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Veronika Grimm „Wir haben uns erpressbar gemacht“

Veronika Grimm sprich bei der Bundespressekonferenz
Die Ökonomin Veronika Grimm forderte schon kurz nach Ausbruch des Krieges, russisches Gas nicht zu jedem Preis zu kaufen
© picture alliance / Geisler-Fotopress | Frederic Kern
Die Energieexpertin Veronika Grimm beklagt die deutsche Angst vor einem Gaslieferstopp und wirbt für Energiesparprämien. Für die Zukunft empfiehlt sie, auf möglichst viele Energielieferanten und erneuerbare Energien zu setzen, auch wenn das zunächst teuer ist 

Capital: Frau Grimm, waren Sie überrascht, dass Russland verkündet hat, dass wieder Gas durch Nord-Stream-1 fließt?

VERONIKA GRIMM: Ich fand das ehrlich gesagt nicht überraschend. Putin hat schon immer versucht, den Eindruck zu wahren, dass man die Verträge einhält. Er stellt es so dar, dass man nur dann weniger liefert, wenn es auch Gründe dafür gibt: höhere Gewalt oder die kaputte Turbine.

Wann war es denn schon einmal so?

2021. Da hat Russland immer genau so viel geliefert, wie vertraglich vereinbart war. Aber eben nicht so viel, wie Europa sich erhofft hatte. Die Vorstellung der Europäer war, mehr kurzfristig über die Börse zu handeln statt über langfristige Verträge. Das sollte den Wettbewerb auf dem Gasmarkt ankurbeln. Aber die Europäer haben übersehen, welchen Anteil Russland an der Gasversorgung hat. Und dass Russland diese Marktmacht natürlich nutzen kann. Genau das ist passiert. Russland hat die langfristigen Verträge erfüllt, aber eben auch nicht mehr geliefert und so die Preise in die Höhe getrieben.

Russland erfüllt die Verträge derzeit aber nicht voll.

Ja, aber es gibt eine Rechtfertigung, die nicht so einfach zu widerlegen ist. Noch ist die Turbine nicht eingebaut, also kann man nicht wieder voll liefern. Wenn Russland jetzt die Lieferungen komplett eingestellt hätte, wäre ganz offensichtlich, dass die Verträge nicht eingehalten werden. Aber Putin ist das Narrativ wichtig, dass Russland seine Verpflichtungen erfüllt. Also liefert man zumindest etwas.

Glauben Sie denn, dass es jetzt bei 40 Prozent der bestellten Menge bleibt? Was, wenn die Pipeline wieder einwandfrei funktioniert?

Solange die Turbine noch nicht eingebaut wurde, ist das eine gute Ausrede, weniger zu liefern. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass man neue Gründe findet, um auch danach weniger zu liefern. Putin wird versuchen, den Druck hochzuhalten, so dass wir uns nie ganz sicher sein können, ob wir tatsächlich für den Winter ausreichend Gas in den Speichern haben.

Wie können wir in Deutschland denn die fehlenden Gaslieferungen kompensieren, wenn Russland aus vorgeschobenen Gründen immer weniger liefert?

Einen Teil der russischen Mengen kann man durch Importe aus anderen Regionen ersetzen. Darüber hinaus gilt: Wir müssen möglichst viel Gas sparen.

Und wie?

Ein wichtiges Mittel wäre, die Gasverstromung teilweise durch Kohleverstromung zu ersetzen. Das hätte man schon seit März tun können, um Gas im Stromsektor einzusparen. Dann müsste man den Menschen klar sagen, dass die Preise steigen, damit sie sich darauf einstellen können. Und gleichzeitig könnte man versuchen, ein Prämienmodell zu etablieren, so dass diejenigen Prämien bekommen, die im Vergleich zum letzten Winter signifikant Gas einsparen. Der Staat muss kluge Anreize setzen. Es kann sich niemand bei den Leuten ins Badezimmer stellen und die Duschzeit oder die Wassertemperatur überprüfen.

Gibt es auch eine Möglichkeit Russland unter Druck zu setzen, damit die Preise fallen? Oder sitzt Deutschland schlicht am kürzeren Hebel?

Bisher kamen 55 Prozent des Gases aus Russland. Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine waren es nur noch 35 Prozent, weil Russland die Liefermengen reduziert hat. Durch die Knappheit und die Unsicherheit über zukünftige Lieferungen steigen natürlich die Preise. Sie steigen allein schon durch die Aussicht, dass weniger Gas kommt. Russland hat das in der Hand.
Aber Deutschland hätte Möglichkeiten, dem entgegenzutreten. Über die reden wir schon seit März, aber sie wurden bisher aus Angst vor einem Lieferstopp nicht umgesetzt. Man könnte den Preis deckeln, den Russland bekommt, zum Beispiel bei 50 Euro pro Megawattstunde. Das ist für Russland immer noch deutlich lukrativer als früher, als das Gas für um die 15 Euro pro Megawattstunde zu uns kam. Aber man würde eben nicht 130 Euro pro Megawattstunde nach Russland überweisen.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten?

Ja. Man kann auch Treuhandkonten nutzen, so dass das Geld zunächst nicht ausgezahlt wird, sondern erst fließt, wenn bestimmte Meilensteine erreicht sind. Oder eine Importsteuer einführen, die dazu führt, dass wir einen Teil der Erlöse abschöpfen, die Russland jetzt realisiert. All das könnte einen Lieferstopp nach sich ziehen. Aber es nimmt Russland definitiv die Möglichkeit, den Gaspreis immer weiter in die Höhe zu treiben und uns so unter Druck zu setzen. In Deutschland hat die Angst vor einem Lieferstopp bisher ein strategisches Vorgehen verhindert, das uns in die Vorhand bringt. Aber einen Lieferstopp können wir auch jetzt nicht verhindern. Dafür haben wir uns erpressbar gemacht.

Sie hatten schon zu Beginn des Krieges die Haltung eingenommen, dass es besser wäre, kein Gas aus Russland zu beziehen, als den Krieg zu finanzieren. 

Ich war von Anfang an für eine der drei beschriebenen Maßnahmen, die die russischen Einnahmen beschränkt hätten. Das hätte nicht automatisch ein Embargo von russischem Gas bedeutet, aber das wäre sicherlich von Putin angedroht worden. Man hätte also einen Lieferstopp in Kauf nehmen müssen. Davor ist man zurückgeschreckt. Jetzt stehen wir aufgrund der Unsicherheit so dar, dass wir sehr hohe Gaspreise haben und sie auch noch an Russland zahlen müssen.

Werden die Preise denn jetzt so hoch bleiben?

.Naja. Wir können immer noch die beschriebenen Maßnahmen umsetzen, um die aktuelle Situation besser unter Kontrolle zu bekommen. Aber auch mittelfristig wird Gas nicht mehr so günstig wie früher sein. Die Bezugspreise werden zwar nicht so hoch sein wie heute, aber dauerhaft höher als vor dem Krieg. Das liegt einfach daran, dass wir die russischen Mengen in großen Teilen substituieren müssen. Und die Bezugskosten für LNG-Gas, das per Schiff kommt, sind höher als von Pipelinegas. Aktuelle Future-Preise liegen zwischen 35 und 50 Euro pro Megawattstunde. Das ist natürlich signifikant über den alten Preisen und wird auch so bleiben. Trotzdem sollten wir alles daransetzen, möglichst schnell nicht mehr abhängig von Russland zu sein.

Welche Auswirkungen werden die höheren Preise denn auf die deutsche Wirtschaft haben?

Signifikante. Unmittelbar wird die Produktion teurer. Andererseits führen die hohen Gaspreise dazu, dass klimafreundliche Energieträger relativ zu Gas attraktiver werden.

An welche denken sie da?

Vor allem an die Transformation hin zu Wasserstoff. Hier gibt es umfangreichen staatlichen Handlungsbedarf.

Ist das nicht sehr weit in die Zukunft gedacht?

Man muss dringend langfristig denken, da die Entscheidungen heute auch Investitionen in die Transformation, etwa in der Industrie, beeinflussen. Die Bemühungen des Bundeswirtschaftsministers, Gaslieferverträge mit anderen Ländern abzuschließen, sind zum Beispiel teilweise an den sehr langen Laufzeiten gescheitert. Ein Vertrag mit Katar über Gaslieferungen etwa hätte über 20 Jahre laufen sollen. Nun könnte man das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden. Man könnte langfristige Verträge schließen, aber kommt mit den entsprechenden Staaten überein, dass man zunächst Gas bezieht und perspektivisch dann Wasserstoff aus erneuerbaren Energien.
So würde man die Gasversorgung sicherstellen, könnte aber gleichzeitig Wertschöpfungsketten für Wasserstoff aufbauen.

Das klingt nach einem sehr langfristigen Plan. Woher bekommt Deutschland denn in der Zwischenzeit Gas?

Da gibt es verschiedene Länder, die man in Erwägung ziehen könnte: Australien, Schottland, Norwegen, die Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar, aber eben auch die nordafrikanischen Staaten. All diese Länder exportieren heute fossile Energieträger. Sie bringen sich aber auch in Stellung, perspektivisch Wasserstoff aus erneuerbaren Energieträgern zu exportieren. Von Australien aus oder von Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten aus würde das per Schiff ablaufen, während Schottland und Norwegen über Pipelines liefern könnten. Das ist noch mal viel günstiger.

Sollten wir uns dann nicht auf die Länder fokussieren, aus denen wir am günstigsten Gas oder eben Wassersoff beziehen könnten?

Nein, das sollten wir nicht tun. In Zukunft wird es darauf ankommen, zu diversifizieren, um das Risiko für einen Ausfall eines Lieferanten gering zu halten. Dafür brauchen wir eine große Nachfragemenge. Und das spricht wiederum dafür, die Verträge im Rahmen der Europäischen Union zu schließen und nicht als einzelner Staat. Aufgrund der hohen Gesamtnachfrage der EU könnten wir mit einer größeren Zahl an Staaten Lieferverträge abschließen.

Wie soll die EU denn andere Länder überzeugen, langfristig auf die Lieferung von Wasserstoff umzusteigen?

Es gibt Länder in Afrika oder in Südamerika, die zwar noch keine fossilen Energien exportieren, aber über exzellenten Voraussetzungen dafür verfügen. Durch die Energielieferungen an Europa könnten sie neue Märkte erschießen und Wachstum realisieren. Der Aufbau der entsprechenden Energiewertschöpfungsketten an sich eröffnet Wertschöpfungsoptionen für die deutsche und europäische Industrie, die hier über viel Kompetenz und Technologie verfügt. Darüber hinaus können sich aus diesen Energiepartnerschaften auch Handelsbeziehungen für andere Güter oder etwa Rohstoffe entwickeln.

Aber nicht jedes Land der Erde bietet genau die Güter, die große Industrien in Deutschland wie der Maschinenbau oder die Automobilindustrie benötigen.

Das stimmt. Aber aktuell ist es so, dass kritische Rohstoffe zwar in vielen Staaten weltweit abgebaut werden. Nur dann wird vieles nach China transportiert, wird dort weiterverarbeitet und dann etwa nach Europa exportiert. Die europäischen Staaten haben zugelassen, dass sich die Weiterverarbeitung von Rohstoffen quasi nach China „ausgelagert“, nicht zuletzt weil das oft auch umweltbelastende Prozesse sind. Das schafft bedenkliche Abhängigkeiten. Diese Abhängigkeiten von China sind eigentlich noch heikler als die Abhängigkeiten von Russland mit Blick auf den potenziellen wirtschaftlichen Schaden, falls diese Beziehungen einmal in Frage stehen.

Nun ist ja nicht gesagt, dass die neuen Energielieferanten in Afrika oder der arabischen Welt immer zuverlässig sein müssen. Ist es so viel besser von ihnen abhängig zu sein als von Russland?

Wir werden es uns nicht leisten können, die Welt in Gut und Böse einzuteilen und nur mit den Guten zu handeln. Es wird ja immer groß angekündigt, was für Verwerfungen es geben würde, wenn das russische Gas wegfällt. Die Verwerfungen, wenn Deutschland sich auf die freundlichen, demokratischen Staaten konzentriert, wären ungleich größer. Es gibt also nur eine Lösung: Wir müssen diversifizieren.


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