Smarte ProblemlöserTip Me: ein Trinkgeld für die Erstproduzenten

Tip Me_Pakistan
Tip Me will globale Lieferketten fair und transparent gestalten.


Klimawandel, Armut, Flüchtlingskrisen: Die Welt ist voller Probleme. In einer Serie präsentiert Capital Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit – von smarten Köpfen und innovativen Unternehmungen. Diesmal: Tip Me


Das Problem:

Über neun Kilogramm Schokolade naschen die Deutschen im Durchschnitt. Damit beläuft sich der Pro-Kopf-Verbrauch auf fast zwei ganze Tafeln in der Woche. Doch das süße Vergnügen hat einen bitteren Nachgeschmack. Mehr als zwei Drittel des dafür benötigten Kakaos stammen aus Westafrika – Hauptlieferant ist die Elfenbeinküste mit 264.800 Tonnen (Netto-Importe 2018). Und obwohl der Anteil fair gehandelten Kakaos stetig ansteigt, zuletzt auf 260.628 Tonnen im Jahr 2018, herrschen am Anfang der Lieferkette immer noch problematische Bedingungen. Viele Kakaobauern, insbesondere in Westafrika, leiden weiterhin unter Armut.

Hungerlöhne sind auch im Zusammenhang mit der Herstellung anderer begehrter Konsumartikel allgegenwärtig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr Waren im Wert von knapp 1090 Mrd. Euro, darunter auch Kaffee aus Brasilien oder T-Shirts aus Bangladesch – die Lieferketten sind dabei nicht immer fair. Um diese Missstände zu überwinden, hat die Bundesregierung eine Strategie in ihrem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte verankert. Auch ein Berliner Start-up will die Löhne und die Lebensbedingungen der ursprünglichen Produzenten verbessern: Tip Me arbeitet an einer ganz eigenen Lösung des Problems.

Die Lösung:

Nach einem Restaurantbesuch können wir uns mit einem Kleinstbetrag für den guten Service bedanken. Und genau auf diesem Prinzip beruht auch das globale Trinkgeldsystem des Start-ups Tip Me. Wer zum Beispiel online Mode bei einem der zukünftigen Partnerunternehmen von Tip Me kauft, soll die Möglichkeit haben als Dank dem Warenkorb mit Hilfe eines Add-on ein Trinkgeld hinzufügen, das zu 100 Prozent direkt an das erste Glied in der Lieferkette – also an die Näherin oder den Näher selbst – weitergeleitet wird. Und die ersten Trinkgelder wurden bereits verschickt – an Odielio, einen Guarana Bauern in Brasilien, der mit dem Bio-Unternehmen Koawach zusammenarbeitet; an Bayti hier, ein integratives Fashion-Label; und an pakistanische Näherinnen, die faire Sneaker für Ethletic herstellen. „Die meisten nutzen die zusätzlichen Einnahmen, um Alltagsprobleme zu beheben, zum Beispiel ihre Motorräder zu reparieren oder ihren Kindern den Schulweg zu bezahlen“, so Jonathan Funke, Initiator von Tip Me.

In Zukunft soll die Direktüberweisung über die Blockchain-Technologie erfolgen. Alle  Produzenten in den Herkunftsländern werden in einer Datenbank registriert und bekommen ein eigenes SMS-Konto, über das der Geldtransfer abläuft. Bei einer lokalen Bank können sich die Hersteller das Trinkgeld dann in bar auszahlen lassen. So will Tip Me die Auszahlung sicher und die Lieferketten transparent machen. Derzeit befindet sich das Start-up in der Prototyp-Phase und bietet Strategien für Direct-Trade-Partner an, die Tip Me für eine monatliche Gebühr nutzen können.

Der Kopf dahinter:

Mit gerade einmal fünf Jahren gründet Jonathan Funke ein internationales Kinderradio. Er wollte auf die großen Probleme unserer Gesellschaft aufmerksam machen und interviewte bedeutende Persönlichkeiten wie Johannes Rau oder Jane Goodall. Später studierte er Sustainable Business Management. Eine Demonstration gegen den Modehändler Primark bringt ihn auf die Idee, dass schon ein geringer Cent-Betrag die Löhne von Arbeitern in Entwicklungsländern verbessern kann. Zusammen mit seinem Partner Robin Collin gründet er dann Anfang 2018 Tip Me mit einer klaren Vision: „Die Welt, in der wir leben, ist so verbunden wie noch nie zuvor. Es ist Zeit, diese Verbindungen zu nutzen. Wir wollen, dass faire Produkte selbstverständlich sind“, so Funke.

Laut Tip Me ist das globale Trinkgeld aber erst der Anfang, um eine maximal transparente und faire globale Lieferkette zu etablieren. In Zukunft will das Start-up auch die deutschen Supermärkte erobern, um noch mehr Herstellern von Alltagsprodukten faire Löhne zu garantieren. Tip Me hat es unter die Top 5 des Wiwin Awards geschafft, eine Auszeichnung für nachhaltige Start-ups.

So funktioniert Tip Me: