KolumneDie müden Eigentümer

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Zehn Stunden mussten die Aktionäre der Deutschen Bank am letzten Donnerstag in der Frankfurter Messehalle ausharren,  bevor sie abstimmen durften. Vertreten waren in dem schnöden Zweckbau an der Ludwig-Erhard-Anlage zu dieser späten Stunde gerade noch 30 Prozent des Grundkapitals. Und 18 Prozent reichten am Ende, um die beiden umstrittenen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen zu entlasten. Der Aufstand einiger Fonds und Aktionärsvertreter gegen das glücklose Duo blieb am Ende zwar nicht wirkungs-, aber vorerst doch folgenlos.

Vielleicht wäre die Abstimmung ganz anders ausgegangen, wenn man es den Aktionären etwas leichter machte, ihre Eigentümerrechte auch auszuüben. Doch bisher sperrt sich nicht nur die Deutsche Bank gegen modernere Instrumente der Aktionärsdemokratie. Auch die übrigen Dax-30-Unternehmen ziehen ihre Hauptversammlungen immer noch so durch wie vor vielen Jahren.

Warum gibt es keine Internetvoten?

Dabei ließe sich Einiges ganz einfach verbessern – auch ohne langwierige Änderung des Aktiengesetzes. Bisher übertragen die Konzerne beispielsweise nur die offiziellen Eröffnungsreden des Aufsichtsratsvorsitzenden und des Vorstandschefs über das Internet. Danach blendet die Regie ab, die Aussprache der Aktionäre kann man nicht am Bildschirm verfolgen. Um also zum Beispiel die heftige Kritik an Jain und Fitschen live zu erleben, musste man schon persönlich nach Frankfurt reisen.

Das gleiche gilt für die Abstimmungen. Warum können die Aktionäre nicht längst über das Internet abstimmen? Früher hieß es dazu unisono in den Konzernzentralen, man verzichte aus „Sicherheitsbedenken“ auf eine digitale Lösung. Doch inzwischen erledigen Millionen Deutsche ihre Bank- und Aktiengeschäfte vom Computer aus oder sogar mit dem Smartphone. Eine sichere Internetlösung für Aktionäre wäre überhaupt kein technisches Problem mehr.

Doch die Konzerne wollen einfach nicht – weil niedrige Präsenzen auf den Hauptversammlungen in fast allen Fällen für die angestellten Manager gut und nicht schlecht sind. Und die Aufsichtsräte fühlen sich nicht wirklich zuständig, sich mit solchen „technischen“ Fragen der Aktionärsdemokratie zu beschäftigen.

Frust vieler Kleinaktionäre

Manchmal hat man sogar den Eindruck: Die Versammlungsleiter bemühen sich bewusst, die Aktionäre zu ermüden. Wer die Fragen von zehn oder gar mehr Aktionären sammelt, um sie anschließend im Block zu beantworten, muss sich nicht über seine einnickenden Zuhörer zu wundern. Man muss Veranstaltungen dieser Art selbst erlebt haben, auf denen die Aufsichtsräte ihre Antworten sichtlich gelangweilt und ohne jede Betonung herunterleiern, um den aufgestauten Frust vieler Kleinaktionäre zu verstehen.

Man könnte die Kette beliebig fortsetzen: Warum gibt es nicht längst interaktive Einladungen zu den Aktionärstreffen, mit denen sich interessierte Eigentümer per Mausklick weitergehende Informationen über die einzelnen Tagesordnungspunkte besorgen können? Wieso stellen die Konzerne keine entsprechenden Protokolle ihrer Hauptversammlungen auf ihre Website? Und wann kann man sich als Aktionär endlich problemlos über die Insider-Geschäfte der Vorstände und Aufsichtsräte informieren?

Man könnte mit einfachen Mitteln mehr Aktionärsdemokratie wagen – wenn man nur wollte.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Achleitners Stunde