KolumneEons gefährlicher Irrglaube

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab sich Eon-Chef Johannes Teyssen als überzeugter Marktwirtschaftler. Redete gern und oft über die heilsame Wirkung des Wettbewerbs auf den Energiemärkten, forderte weniger Staat und frohlockte gar, das „regulierte Geschäft“ spiele für seinen Konzern glücklicherweise „nur noch eine geringe Rolle“. Heute hört sich Teyssen genau umgekehrt an: Seine ganze Hoffnung für die „neue Eon SE“ ruht auf staatlichen Garantien für erneuerbare Energien und Stromnetze. Ihre Zukunftsfähigkeit leitet sie heute aus der Tatsache ab, dass sie weit mehr als die Hälfte ihrer Gewinne in regulierten Märkten macht. Je mehr Staat im Energiemarkt, so suggeriert Teyssen, umso besser für Eon. Das könnte sich jedoch als gefährlicher Irrglaube erweisen.

Kurz- und mittelfristig mag die Rechnung mit garantierten Einspeiseprämien in der Windkraft und festgelegten Gewinnen in den Stromnetzen aufgehen. Langfristig aber bieten staatliche Garantien eben keine verlässliche Grundlage für private Gewinne. Die Politik kann Gesetze durch einen Federstrich in ihr Gegenteil verkehren – die ganze Energiebranche hat es in der Atomkraftfrage schmerzlich erfahren. Warum sie diese Erfahrung jetzt schon wieder vergisst, kann man nur als Rätsel bezeichnen. Schließlich gibt es schon jetzt genügend kritische Stimmen, die Deutschlands Energiepolitik mit ihren stetig steigenden Subventionen für die erneuerbare Stromerzeugung schlicht für nicht nachhaltig halten. Irgendwann wird alles viel zu teuer. Der Handlungsbedarf für den Staat wächst von Jahr zu Jahr.

Kleinere asiatische Länder sind die Verlierer

Möglicherweise erwischt der Staat Eon schon in wenigen Jahren wieder auf dem falschen Fuß. Nach dem Desaster mit der Atomkraft und dem raschen Verfall der Strompreise verfügte der Konzern wenigstens noch über genügend Polster, um die Krise finanziell abzufedern. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Nach dem letzten 16-Milliarden-Verlust liegt das Eigenkapital nur noch bei 1,3 Mrd. Euro. Mit der schnellen Kapitalerhöhung in der letzten Woche erhöht es sich um etwa den gleichen Betrag. Doch von einer soliden Bilanz kann bei 26 Mrd. Euro Nettoschulden keine Rede sein. Eon kann keine weiteren Schocks wegstecken.

Im Gegenteil: Der Konzern muss in den nächsten Jahren viel Geld in neue Geschäftsfelder investieren und kann sein Eigenkapital daher aus eigener Kraft nur sehr langsam erhöhen. Auch wenn Eon seine Risiken aus dem Abbau der Atomkraftwerke mit dem Geschäftsjahr 2016 endgültig entsorgt und seine restliche Beteiligung an der abgespaltenen Tochter für konventionelle Energien in der Bilanz auf ein realistisches Maß abgeschrieben hat, schlummern im übrig gebliebenen Restkonzern immer noch erhebliche Risiken. Das gilt zum Beispiel für das Geschäft im Ausland. Außerdem kann man bisher noch keineswegs sicher sein, dass die neuen Dienstleistungen für Privathaushalte und kleinere Firmen langfristig profitabel sein werden. Die Konkurrenz ist groß – und jeden Tag kommen neue Start-ups als Wettbewerber hinzu. Die Eon-Aktie bleibt ein sehr wackliges Investment.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: