KommentarBleierne Zeit bei der Deutschen Bank

Anshu Jain und Jürgen Fitschen
Trotz Kritik entlastet: Die beiden Vorstandschefs Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Hauptversammlungen sind immer auch eine Frage des Erwartungsmanagements. Und so standen am Donnerstagmorgen vor der Hauptversammlung zwei Dinge schon vorab fest. Erstens: Dass es sehr turbulent zugehen würde und Vorstand wie Aufsichtsrat der Deutschen Bank für eine miese Aktienkursentwicklung, verpasste Ziele, hohe Bußgelder und tausende Rechtsstreitigkeiten herbe Kritik würden einstecken müssen. Aber auch zweitens: Dass der Vorstand um die Bankchefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen letztlich doch entlastet werden und ihre neue, auf fünf Jahre angelegte Strategie werden verfolgen können – Anshu Jain nach den jüngsten personellen Rochaden im Vorstand sogar gestärkt.

Turbulent war es, auch kritisch. Einige Aktionärsvertreter verweigerten dem Vorstand öffentlich die Entlastung, manche legten Anshu Jain gar den Rücktritt nahe. Doch tatsächlich hat die Hauptversammlung bei weitem nicht das Eskalationspotenzial erreicht, das ihr zuvor zugeschrieben wurde. Weder morgens vor noch tagsüber hinter den Türen der mit 5100 Aktionären gefüllten Frankfurter Festhalle. 

Allerdings bewahrheitete sich, trotz eines Denkzettels bei der Entlastung der Vorstände – nur 61 Prozent stimmten für die Entlastung nach noch 89 Prozent 2014 – damit auch Punkt zwei: Der Vorstand wurde letztlich dennoch entlastet und kann nun seine Strategie weiter verfolgen, er gewinnt weiter Zeit.

Nur zwei Großaktionäre

Wie kann das sein, dass zwei Vorstandschefs, über die das Votum der Börse eindeutig ausfällt und die meisten der selbst gesteckten Ziele ihrer alten Strategie verpasst haben, trotz aller Kritik weitermachen dürfen und dafür grünes Licht ihrer Hauptversammlung bekommen?

Um das nachvollziehen zu können, lohnt ein Blick in die Aktionärsstruktur der Deutschen Bank. Gerade einmal zwei Großaktionäre sind an Bord: Zum einen Paramount Services Holdings, das Investmentvehikel des Investors aus Katar mit knapp sechs Prozent und zum anderen der US-Vermögensverwalter Blackrock mit knapp sieben Prozent. Der Rest ist breit gestreut.

Das heißt auch: Mit diesen beiden Großaktionären plus noch einigen wenigen weiteren namhaften Adressen ist angesichts der Präsenzquote von lediglich 33 Prozent des Kapitals die Hauptversammlung zumindest mit Blick auf die entscheidenden Abstimmungen eher eine Abnickveranstaltung. Gerade der US-Vermögensverwalter Blackrock gilt zwar vor allem aufgrund seiner starken Marktstellung bei boomenden Indexfonds als mächtiger Riese mit hohen Stimmrechtsanteilen an beinahe allen deutschen Großkonzernen. Tatsächlich ist er aber meist handzahm und arbeitet lieber im Hintergrund, anstatt aktivistisch in Personal- und Strategiefragen der Konzerne einzugreifen – und er hat seinen Segen für das geschrumpfte Universalbankenmodell unter der Führung von Jain und Fitschen schon im März über ein Interview kundgetan.

Immer mehr deutsche Anteilseigner

Es ist nicht die einzige Merkwürdigkeit bei einer Aktie, die in den letzten 25 Jahren – die dramatische Verwässerung durch Kapitalerhöhungen noch unberücksichtigt – rund zehn Prozent an Wert eingebüßt hat und es lediglich dank der Dividenden auf eine mickrige Gesamtrendite von 1,6 Prozent pro Jahr brachte. Merkwürdig ist auch, dass sich die Deutsche Bank zwar rühmt, ein in Deutschland verwurzeltes, internationales Geldhaus zu sein, aber mit Blick auf die Aktionärsstruktur immer provinzieller wird.

Konkret hat die Zahl der Aktionäre 2014 trotz des vor allem im Branchenvergleich jämmerlichen Kursverlaufs im letzten Jahr sogar um rund 30.000 zugenommen. Und waren Ende 2013 noch je die Hälfte der Deutsche-Bank-Aktien in ausländischer und deutscher Hand, so kletterte der Anteil der deutschen Aktionäre binnen eines Jahres auf 57 Prozent. Zum Vergleich: Bei den Dax-Konzernen insgesamt verläuft die Entwicklung umgekehrt, hier nimmt die Anzahl der ausländischen Aktionäre seit Jahren zu und Deutsche halten nur noch 36 Prozent aller Aktien, wie die Beratungsgesellschaft Ernst & Young ermittelt hat. Gerade inländische institutionelle Aktionäre tun sich aber schwer, öffentlich gegen die Bank und ihr Personal zu rebellieren, die national immer noch eine sehr starke Rolle hat.

Nicht attraktiv für aktivistischere Investoren

Die Zahlen illustrieren die bleierne Ära, durch die das Institut seit Jahren geht – obwohl sie eigentlich mit einem starken Privatkundenarm und ohne Staatshilfen die besten denkbaren Voraussetzungen hatte, gestärkt aus der Finanzkrise hervorzugehen. Und schlimmer noch: Ganz offensichtlich ist die Deutsche Bank nicht einmal attraktiv für eher aktivistischere Investoren, welche die Substanz- und Ertragswerte der Bank womöglich unter einem neuen Management und fokussierteren Strategie heben wollte. Zur Erinnerung: Der Buchwert der Aktie liegt bei gut 41 Euro, der Börsenkurs bei 29 Euro.

Eine der wichtigsten offenen Fragen – ob die Bank nicht doch noch einmal Kapital nachtanken muss, um seine Kapitalquoten aufgrund der teuren Rechtsstreitigkeiten zu stärken – konnte der Vorstand auf der Hauptversammlung nicht zerstreuen. Im Gegenteil:  Die Gesamtkosten aus den über 7000 Rechtsstreitigkeiten sind weiter nebulös. Ein Ende der bleiernen Zeit für Mitarbeiter und Aktionäre? Ist damit nicht in Sicht. Immerhin: Einmal länger an eine Strategie festzuhalten, anstatt sie nach einigen Jahren wieder über den Haufen zu werfen, ist schon einmal ein Anfang.