Interview Vier-Tage-Woche: weniger Fehlzeiten, höheres Engagement

Seit Januar 2020 arbeiten die Mitarbeiter von Software DELSOL nur noch an vier Tagen pro Woche.
Seit Januar 2020 arbeiten die Mitarbeiter von Software DELSOL nur noch an vier Tagen pro Woche.
© Software DELSOL
Seit 2020 arbeiten die Mitarbeiter bei dem spanischen Unternehmen Software Delsol nur noch vier Tage pro Woche. Managerin Pilar Meseguer erzählt im Interview, wie es dazu kam und welche Erfahrungen das Unternehmen gemacht hat

Nur noch vier Tage pro Woche arbeiten – bei vollem Gehalt. In Spanien soll dieses Modell jetzt großflächig getestet werden. Rund 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 200 Unternehmen sollen daran teilnehmen und ab Herbst testen, was es bedeutet einen Tag weniger pro Woche zu arbeiten. Dabei bekommen sie weiterhin ihr volles Gehalt. Eingesetzt für diese Idee hat sich vor allem die spanische Linkspartei Más País. Die Idee: Dadurch, dass jeder einen Tag weniger arbeitet, können Unternehmen zusätzliche Arbeitsplätze besetzen. Für das Modellprojekt werden die Firmen finanziell vom Staat unterstützt.

Das spanische Unternehmen Software Delsol hat die Vier-Tage-Woche bereits im vergangenen Jahr eingeführt – nach eigenen Angaben als erstes spanisches Unternehmen. Capital hat mit der stellvertretenden Geschäftsführerin Pilar Meseguer über die Vier-Tage-Woche in ihrem Unternehmen gesprochen:

Capital: In Spanien soll ein landesweites Experiment durchgeführt werden: Ab Herbst sollen rund 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 200 Unternehmen eine Vier-Tage-Woche testen. In Ihrem Unternehmen ist die Vier-Tage-Woche bereits Realität. Warum haben Sie die Vier-Tage-Woche bei Software Delsol eingeführt?

PILAR MESEGUER: Software Delsol hat schon immer das Team in den Mittelpunkt aller Aktivitäten gestellt. Gemäß unserer politischen Philosophie sind die Mitarbeiter unser wichtigstes Kapital. Wir sind davon überzeugt, dass wir, indem wir uns um unsere Mitarbeiter kümmern, eine höhere Produktivität und eine bessere Qualität der von uns angebotenen Produkte und Dienstleistungen erreichen sowie ein wettbewerbsfähigeres Unternehmen aufbauen können. Wir haben seit vielen Jahren an der Umsetzung von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gearbeitet, wie zum Beispiel an der Ausweitung des bezahlten Urlaubs, der Reduzierung der Arbeitszeit oder der Verlängerung der Ruhetage. Die Einführung der Vier-Tage-Woche war ein weiterer Schritt hin zu mehr Vereinbarkeit, ohne dass wir zuvor irgendeinen Antrag stellen mussten.

Wie haben Ihre Mitarbeiter reagiert, als Sie sie darüber informiert haben, dass sie in Zukunft nur noch an vier Tagen pro Woche arbeiten werden?

Die erste Reaktion war Erstaunen und große Erwartung. Sobald der CEO aber klarstellte, dass diese Änderung keine Gehaltseinbußen mit sich bringen würde, war die Reaktion durchweg positiv.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Einführung der Vier-Tage-Woche?

Die größte Herausforderung war, dass wir keine Benchmark hatten. Kein Unternehmen hatte das vorher gemacht und wir hatten keinerlei Vorerfahrungen. Später sind wir auch auf einige kleine administrative Hindernisse seitens der öffentlichen Verwaltungen gestoßen.

Was hat sich seither in Ihrem Unternehmen verändert, seitdem sie nur noch vier Tage pro Woche arbeiten? Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seither verändert?

Am Anfang gab es zwar eine Eingewöhnungszeit, weil in vielen Abteilungen die Arbeit in weniger Zeit erledigt werden musste, aber nach ein paar Wochen war das Team zu 100 Prozent angepasst und freute sich über einen freien Tag mehr pro Woche.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Vorteile einer Vier-Tage-Woche?

Pilar Meseguer, stellvertretende Geschäftsführerin bei Software DELSOL
Pilar Meseguer, stellvertretende Geschäftsführerin bei Software Delsol
© Software DELSOL

Erstens gehen die Mitarbeiter mit einer anderen Perspektive in die Woche, was eine größere emotionale Ausgeglichenheit bedeutet. Außerdem haben sie mehr freie Zeit. Das verbessert das Familien-, Sozial- und Privatleben der Mitarbeiter. Ein weiterer großer Vorteil dieser Maßnahme ist die stärkere Bindung der Arbeitnehmer an das Unternehmen. Für das Unternehmen selbst ergeben sich auch viele Vorteile, wie zum Beispiel die Verbesserung der Produktivität , die Verringerung von Fehlzeiten, ein höheres Engagement, eine geringere Mitarbeiterfluktuation und es wird leichter, neue Talente zu gewinnen.

Wie ist das Feedback der Mitarbeiter? Was machen sie in ihrer neuen Freizeit?

Ein paar Monate nach der Einführung des neuen Arbeitsrhythmus haben wir eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt. Die neue Arbeitswoche erhielt eine Bewertung von 4,9 von 5 Punkten. Die Kollegen nutzen ihren freien Tag für so einfache Dinge wie ihr Kind zur Schule zu bringen oder abzuholen, auf den Markt zu gehen, um den Wocheneinkauf zu erledigen, Sport zu treiben oder irgendeinem Hobby nachzugehen. Es sind kleine Handlungen, die sie in ihren Tagesablauf aufgenommen haben, statt großer Veränderungen.

Was bedeutet der neue Zeitplan wirtschaftlich für das Unternehmen?

Für Software Delsol bedeutete diese Maßnahme eine zusätzliche Investition von circa 420.000 Euro für die Einstellung von Mitarbeitern, Schulungen und Ausrüstung.

Was war für Sie nach der Einführung der Vier-Tage-Woche die größte Überraschung? Gab es Effekte, die Sie nicht erwartet haben?

Die Medienberichterstattung war und ist für uns eine Überraschung. Wir sind auch beeindruckt und zufrieden, dass viele spanische Firmen uns kontaktiert haben, um unsere Erfahrungen kennenzulernen und mehr zu erfahren.

Würden Sie rückblickend auf die bisher gemachten Erfahrungen den Schritt zur Einführung einer 4-Tage-Woche erneut wagen?

Ganz sicher, ja. Es gibt viele Indikatoren, die uns zeigen, dass es eine positive Maßnahme für das Unternehmen war und dass sie auch bei unseren Kunden ankommt. Auch KPIs wie der Kundenzufriedenheitsindex oder die Weiterempfehlungsrate sind im letzten Jahr im Unternehmen gestiegen. Das verstärkt den Gedanken, dass sich das Kümmern um die Menschen im Unternehmen positiv auswirkt.

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