DavosDer brüchige Boom

Beim World Economic Forum treffen sich noch bis zum 26. Januar die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft in DavosGetty Images

Für Jes Staley fühlt es sich manchmal „ein bisschen an wie 2006“, damals als viele dachten, man habe die Rätsel von Wirtschaftskrisen gelöst und würde sie künftig vermeiden oder abschwächen könne, durch die smarte Gesamtsteuerung des Finanzsystems. Alle wissen noch zu gut, was im Jahr darauf losging. Deshalb also ist Staley, dem CEO der britischen Großbank Barclays, etwas mulmig zu Mute.

David Rubenstein stimmte in den Chor der Skeptiker ein: „Meine größte Sorge ist, dass die meisten Leute denken, es werde schon keine Rezession 2018 oder 2019 geben. Immer wenn Leute glücklich und zufrieden sind, passiert etwas Schlimmes“, sagte der Chef der Carlyle Group, eine der weltgrößten Private-Equity-Gesellschaften, der wie Stanley auf einem Panel in Davos saß, organisiert von Bloomberg mit dem Titel „The Next Financial Crisis?“.

Die Dr. Jekyll-und-Mr. Hyde-Ökonomie

In diesem Jahr hat das Weltwirtschaftsforum, auf dem sich Jahr für Jahr rund 3000 Politiker, Unternehmer, Manager und Investoren treffen, einen mitunter zurückhaltenden, fast mulmigen Unterton. Klar, es gibt auch viel Optimismus, den gibt es immer hier, über die Steuerreform in den USA, die Chancen von Künstlicher Intelligenz und die super vernetzte Welt als solche. Aber die Sorgen nehmen zu, allerdings vor allem unter Bankern und Managern aus dem Finanzsektor, man hört sie weniger aus der Industrie. Doch sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte, während er seine Wachstumsprognosen erhöhte, dass „die nächste Rezession näher sein könnte als gedacht“. Das „übergreifende Risiko“ sei die Selbstzufriedenheit der Politiker. Ansteckung durch Bequemlichkeit also.

Viele erfahren also eine Art inneres Schisma – die Lage ist gut, aber sie trauen dem Boom irgendwie nicht. Es ist ein Aufschwung, der fragil erscheint, kein irrationaler Überschwang, eher ein nervöser, unruhiger, angespannter Aufschwung, während sich Auftragsbücher füllen, wie wild Jobs geschaffen werden und viele Konzerne sich über den Milliardensegen dank der US-Steuerreform freuen. Was aber ist die Ursache für diese Dr. Jekyll-und-Mr. Hyde-Ökonomie?

Weltweiter synchroner Aufschwung

Denn die Zahlen, die sogar ständig nach oben korrigiert werden, geben auf den ersten Blick solche Sorgen nicht her:

  • Der weltweite Aufschwung, der 2016 begonnen hat, hat laut IWF weiter Fahrt aufgenommen. Nach 3,7 Prozent im Jahr 2017 werden es 3,9 Prozent in diesem und im kommenden Jahr
  • Die sieben größten Volkswirtschaften der Welt (USA, China, Deutschland, Japan, Frankreich, Großbritannien und Indien) sind jeweils über 1,5 Prozent gewachsen, eine „unübliche Gleichzeitigkeit“
  • Die 45 wichtigsten Volkswirtschaften wachsen ebenfalls, das erste Mal seit der Finanzkrise
  • In 120 Volkswirtschaften, die für Dreiviertel des globalen BIP stehen, hat sich das Wachstum 2017 beschleunigt, der „breiteste synchrone globale Wachstumsschub seit 2010“

Todsünden und Geopolitik

Was also gibt es da zu meckern und zu fürchten? Es sind im Wesentlichen fünf Kopfschmerzthemen:

Erstens: Es sind gerade diese steigenden, synchronen Zahlen. Denn die hatte es in der Form zuletzt in den späten 1980ern gegeben und in den Jahren 2004 bis 2007. Die Ökonomen zeigen sich hier als gebranntes Kind; niemals soll jemand mehr sagen, niemand habe die Krise kommen sehen. Viele der Warnungen sind auch rhetorische Präventivschläge, oder – um es weniger martialisch auszudrücken –, man baut in seine Prognosen Halteseile ein, über das „unbekannte Unbekannte“ oder das „bekannte Unbekannte“ oder „schwarze Schwäne“. Die Warnungen erscheinen wie eine Mahnung an sich selbst – Christine Lagarde sprach auf dem WEF sowohl über den „sweet spot“ der Weltwirtschaft, als auch über die „irrationale complacency“ – also die irrationale Bequemlichkeit.

Zweitens: Die Geopolitik wird ein seltsames Gebräu – man zählt die Risiken inzwischen so auf wie Katholiken die sieben Todsünden: Nordkorea, Brexit, Iran, Handelskriege, Flüchtlingsströme, der Siegeszug des Populismus. Das alles ist nicht falsch oder übertrieben, es ist bloß nicht neu. Man könnte solche Risiken wohl immer aufzählen, und man muss schwer aufpassen, dass man nicht in einen Geopolitk-Bullshit verfällt. Neuerdings werden auch der Klimawandel und extreme Wetterbedingungen in Analysen und Prognosen als Risiken genannt – die nun wahrlich nicht neu sind.

Da scheint es eher so, dass extreme Wetterbedingungen 2017 und die kontraproduktive Haltung der USA die Wahrnehmung verstärkt haben.  Man sollte besser differenzieren, was konkret droht und entscheidend ist – für Europa etwa sind das in diesem Jahr die Wahl in Italien und 2019 der Brexit.

Drittens: der Verlust des Preisgefühls. Normalerweise bilden sich alle Preise am Markt, und wenn es zu teuer wird, gibt es Korrekturen oder einen Crash. Durch das billige Geld der Notenbanken, die ebenfalls seit Jahren synchron fluten, sind die Preise in nahezu allen Assetklassen stark gestiegen. „Die Bewertungen sind auf einem beispiellosen Niveau“, hat Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank UBS dieser Tage in Davos erneut betont. Es ist also geradezu normal, dass die Skepsis zunimmt, wenn gleichzeitig das Gefühl für die Fundamentaldaten abhanden gekommen ist.

Konkret: Ist ein Dax bei 13.500 nun Ausdruck des deutschen Booms – oder eine Folge der riesigen Blase durch das billige Geld? Im Grunde zerbrechen sich sehr viele kluge Menschen seit Jahren nonstop darüber den Kopf, ohne eine finale Antwort gefunden zu haben – weshalb dieses flaue Da-stimmt-etwas-nicht-Gefühl zurückbleibt und stets präsent ist. Zumal die Notenbanker noch ein Flugzeug landen müssen, in dem sie noch nie geflogen sind – der Ausstieg aus der billigen Geldpolitik ist die quasi „Mega-bekannte Unbekannte“.

Viertens: die weltweit hohen Schulden. In vielen großen Volkswirtschaften sind die Schulden stark gestiegen, vor allem die Schulden von privaten Haushalten und Unternehmen – insbesondere China bereitet vielen Experten Sorge, wo die Gesamtverschuldung inzwischen über 250 Prozent des BIP erreicht hat. Durch das billige Geld (und die vielen billigen Kredite) ist hier ebenfalls das Gefühl abhanden gekommen, wer – seien es Privatleute oder Unternehmen – heillos überschuldet und weg vom Fenster sein müsste; Stichwort: Zombieunternehmen. Der Kreditmarkt dreht also eine eigene Staffel von „The Walking Dead“.

Fünftens: das Post-Trauma der Finanzkrise. Eine globale Krise wie 2007 bis 2009 dürfte es statistisch eigentlich erst wieder in einigen Jahrzehnten geben – so wie es seit der Großen Depression auch knapp achtzig Jahre gedauert hat. Trotzdem werden einige das Gefühl nicht los, dass die nächste unmittelbar bevorsteht. Wer in Archive schaut, wird solche Warnungen aber auch schon 2012 oder 2013 gelesen haben. Drei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: Seit der Finanzkrise ist eine Restnervosität geblieben, dazu ist sie noch zu frisch in Erinnerung. Gleichzeitig hat sich eine florierende Krisen- und Warnungsindustrie gebildet – die uns begleitet wie ein riesiges Moll-Orchester.

Wir haben keinen Plan A

Es kommt aber noch etwas Entscheidendes hinzu, und der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff hat es auf eine prägnante Formel gebracht: „Wenn eine neue Finanzkrise kommt, haben wir nicht mal einen Plan A.“ Denn die Zinsen sind bereits niedrig, bei Null oder negativ, die Notenbanken fluten bereits – und viele Staaten sind so hoch verschuldet, das fraglich wäre, ob sie im großen Stile Banken retten oder große Konjunkturpakete schnüren könnten. Wir sind also weitgehend waffenlos oder zumindest wie ein Boxer in Runde acht, der zwar wieder steht, aber schon viele Schläge hat einstecken müssen.

Was folgt also daraus? Wie sollten gerade wir Deutschen, die laut den Prognosen vor einem sehr guten Jahr stehen, damit umgehen? Uns wieder mehr Sorgen machen, was wir ja sehr gut können? Vermutlich begegnen wir den Warnungen mit einem sehr wachsamen (aber nicht paranoiden) Optimismus. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2018 ein gutes Jahr wird, ist höher, als dass es das Jahr einer neuen Krise wird.