KolumneVon neuen Anfängen

Wirecard-Pleite: Finanzaufsicht, Medien und Investoren haben zu lange weggeschautimago images / Sven Simon

Ich weiß, wo Jan Marsalek, gesuchter EX-COO von Wirecard steckt: Im Familienurlaub. Das behauptet zumindest ein Twitterprofil mit seinem Namen und Foto, das ein paar Spaßvögel als satirischen Account angelegt haben. Und die Botschaften wären auch lustig, wenn das Geschehene nicht so schwerwiegende Konsequenzen hätte für so viele Menschen.

Ein deutscher Fintech-DAX-Konzern, der augenscheinlich jahrelang betrügerische Geschäfte gemacht hat, die von oberster Konzernspitze ausgegangen sein sollen – und alle Warnungen von aufmerksamen Journalisten, die fleißig Beweise sammelten, dafür auch noch bespitzelt und verklagt wurden, wurden von den zuständigen Behörden weitgehend ignoriert.

Welche Auswirkungen hat der Skandal?

Zuallererst trifft es natürlich die Wirecard Mitarbeiter, die um ihre Jobs bangen, die Investoren und Aktionäre, die Geld verloren haben, sowie die Unternehmen, die mit Wirecard zusammengearbeitet haben und  jetzt schnell eine Lösung suchen mussten.

Größer gedacht, besteht die Gefahr, dass durch das Verhalten von Wirecard die Fintech-Branche massiv an Vertrauen verliert und unter Generalverdacht gestellt wird, gierig unter dem Deckmantel der Digitalisierung illegale Geschäft zu betreiben. Das darf und kann nicht sein. Die kriminelle Energie, die augenscheinlich bei Wirecard im Spiel war, ist kein Abbild der Branche. Hier dürfen nicht alle in Sippenhaft genommen werden.

Zum anderen schadet der Wirecard-Skandal auch Deutschland. Deutschland und seinen Regulierungsbehörden haftete bisher immer der Ruf eines sorgfältigen und sehr strengen Prüfsystems an – eine Lizenz zu erhalten und zu behalten, galt als Auszeichnung, der Eintritt in den DAX als Qualitätsmerkmal. Falsch wäre jetzt aus meiner Sicht, wenn die Finanzaufsicht die Latte bei Tech-Unternehmen noch höher hängen würde oder durch neue Regulierungen Innovationen ausbremsen würde. Was hingegen notwendig wäre, ist noch mehr Schärfung und Ausbau der eigenen Kompetenzen im Bereich Tech, damit so ein Skandal künftig möglichst keine Chance mehr hat.

Wie geht es nun also weiter im Finanzbereich,  nach einem Skandal dieser Größe, der auch noch mitten in die Zeit einer globalen Pandemie fällt?

Ich denke, die Branche wird sich verändern. Investoren werden sich die Geschäftsmodelle noch genauer anschauen, als ohnehin schon – allerdings werden die Investitionen nicht zurück gehen. Ich glaube eher, dass sie sich in anderen Bereichen stärker zeigen werden, wie zum Beispiel bei “grünen” – also nachhaltigen – Fintechs, sowie bei Unternehmen, die anderen helfen, ihre Finanzen zu meistern. Dazu gehören, wie schon in der Vergangenheit als Trend prognostiziert, immer mehr Firmen im Bereich B2B, die andere dabei unterstützen, ihre eigenen Finanzprodukte zu entwickeln und an den Endkunden zu bringen. Klingt ein bißchen wie Wirecard im Frühstadium? Mag sein – aber wie eingangs erwähnt, darf es durch einen Sonderfall wie Wirecard nicht die Verteufelung eines sehr guten Geschäftsmodells geben. Der Bedarf ist da, und hat – trotz Corona – überlebt.

Veränderungen können positiv sein

Überhaupt, Corona. Nach der anfänglichen großen Unsicherheit – wie sollen Beurkundungen von Finanzierungsrunden stattfinden, wenn niemand sich mehr treffen darf, wie sollen Geschäfte gemacht werden, wenn man die Kunden nicht mehr persönlich trifft – freut es mich zu sehen, wie viele Hürden nicht mehr existieren, weil Dinge nun endlich digital stattfinden können, vom Meeting bis zur Unterschrift. Und: In der Krise hat sich noch einmal deutlich gezeigt, welche Fintechs von vornherein auf wirklich gute Geschäftsmodelle gebaut hatten, und welche nicht.

Veränderungen sind also auch was positives – Dinge beschleunigen sich oder finden ihr natürliches Ende. So wie Wirecard.


Ramin Niroumand ist Gründer und CEO des Fintech-Ökosystems Finleap. Hier finden Sie weitere Kolumnen von ihm