KolumneSanierungsfall Siemens

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die Gegenwart bleibt düster, die Vergangenheit ändert sich ständig – nur die glorreiche Zukunft ist gewiss. So ging ein alter Witz über den Sozialismus. Im kapitalistischen Kombinat Siemens gelten in etwa die gleichen Gesetze. Trotz dauernder Reorganisation verschwinden die alten Probleme nicht. Damit sich darüber aber niemand aufregt, sucht man nach immer neuen Schuldigen in der Vergangenheit. Und, ach ja: Einiges soll 2016 besser werden, andere Dinge sollen sich 2018 ändern und überhaupt alles in 2020 ganz famos laufen. So kann man die offizielle Strategie der Siemens-Spitze zusammenfassen.

Siemens-Chef Joe Kaeser amtiert nun bereits fast zwei Jahre – von seiner langen Zeit als zweiter Mann im Konzern ganz zu schweigen. Seit einem Jahr bewegt sich der Aktienkurs auf der Stelle, während der große Rivale General Electric gleichzeitig 20 Prozent zulegte. Der Markt vertraut den optimistischen Zukunftsprognosen des Münchner Unternehmens offenbar nicht. Und die Gegenwart gibt keinen Anlass zu jubeln. Im Gegenteil: Die Ergebnisse des ersten Quartals 2015 gleichen einem Offenbarungseid für Kaeser. Fünf von acht Divisionen melden sinkende Gewinne. In zwei Divisionen brachen die Ergebnisse regelrecht ein – um 34 Prozent bei Energieerzeugung und Gas und sogar um 55 Prozent bei Prozessindustrie und Antriebe. Drei von acht Siemens-Divisionen verdienen ihre Kapitalkosten nicht – eine davon verbrennt sogar Geld.

Nun verweist Siemens gern auf die einzige positive Ziffer des jüngsten Zahlenwerks: den Auftragseingang. Einige Großaufträge sorgen für einen Orderanstieg um stolze 16 Prozent. Leider zeigt aber die jüngste Vergangenheit: Mehr Aufträge heute bedeuten keineswegs automatisch höhere Gewinne morgen. Im Gegenteil: In den letzten Jahren gingen immer wieder große Projekte schief, die zu billig verkauft und zu schlecht umgesetzt worden waren. An den daraus resultierenden Schwierigkeiten laboriert Siemens in einigen Sparten bis heute herum.

Wandel bei Siemens geht zu langsam

Das beste Beispiel dafür sind Windkraft und erneuerbare Energien. Auf diesem weltweiten Wachstumsmarkt gilt Siemens zwar als Nummer Eins, wenn es um die Zahl der installierten Turbinen geht. Gleichzeitig verharrt das Geschäftsfeld hartnäckig in den roten Zahlen. Für das erste Quartal 2015 gibt Siemens eine Verlustmarge von 3,5 Prozent an. Verbesserung gegenüber dem Vorjahr? Null.

Für die „margenschwachen Geschäfte“, fast ein Viertel des Gesamtumsatzes von Siemens, gilt nun die Devise: Bis Ende 2017 soll alles besser werden. Man habe mit den Verantwortlichen „klare Ziele und Geschäftspläne“ vereinbart, verkündete Kaeser letzte Woche bei einer Analysten-Konferenz in London. Wieso aber erst jetzt? Wieso brauchte Joe Kaeser, der schon als Finanzchef alle Zahlen des Konzerns in- und auswendig kannte, zwei Jahre zur Formulierung neuer Vorgaben?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Die Veränderungen, die Siemens verkündet, laufen weiterhin viel zu langsam. Weil die Sanierung längst bekannter Problembereiche nicht vorwärts kommt, könnte Siemens in den nächsten Jahren insgesamt zum Sanierungsfall werden. Für den nächsten großen Einbruch der Weltwirtschaft ist der Konzern bisher auf jeden Fall nicht gerüstet. 

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: Die Lücke des Patriarchen