KommentarFirmen müssen börsentauglicher werden

Jens Munk
Jens Munk ist Managing Director der Londoner Investmentbank Torch Partners. Er ist seit 25 Jahren als Entrepreneur, Investmentbanker und Investor im internationalen Technologiesektor tätig

Wer die Berichterstattung über eine Renaissance des „Neuen Marktes“ verfolgt hat, der musste fast zwangsläufig zu dem Schluss kommen: Ein einfacherer Zugang zur Börse könnte das Allheilmittel gegen Unterfinanzierung und fehlende Exits in Deutschland sein. Das ist jedoch falsch. Das Problem vieler deutscher, aber auch internationaler Start-ups liegt nicht bei den hohen Hürden für einen Börsengang, die mit der Forderung nach einem Neuen Markt in Deutschland beseitigt werden sollen. Das Problem ist, dass die meisten Unternehmen (noch) nicht zum Börsengang taugen –  sie sind einfach noch nicht bereit für den Tanz auf dem Parkett. Wir müssen deshalb nicht die Börsen unternehmerfreundlicher machen, sondern die Unternehmen börsentauglicher.

Klar ist: Wir haben in Deutschland eine ganze Reihe von Finanzierungsmöglichkeiten insbesondere in der Frühphase einer Unternehmung: Fördertöpfe, Seed-Investoren, Business Angels, Crowdfunding-Plattforme, um nur einige zu nennen. Noch klarer ist die Finanzierungslücke bei wachstumsorientierten A- und B-Runden. Die Börsen-Diskussion in Deutschland rankt sich auch um die Problemlösung dieser Finanzierungslücke. Die Börse ist nicht die Antwort für Unternehmen in dieser Finanzierungsphase. Vielmehr muss es darum gehen, börsenfernes (internationales) Risikokapital zu akquirieren. Dann gelingt es auch hier, Technologieunternehmen aufzubauen, die international eine Rolle spielen und ihre Errungenschaften exportieren können.

Größe ist wichtig

Nun stellt sich die Frage, für welche Unternehmen sich ein Börsengang anbietet. Unstrittig dürften nämlich die Chancen sein, die mit einer Notierung einhergehen können: Die neu gewonnene Liquidität lässt sich dazu verwenden, um neue Märkte zu erschließen oder durch Zukäufe zu wachsen. Der IPO kann auch dabei helfen, neue Talente anzuziehen und seine internationale Relevanz zu unterstreichen.

Bei der Frage nach der Tauglichkeit zum Börsengang ist vor allem die Größe eines Unternehmens wichtig. Mit einer entsprechenden Größe ist die Wettbewerbsfähigkeit in jenem Segment unter Beweis gestellt worden und mit Größe kann das Unternehmen auch Belastungen standhalten, die durch eine Notierung am Markt auftreten können.

Doch das allein reicht nicht: Noch wichtiger ist die Vorhersehbarkeit und das Wachstumspotenzial. Es ist notwendig, seinen Anlegern klar zu machen, wo die Reise hingeht, wo das Unternehmen in ein paar Jahren stehen wird. Jeder muss verstanden haben: Aktionäre verzeihen nicht, wenn sie sich getäuscht fühlen oder unrealistische Wegmarken erkennen. Es ist zwar schwierig, hier eine konkrete Zahl zu nennen, aber Unternehmen, die zwischen 80 und 100 Mio. Euro Umsatz jährlich machen, profitabel und auf Wachstumskurs sind, taugen erfahrungsgemäß für den Gang an die Börse.

Nach der Erstnotiz beginnt die Arbeit

Aber auch für diese Unternehmen ist Vorsicht oberste Pflicht: Der Glaube, dass der Tag des Börsenstarts der wichtigste Tag für das Unternehmen ist, liegen falsch. Die Erstnotiz ist nur der Tag für den erstmaligen Verkauf von Aktien an ein breites Publikum. Die eigentliche Arbeit beginnt danach. Wie wird der Sekundärmarkt organisiert, damit die Liquidität im Umlauf bleibt? Um nicht zu vergessen: Den meisten institutionellen Investoren (wie Fonds) ist der finanzielle Eintritt in kleinere Börsensegmente gar nicht gestattet. Um keine Verhältnisse wie in Zeiten der großen Internet-Blase um das Jahr 2000 wiederaufkommen zu lassen, dürfen Börsengänge nur das Mittel der Fähigen sein – also denjenigen, die den Platz auf dem Parkett mit ihrem Tanz ausfüllen können.

Um deshalb wieder mehr Unternehmen für die deutsche Börse gewinnen zu können, sehe ich zwei Notwendigkeiten: Im Werben um die besten Emittenten muss sich die Deutsche Börse noch attraktiver und präsenter zeigen, um sich gegen Nasdaq, London Stock Exchange & Co. Feldvorteile zu erarbeiten. Das gilt insbesondere für die Unternehmen, die schon heute mit starken Zahlen und US- und UK-Geschäft hervortun. Kleinere Firmen an der Schwelle zur Börsenreife sollten hingegen in einem institutionalisierten Prozess behutsam zum möglichen, aber nicht zwingenden Börsenstart herangeführt werden.

So könnte die Deutsche Börse gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Durch die frühzeitige und vertrauensvolle Bindung der Unternehmen hätte man schon heute den Emittenten von morgen – und bräuchte auch keine Gedankenspiele zum Neuen Markt mehr.

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Fotos: Privat; Getty Images