Smarte ProblemlöserDieses Start-up könnte die Recyclingindustrie revolutionieren

Christian Schiller_Cirplus
Christian Schiller von Cirplus-Gründer Christian Schiller bei einem Besuch im Entsorgungsbetrieb.Bertold Fabricius


Klimawandel, Armut, Flüchtlingskrisen: Die Welt ist voller Probleme. In einer Serie präsentiert Capital Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit – von smarten Köpfen und innovativen Unternehmungen. Diesmal: Cirplus


Das Problem:

Mehr als 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff wurden seit den 1950er-Jahren hergestellt. Laut des Plastikatlas 2019 der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland existieren rund 75 Prozent des gesamten weggeworfenen Kunststoffs noch heute. Die Recyclingquote von Plastikverpackungen beträgt weltweit gerade einmal 14 Prozent. Der Großteil wird zu minderwertigen Produkten downgecycelt.

Der Rest landet auf Deponien im Ausland, in Verbrennungsanlagen oder in der Umwelt, was enorme ökologische Probleme zur Folge hat. Der Handel mit Müll, insbesondere Kunststoffabfällen, war jahrelang ein globales Geschäft. Doch seit die Volksrepublik China keine Lust mehr hat, den Mülleimer für Europa zu spielen, ist die Sorge groß, dass auch andere Nationen den Import von Plastikmüll verbieten. Die Nachfrage nach alternativen Lösungen ist groß.

Hinzu kommen neue Verpackungs-Richtlinien und die Plastikstrategie der EU: Die Recyclingquote wurde auf knapp 60 Prozent angehoben, der Produktanteil von Rezyklat in Verpackungen muss erhöht und die Kunststoffverpackungen sollen generell recyclingfähiger gestaltet werden. Diese Vorgaben zwingen nun die Hersteller von Kunststoffverpackungen innerhalb von drei Jahren ihre Lieferketten anzupassen.

Doch wirtschaftliche und technische Hindernisse setzen Grenzen: Die meisten Wegwerfprodukte bestehen aus unterschiedlichen Kunststoffmaterialen und erschweren somit ein sortenreines Recycling und die Herstellung wertiger Rezyklate. Gleichzeitig steht die Digitalisierung dieser Branche noch ganz am Anfang, was den Prozess sowohl für Einkäufer als auch Verkäufer erschwert.

Die Lösung:

Cirplus will die Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe realisieren. Der unabhängige Software-Dienstleister hat es sich zum Ziel gemacht, die gesamte Kunststoff- und Entsorgungsbranche zu vernetzen. Denn „bisher reden die Entsorgungswirtschaft und die Kunststoffverarbeitung kaum miteinander“, sagt Cirplus-Gründer Christian Schiller. Doch in dieser Zusammenarbeit stecke ein enormes Potenzial.

Um diese Interaktion zu unterstützen, hat das Gründerteam von Cirplus einen digitalen Marktplatz für recycelte Kunststoffe entwickelt. Gemeinsam mit Experten der Kunststoffverarbeitung will das Start-up eine globale B2B-Plattform aufbauen. So will Cirplus die gesamte Kette der Verarbeitung und des Recyclings von Kunststoffen nachvollziehbarer gestalten. „Wer macht was, wer kann was recyceln, in welchen Mengen und in welcher Kunststoffart – mit Cirplus wollen wir einen maximal transparenten Marktplatz schaffen“, so Schiller.

Kunststoffverarbeiter geben ein Kaufgesuch auf, und Cirplus schlägt geeignete Anbieter aus der Recycling-Branche vor. Die Digitalisierung aller Transaktionen, inklusive Logistik- und Zahlungsabwicklung, soll in Zukunft einen problemlosen und effizienten Einkauf und Vertrieb von recycelten Kunststoffen ermöglichen. Durch die Vernetzung will Cirplus auch eine weitgehende Standardisierung der Kunststoffmaterialien vorantreiben.

Der Name Cirplus ist eine neue Wortschöpfung aus den englischen Begriffen circular und surplus. Mit Hilfe des zirkularen Modells will das Hamburger Start-up nicht nur den ökologischen Fußabdruck von Plastik reduzieren, sondern den Rohstoff auch wieder aufwerten.

Der Kopf dahinter:

Christian Schiller und Volkan Bilici haben sich beim Speed-Dating für Start-ups im Rahmen des Acceleratorprogramms von Entrepreneur First kennegelernt. Schiller, studierter Kaufmann, baute zuvor den deutschen Markt für die weltgrößte digitale Mitfahrplattform Blablacar aus, während der Blockchain-Experte und Software-Entwickler Bilici namenhafte Unternehmen wie Brickblock und Frontier Car Group mit seinem Tech-Wissen unterstützte. Nun hat das komplementäre Duo ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Menge an Plastikmüll, der in die Umwelt gelangt, auf Null reduzieren. Um diese Vision zu verwirklichen haben die beiden Ende 2018 Cirplus gegründet.

Im April 2019 ging das Start-up online und verzeichnete nach eigenen Angaben bereits mehrere 10.000 Tonnen Materialanfragen aus über 16 Ländern. Die ersten Transaktionen mit Unternehmen wurden eingeleitet.

Mit Climate KIC, der größten Innovationspartnerschaft der EU gegen den Klimawandel, konnte das Start-up einen wichtigen Kooperationspartner gewinnen. Anfang Oktober wurde Cirplus in der Kategorie „Change“ für den Next Economy Award, der größten Auszeichnung für grüne Gründer, nominiert. Das Unternehmen hat es außerdem unter die Top 10 des WiWin-Awards, Deutschlands höchstdotiertem Preis für nachhaltige Start-ups, geschafft.

So funktioniert cirplus: