit zwei, drei Jahren steuern die großen Energiekonzerne zögernd um. Nun wollen sie sich in ganz neue Unternehmen verwandeln: Dezentral und digital, kundennah und nicht mehr kapitalintensiv, innovativ und flexibel.

Köpfe aus der Digitalwirtschaft gefragt

Die neuen Botschaften wären sehr viel glaubwürdiger, wenn sie von neuen Männern (und Frauen) kämen. Beispiel Eon: Der Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen verbrachte nach der Promotion in Göttingen sein gesamtes Berufsleben in der Kraftwerksbranche. Kein Perspektivwechsel, nicht einmal eine Auslandsstation. Jahre lang galt Teyssen als Musterbeispiel des verknöcherten Energiemanagers, der selbst dann noch gegen die Windkraft kämpfte, als ihr Siegeszug längst nicht mehr aufzuhalten war. Jetzt soll der Atommanager alter Schule die „neue Eon“ leiten, die sich vom traditionellen Kraftwerksgeschäft trennt und ganz auf erneuerbare Energien setzt. Dabei wäre wohl kein vernünftiger Headhunter auf die Idee gekommen, einen Mann mit seinem Karriereweg für das heutige Anforderungsprofil zu empfehlen.

Bisher sperren sich die Aufsichtsräte der großen Energiekonzerne gegen eine einfache Einsicht: Sie brauchen dringend neue Leute in ihren Vorständen mit ganz anderen Erfahrungen als bisher, wenn der Wandel der Branche gelingen soll. Sie müssen damit aufhören, sich ihre Spitzenleute im eigenen Unternehmen oder bei der direkten Konkurrenz zu suchen. Die neuen Manager müssen aus der Digitalwirtschaft kommen oder aus kundennahen Vertriebsorganisationen, und eher aus den USA als immer nur aus Deutschland.

Nur so können sie von oben nach unten die Unternehmenskulturen verändern Das Personalressort gehört deshalb auch zu den Schlüsselpositionen den heutigen Energiekonzernen. Bisher war es eher eine Durchgangsstation für altgediente Gewerkschafter oder für Quotenfrauen. Beim Branchenführer Eon geht gerade der dritte Personalvorstand innerhalb von fünf Jahren.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Die müden Eigentümer