Davos 2018Vom Facebook-Bunker bis zum Krypto-Headquarter

Der Facebook-Bunker in Davos
Der Facebook-Bunker in Davos Horst von Buttlar

Manche nannten das Gebäude „Palast“, andere „Bunker“, einige fühlten sich an eine Geheimdienstzentrale erinnert. Einige Hundert Meter vom Eingang des Davoser Kongresszentrums entfernt stand in diesem Jahr ein großes Gebäude, seltsam mit Brettern vernagelt. Nur am Eingang war der kleine Schriftzug des Giganten erkennbar: Facebook.

Ein angsteinflößendes Bauwerk, ganz anders als das gläserne Haus im vergangenen Jahr. Aber es passte zur Stimmung: Die Tech-Konzerne waren in diesem Jahr nicht mehr die welterobernden Stars, die schillernden Disruptoren – dazu ist zu viel passiert, wird zu viel über die Macht der Plattformen diskutiert. Und dazu passte die Trutzburg des sozialen Netzwerks auf der Promenade.

Diese Straße zieht sich einmal quer durch Davos. Wer sie entlang schlendert – und das tut man dutzendfach während des World Economic Forums (WEF) – der kann eine Menge über die Weltwirtschaft und die tektonischen Verschiebungen in der Unternehmenswelt lernen. Denn während der Woche mieten sich zahlreiche Länder und Unternehmen in die Läden und Restaurants ein, bauen sie komplett um, einige bauen gar eigene Repräsentanzen. Es gilt: Je weiter vorne und damit näher am Kongresszentrum, je höher die Hausnummer also, desto besser und wichtiger.

Eigentlich mögen die Organisatoren des Weltwirtschaftsforums es nicht besonders, wenn man zu viel über den immer größer werdenden Zirkus rund um ihr Forum schreibt – über die vielen Partys, Nightcaps, Breakfast Sessions und Pop-up-Repräsentanzen der Konzerne und Länder mit ihrer eigenen kleinen Show. Aber sie tolerieren diesen Zirkus, weil sie wissen, dass er nicht nur dazu gehört, sondern für viele der Grund ist, nach Davos zu kommen. Zumal die Unternehmen oft einige Hunderttausend pro Jahr zahlen, um vor Ort zu sein. Und für ihren Auftritt im Alpenstädtchen zahlen sie noch mal viel mehr.

Tech-Konzerne und Asiaten dominieren

Los geht’s: Der Facebook-Bunker also weit vorn, aber auf nahezu gleicher Höhe thronen zwei andere Tech-Konzerne: Der Cloud-Anbieter Salesforce.com und Palantir (das ist jenes Unternehmen, bei dem man immer vergisst, was es macht, außer dass es irgendwas mit Daten zu tun hat.) Diese beiden Unternehmen haben gleich zwei Gebäude, auf jeder Straßenseite – eines fürs Volk zum Staunen und VR-Brillen-Aufsetzen und Kaffee trinken, eines für die Kunden.

Salesforce in Davos
Salesforce in Davos

Man erlebt hier beide Seiten unserer von Technologie umtosten Welt: Salesforce.com inszeniert sich offen und frisch als Synonym für Zukunft, auch dank seines jovialen und sozial engagierten Chefs Marc Benioff. Als der Tech-Konzern also, dem man vertrauen soll („Tech is about trust“, ist Benioffs Lieblingsthese, die er jedes Jahr auf einem halben Dutzend Panels wiederholt). Der Datenversteher Palantir dagegen liebt das Rätselhafte, Sagenumwobene, das wir nicht verstehen (und das vielen Angst macht).

Das größte Iglu von Davos

Wer weiter schlendert, wird bald von einem Dudelsack-Spieler von Aberdeen Asset Management begrüßt, der so zuverlässig da steht, als würde er immer dort spielen. Aber man geht stets an ihm und dem schottischen Lädchen vorbei. Sorry. Denn interessanter ist, neben dem Hotel „Panorama“, der Auftritt von Tata Consultancy Service.

Die Party der indischen IT-Berater war, nicht nur wegen des guten Essens, vor einigen Jahren noch ein Geheimtipp und zu 90 Prozent von Indern besucht. Nun trifft man dort immer mehr Amerikaner und Europäer, auch Dax-Chefs mischen sich unter die Kuppel des riesigen Iglus, an dessen Decke Urwald- oder Unterwasserwelten projiziert werden. Vor gut zehn Jahren gab es übrigens einen andern Konzern, der auch ein Iglu – freilich ein viel kleineres – hatte: das war Eon. Aber der Stromriese a.D. hat schon längst keine eigene Repräsentanz mehr, wie die meisten deutschen Konzerne auch. Eon ist aus Davos verschwunden.

Der Tata-Iglu
Der Tata-Iglu

Die Tata-Party ist eine Demonstration des eigenes Anspruchs und Eroberungswillens, und doch wird man dort so freundlich begrüßt und umsorgt wie nirgendwo sonst – denn der Rest drängt sich meist auf einer der vielen Partys im Steigenberger Belvédère, wo sich Empfang an Empfang, Nightcap an Nightcap reiht, und sich im Grunde nur das Treffen der Deutschen, die „DLD Nightcap“ (die früher „Focus Nightcap“ hieß!) von Burda lohnt. Und natürlich die wohl begehrteste Party, die McKinsey Nightcap, auf der in diesem Jahr nicht nur JP Morgan-Chef Jamie Dimon, sondern sogar Justin Trudeau, Kanadas Traumpremierminister, vorbeischaute.

Überhaupt: Die indischen IT-Unternehmen inszenieren sich geschickt hier in Davos, das gilt etwa für Infosys. Auch Wipro Technologies versucht es, wobei das Engagement mitunter an Grenzen stößt. Hier ließ sich die Woche durch die Fenster eine Diskussionsveranstaltung mit vier Leuten auf dem Panel und zwei im Zuschauerraum beobachten. Dazu ist dann noch zu viel Konkurrenz.

Auf zur Krypto-Party!

Weiter auf der Promenade: Vorne also die Techkonzerne, auch Google ist hier und Microsoft, weiter hinten haben sich Asiaten und Schwellenländer eingenistet – Indien, Indonesien, Thailand. Dazwischen ein großes, helles Gebäude mit der Aufschrift „Caspian“. Man rätselt, ob einem vielleicht doch ein Unternehmen in der Wahrnehmung durchgerutscht ist. Aber hier vermarket sich tatsächlich die Kaspische Region, die – sogar mit einer eigenen Website – eine ganz eigene Woche feiert. Motto: „The Caspian region’s bright future can contribute to a brighter future for our world“. Na bitte.

Ebenso rätselhaft ein neues Gebäude, auf dem „Crypto HQ“ stand. Es war die Woche immer irgendwie voller Menschen, so wie Aktien steigen, sobald sie Blockchain im Namen tragen. Merke: Veranstalte keine Party mehr, sondern Krypto-Partys, und die Bude ist voll.

CryptoHQ gibt Rätsel auf

Duell Russland gegen Ukraine

Spannend wird es einige Meter weiter, wie im Duell liegen sich direkt gegenüber auf jeder Straßenseite: die Repräsentanz von Russland und der Ukraine. Russland traditionell, mit Farben und Klängen der Heimat, die Ukraine inszenierte sich eine Woche mit vielen Sessions als Start-up, mit Hashtag über der Tür, dem Schriftzug „Creativity. Innovation. Opportunity“ und Plasma-Bildschirmen im Schaufenster, die fantastische Wachstumszahlen („15 percent Pharma Growth“) in die Schneewelt nach draußen funkten.

Es tummeln sich auf der Straße dazwischen einige Banken und Versicherungen, Beratungen wie Accenture, Frauenpower-Cafés mit „Female-Factor“-Veranstaltungen, in einem kleinen Ladengeschäft die Deutsche Börse, wo aber so wenig los ist, als hätte der Laden Betriebsferien. Und dann irgendwann eine Repräsentanz, die man fast übersah, bescheiden, die Fenster merkwürdig zugeklebt, wie man es kennt, wenn ein Geschäft renoviert: die Deutsche Bank. Man hat für das verklebte Versteckspiel allerlei Theorien in Davos gehört, für die es aber immer nur eine Quelle gab. Deshalb sei hier nur eine zitiert: „Dann lässt man es lieber gleich bleiben.“

Man könnte ewig so weiter schlendern und schreiben, über das Verschwinden der Europäer aus dem Straßenbild oder das trostlose Dasein von Banken wie Nomura, die sich nur noch in fernen Parallelstraßen kauern. Aber vielleicht reicht dieser Spaziergang auch schon, um zu verstehen, was auf diesem Globus los ist: Die Gewichte haben sich in den vergangenen Jahren verschoben, der Anteil des globalen BIP der Europäer sinkt, die Schwellenländer holen auf; gleichzeitig sind die größten Konzerne der Welt solche, die es vor 20 Jahren oft noch nicht gab, schon gar nicht in Davos. Und immer neue Trends schwappen durch unser Leben: Künstliche Intelligenz, Blockchain, Kryptowährungen – und nirgendwo sieht und versteht man es so deutlich und in einem Bild verdichtet wie auf der Promenade in Davos.