KolumneAchleitners Stunde

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die meisten Aufsichtsratsvorsitzenden in Deutschland üben sich das ganze Jahr über in der vornehmen Kunst des Schweigens. Nur ein einziges Mal treten sie öffentlich hervor: Wenn sie die Hauptversammlung ihres Unternehmens leiten. Der legendäre Aufsichtsratschef der Allianz, Henning Schulte-Noelle, gab beispielsweise in seiner zehnjährigen Amtszeit kein einziges Interview. Im Umkehrschluss kann man deshalb die These wagen: Wenn Aufsichtsräte in die Presse drängen, stimmt irgendetwas nicht mit ihrem Konzern.

Womit wir bei der Deutschen Bank wären: Ihr Oberaufseher Paul Achleitner tummelt sich seit einigen Monaten auffällig oft in der Öffentlichkeit. Falls all die Interviews und Auftritte als Unterstützung seiner angeschlagenen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen gemeint sein sollten, dann muss man feststellen: In Wahrheit bewirken sie das genaue Gegenteil. Allein die Tatsache, dass sich Achleitner immer wieder öffentlich hinter sein Führungsduo stellt, unterstreicht ihre anhaltende Schwäche. Auch die Zweifel an der neuen Strategie kann Achleitner nicht wirklich beseitigen. Märkte und Investoren haben ihr Urteil längst gefällt: zu wenig Veränderung zu spät umgesetzt.

Neue Köpfe müssen her

Man kann Achleitners Interviews aber auch ganz anders lesen: als planmäßige Vorbereitung eines Wechsels an der Spitze der Deutschen Bank. Die schier endlose Kette von Rechtsstreitigkeiten, Aufsichtsverstößen und kriminellen Handlungen geht zwar zum allergrößten Teil nicht auf das Konto von Jain und Fitschen. Aber trotzdem zermürbt sie der Dauerkampf – und zerstört auch ihre eigene Reputation. Kaum jemand glaubt noch an eine nachhaltige Gesundung der Deutschen Bank unter der bisherigen Führung. Neue Männer (oder gar Frauen) müssen her, wenn die Bank eine neue Strategie glaubhaft verkörpern will. Man mag die Entwicklung der letzten Monate ein Stückweit als ungerecht gegenüber einem ehrpussligen Menschen wie Fitschen empfinden, aber so ist die Welt nun einmal.

Deutsche Hauptversammlungen bringen sehr selten große Überraschungen. Auch die Jahresversammlung der Deutschen Bank dürfte diese Woche keine Ausnahme von dieser Regel bilden. Eine deutliche Mehrheit für die neue Strategie dürfte sich finden, auch wenn mehrere Aktionärsvereinigungen gegen die Entlastung Jains und Fitschens stimmen wollen. Trotzdem könnte das Treffen am Donnerstag den Anfang vom Ende des bisherigen Führungsduos signalisieren: Wenn sich bei Achleitner auch nach diesem Auftritt endgültig die Erkenntnis festsetzen sollte, das Jain und Fitschen öffentlich nicht mehr punkten können.

Achleitner gilt unter den vielen deutschen Aufsichtsräten als eher zögerlicher Mann – ein Bauchentscheider, der gern Kompromisse sucht statt radikale Lösungen zu favorisieren. Hinter den Kulissen aber hat der ehemalige Allianz-Mann schon seit langem die Führung übernommen – weit mehr als bei einem normalen Aufsichtsratschef üblich. Mehr als 60-mal tagten seine Aufseher im letzten Jahr – ein Rekord in Deutschland. Man sieht den Österreicher oft auf der Vorstandsetage – mit umgekrempelten Ärmeln und Krawatte auf Halbmast. Wer Achleitners Vorgänger erleben durfte, dem signalisiert der neue Habitus: Von Normalität kann nach wie vor keine Rede sein in den beiden Frankfurter Doppeltürmen.

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Sanierungsfall Siemens