GastbeitragTwitter & Trump: Was bedeuten soziale Medien für die Demokratie?

Wolfgang Gründinger zählt zu den „Top 40 unter 40“ des Capital-Magazins.Foto: Paul Probst

Es wäre zu einfach, die sozialen Medien allein für Donald Trumps Wahl-Erfolge verantwortlich zu machen. Denn sie sind zwar ein Brandbeschleuiniger, nicht aber die Ursache des Problems. Vier Jahre kleptokratisches Chaos, hemmungslose Lügen, offene Sympathie für extremistische Gewalt – und trotzdem brachte Donald Trump im Wahlkampf fast die Hälfte der Nation hinter sich. Wie konnte es sein, dass ein autokratischer Lügner und Oligarch fast wiedergewählt worden wäre? Wie ist so etwas überhaupt möglich?

Für viele ist die Antwort klar: Social Media müssen schuld sein! Warum sonst sollten Menschen schließlich diesen Typen wählen, wenn nicht perfide manipuliert durch unsichtbare Algorithmen?

Die digitalen Plattformen reagierten viel zu spät und zögerlich, als schon längst klar war, dass Demokratiefeinde sie als Organisationsraum und Propagandamaschine missbrauchten. Aber sind Twitter und Facebook die Steigbügelhalter für Trumps Weg zur Macht? Ich denke: Nein. Wer so denkt, reduziert die Bedrohung auf ein rein technisches Problem, das durch etwas mehr Regulierung (oder die wirklichkeitsfremde Abschaffung digitaler Kommunikation) wieder in den Griff zu bekommen wäre, und lenkt ab von viel fundamentaleren Fragen einer deliberativen Demokratie.

Auch Cambridge Analytica waren nur Großmäuler

Schon für Trumps vermeintlich überraschenden Wahlsieg 2016 hatten viele Facebook und Twitter verantwortlich gemacht. Doch die Evidenz, dass dem wirklich so war, ist eher dürftig.

Zwar hatte die zwielichtige Firma Cambridge Analytica großspurig behauptet, mithilfe erschlichener Profildaten Werbeanzeigen auf Facebook geschaltet zu haben, um so die Hirne der Menschen zu manipulieren. Aber schon damals waren die Zweifel groß, ob Werbeanzeigen wirklich Millionen von Meinungen einfach so umdrehen können. Nach einer drei Jahre dauernden Untersuchung fanden die britischen Datenschutzbehörden schließlich keine Belege für den Erfolg des Datenmissbrauchs.

Cambridge Analytica waren erfolgreiche Marktschreier, aber missglückte Manipulatoren.

Trump-Sympathisanten nutzten kaum soziale Medien und informierten sich vornehmlich über den mächtigen konservativen TV-Sender Fox News – der war für 40% der Trump-Anhänger die Hauptquelle der Information. Die kritische Rolle von Fox News geht aber leider unter, weil wir uns von der Debatte um soziale Medien allzu gern ablenken lassen.

Aber gibt es nicht die Filterblase, bei der wir nur noch angezeigt bekommen, was uns in unserer Meinung bestärkt? Diese These ist zwar beliebt, aber dürftig belegt. In den USA korreliert eine höhere Nutzung sozialer Medien sogar mit geringerer politischer Polarisierung! Junge Menschen favorisierten überdeutlich Biden, die Alten präferierten dagegen Trump. Wären soziale Medien so spaltend, dann wäre es genau andersherum.

Wir sind Teil des Problems

Die Algorithmen sozialer Medien präferieren Posts, die für viele Reaktionen sorgen – und das sind häufig ein abweichende Meinungen. Ich habe Trump beispielsweise auf Twitter nicht abonniert. Dennoch bekomme ich ständig seine Tweets in meine Timeline gespült, weil es genügend Nutzer gibt, die ihn kommentieren. So verbreiten wir alle die Lügen weiter, ob gewollt oder nicht.

Allein wäre Trump nur ein Twitter-Account. Wir alle haben ihn großgemacht, indem wir seine Agenda weitertransportierten. Lügen auf Social Media machen nur dann Karriere, wenn auch Zeitungen und Fernsehen auf sie aufspringen, zeigt eine Studie zur deutschen Bundestagswahl 2017. Erst so kommen sie von der Nische in den Mainstream. Wenn klassische Medien über Trump berichten, als handele es sich um seriöse Politik, dann befördern sie nur seine Agenda.

Der Journalismus kam lange Zeit (und teils bis heute) nicht klar mit der bizarren Abstrusität der Trumpschen Irrlichterei. Trump hackte bewusst die Grundsätze journalistischer Distanz und Ausgewogenheit. Social Media wirkten als Brandbeschleuniger, nicht als Ursache.

Kampf den Demokratiefeinden

Die Feinde der Freiheit verwenden ebenjene Freiheit dazu, diese abzuschaffen. Die Demokratiefeinde suchten sich nur einen Weg, um sich zu organisieren, und eine Leitfigur, die sie zusammenbringt. Sie wählten Trump, weil sie gut fanden, was er sagte und tat, und obwohl sie wussten oder leicht hätten wissen können, dass er ein Lügner und Autokrat ist.

Die sogenannte Mitte-Studie zeigt erschreckend regelmäßig, wie viele Menschen auch hierzulande tatsächlich einer antidemokratischen, fremdenfeindlichen, chauvinistischen oder nationalistischen Gesinnung nachhängen. Im Jahr 2006, als die Studie begann, war das Internet nur embryonal entwickelt. Damals musste man noch einen anderen Sündenbock suchen, sofern man die Ergebnisse nicht einfach abstritt oder teilnahmslos ignorierte. Lange wollten wir schlicht nicht wahrhaben, dass die Feinde der Freiheit sich organisierten.

Wir müssen den Feinden der Freiheit den Kampf ansagen. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die uns alle zum Handeln zwingt, und leider ist sie genau deshalb so schwer. Wir dürfen wir nicht mehr wegschauen, kleinreden, relativieren. Keine Ausreden mehr, und keine Beschwichtigungen. Nicht in den sozialen Medien – und auch nicht anderswo.


Dr. Wolfgang Gründinger ist Digitalvordenker und Zukunftslobbyist. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt „Alte Säcke Politik“. Er zählt zu den „Top 40 unter 40“ des Capital-Magazins.